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Glögglifrosch

«Du bist ein schöner Glögglifrosch», sagten wir in meiner Jugend zueinander. Das spielte sich nur unter uns Kindern ab. Einen Erwachsenen «Glögglifrosch» zu nennen, das ging nicht. Die Welt wäre zusammengestürzt. Es war ein Ausdruck tiefster, aber immer noch liebevoll gemeinter Missbilligung!

Dann verschwand der Ausdruck aus meinem Vokabular und Bewusstsein. Bis ich eines Abends, unterdessen wohnhaft und berufstätig in Luzern, im Park des Schlosses Schauensee ob Kriens ein Konzert besuchte. Bei langsam dunkler werdendem Himmel und verzauberter Stimmung.

Schon beim Warten auf das Konzert hörte ich einzelne melodiöse Töne, die ich nicht einordnen konnte. Waren das die Musiker, die noch ihre Instrumente stimmten? Aber das konnte es nicht sein. Das Konzert begann, ich vergass meine Irritation. Bis zur Pause. Da hörte ich sie wieder, diese gleichsam entrückten Töne, die zur gespielten Musik und zur Abendstimmung passten, und doch nicht dazu gehörten.

Etwas später wurde ich fündig. Die melodiösen Töne kamen vom «Glögglifrosch» mit offiziellem Namen «Geburtshelferkröte» genannt. Kurzes Erstaunen, dann wurde meine naturkundliche Entdeckung durch die Anforderungen von Beruf und Politik wieder in den Hintergrund gedrängt.

Vor einigen Tagen erzählte mir ein Freund, wie er mit gesammeltem Vogelgezwitscher die Grillparty in einem Nachbargarten «beschallt» und bereichert habe. Die Vogelstimmen habe er aus dem Internet geholt und via Lautsprecher, hoch oben am Haus montiert, einen «Vogelstimmenteppich» ausgerollt. Das habe die Gäste im Garten kurz von ihren Tätigkeiten abgelenkt. Sie hätten die Köpfe gehoben, etwas fragend in die Höhe geguckt und sich dann wieder der Vorbereitung ihrer Schlemmereien hingegeben.

Versammeltes Vogelgezwitscher an einem Frühlingsabend war zwar nicht so richtig erklärbar. Das hätten die Partygäste wohl eher in der Morgenfrühe erwartet. Aber unser Erklärungsnotstand ist in der aktuellen Situation sowieso gross. Ein zeitlich entgleistes Vogelkonzert schien offenbar so überraschend auch wieder nicht zu sein.

Aber bei mir passierte etwas. Die Beschreibung des Vogelgezwitschers lockte in meiner Erinnerung andere Töne hervor. Leichte, melodiöse Töne, verbunden mit Musik, von der sie sich abhoben. Natürlich: Schlosspark, Konzert, Glögglifrosch!

So schnell sollte mir die Überraschung diesmal nicht wieder entwischen.

Und ich suchte als erstes ein Tondokument. Weil ich ganz sicher sein wollte, dass mich meine Erinnerung nicht täuschte. Und fand auch eines. Bei der Internetadresse «karch.ch» (Koordinationsstelle für Amphibien und Reptilienschutz in der Schweiz) existiert eine Auflistung «Amphibienlaute». Und zuoberst figuriert, wer hätte das erwartet, die «Geburtshelferkröte»! Ich klickte sie an. Und es hörte sich genau wie damals an, leichte, melodiöse Töne, in der Luft schwebend. Ich fühlte mich ganz glücklich! Es werden da noch zwölf andere Frösche und Kröten mit ihren Tönen vorgestellt. Aber schöner als mein Glögglifrosch quakt niemand!

Die Allerschönste ist sie ja nicht, die Geburtshelferkröte. Und in einer Kolumne hat sie auch nichts zu suchen. Aber weil sie doch so schön singt … !

Plötzlich ging mir durch den Kopf, wie sich wohl ein Schallteppich mit ganz unterschiedlichem Frosch- und Krötentönen anhören würde? Die Wirkung der gesammelten Vogelstimmen würde wohl um einiges übertroffen?!

Zum Glück klickte ich im Internet noch etwas weiter. Und stiess auf ein Dokument mit dem Titel: «Wie bringe ich die Frösche zum Schweigen?» Reichliche Ausführungen fand ich unter «die juristische Ausgangslage». Diese wird ergänzt durch «Massnahmen – Hilfe bei Froschgequake». Und die Massnahmen reichen von «einvernehmlicher Lösung» mit dem Nachbarn, der den Wasserfrosch in seinem Gartenteich gewähren lässt, bis zu «Schlafen bei geschlossenem Fenster, mit Oropax, während der Laichzeit.»

Schliesslich, aber nur im äussersten Notfall, kann man versuchen, die Frösche «wegzufangen», aber nur mit Bewilligung der kantonalen Naturschutzfachstelle. Wie da eine einmalige und humorvoll gemeinte Beschallung mit Frosch- und Krötentönen eingestuft würde, lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen!

Um den Bezug zum heutigen Alltag nicht zu verlieren: Eine kantonale oder besser eidgenössische Virenfachstelle gibt es offensichtlich noch nicht. Von «wegfangen» keine Rede, «ausweichen» ist das Gebot der Stunde!

3 Kommentare

  1. Liebe Judith, in jedem Newsletter lese ich zuallererst Ihre Kolumne. Immer ist es aufschlussreich, lustig, spannend. Sie haben wunderbare Art zu schreieben. Viiiiielen Dank.

    Martha Voirol
    Basel

  2. Das geht mir genau so. Ich freue mich immer so, das Gesicht von Judith Stamm zu sehen. Als sie noch Politikerin war, verehrte ich sie, was ich natürlich heute noch tue. Und nun erfreue ich mich an ihren Texten. Leider habe ich die Frau noch nie getroffen.
    Mit freundlichen Grüssen
    Erika Bauer

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