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FrontKulturSpannend und still: Das einfache Leben

Spannend und still: Das einfache Leben

Ein Frauenhaus ist es geworden, das Bündner Kunstmuseum bei der Wiedereröffnung nach dem Lockdown. Die Retrospektive Erica Pedretti geht weiter, dazu kommen Einzelausstellungen von zwei Künstlerinnen, der Italienerin Ludovica Carbotta und der Bündnerin Evelina Cajacob.

Tanzen anders ist die erste Museumsausstellung des Werks von Evelina Cajacob, und es ist zugleich die erste Schau, die im neuen Haus und der Villa Planta aufgebaut wurde, sagt Museumsdirektor Stephan Kunz bei der Einführung. Versammelt sind Zeichnungen räumliche Arbeiten und Videos seit 1992 bis heute.

Wachsvorhang 2000-2020 mit Videoinstallation StoffTraum, 2015 . Ausstellungsansicht. © Bündner Kunstmuseum Chur

Eintritt in den grossen Raum im ersten Untergeschoss durch weisse Vorhänge hindurch, deren Textur eine Täuschung sind – es ist kein Gewebe. Evenlina Cajacobs Werk ist leise und zurückhaltend bei der ersten Begegnung, selbst wenn das Objekt wie diese Installation riesengross ist. Aber es ist auch voller Energie und Bewusstsein für Zeit und Ewigkeit, für Bewegung und Raum.

Ohne Titel, 1991. Ausstellungsansicht © Bündner Kunstmuseum Chur

Im nächsten Raum steht vor der Treppe zum zweiten Teil der Ausstellung ein überdimensionierter Ball, bezogen mit Kaninchenfellen, die man gern streicheln möchte. Aber nichts da, der transparente Kubus, in dem die Kugel steckt, ist keine Museumsvitrine, er ist Teil des Objekts; es ist Absicht, dass der Streichelreflex unerfüllt bleibt. Wer nun Pandemie-Regeln assoziiert, liegt wohl nicht unbedingt daneben.

Das Objekt ist die früheste Arbeit von Cajacob in der Ausstellung, entstanden 1991 in Barcelona, wo die Oberländerin einen Teil ihrer Kunstausbildung machte. Evelina Cajacob, aufgewachsen in der Surselva im Bündner Oberland, ist früh aus der Enge weggegangen nach Katalonien, wo sie ihre Kunstausbildung bekam. Ihr Interesse galt damals dem Raum, sie baute Installationen und Objekte.

Evelina Cajacob in der Rauminstallation Wienzimmer mit 434 Zeichnungen und Textblättern. Foto: © Eva Caflisch

Im Lauf der Zeit kamen Zeichnungen dazu, später auch Videos. Das Werk ist klar ausgerichtet, Konzepte des Anfangs sind bis heute wiederzufinden. Im Zentrum steht der Lauf der Zeit oder auch des Lebens. Die Zeichnungen sind eine Parallelwelt zu den skulpturalen und digitalen Werken. Die Linie, die vielfach und häufig parallel über das Blatt mäandert, ist Textur, ist Haar. Oder sie wird zum Kringel wie ein Wollrest oder zur schwungvollen Welle, zum dreidimensional wirkenden Körper, zur stilisierten Blüte.

Evelina Cajacob sucht nicht das Figurative, aber es kann sich ergeben aus der Erinnerung, vielleicht ist es die Erinnerung an Kornfelder vor dem Gewittersturn, oder der Samenstand des Löwenzahns, bevor ein Lufthaus die Schirmchen davonträgt, oder die Lanzen reifer Gräser. Aber es gibt sie, die Raumzeichnung einer Landschaft oder Hecke, akribisch und so zurückhaltend gezeichnet wie seinerzeit die Studie an der Wand eines uralten Hotelschafzimmers im Bergell.

Landschaft 5, 2013 (Farbstift auf Papier und Wandzeichnungen) Ausstellungsansicht © Bündner Kunstmuseum Chur

Wer genau hinschaut, kann bei dieser Landschaft den Humor und das Spielerische finden: sitzt dort eine Eule auf einem Zweig, verschwindet eine Katze hinter dichtem Gezweig? Diese Zeichnungen – inspiriert von Hecken und Sträuchern – sind eine mögliche die Verbindung zwischen den Blättern mit haarähnlichen Linien und mäandernden Kurven und den Videos, die ganz einfache aber umso tiefsinnigere Frage an das menschliche Sein stellen. Zweifellos geht es um Hand-Arbeit: Evelina Cajacob zeichnet mit der Hand, die Videoinstallationen sind mit der Ausnahme eines Fliessgewässers im Kreis ohne Hände undenkbar. Sie kneten einen Brotteig, sie waschen Mangoldblätter für das Oberländer «Nationalgericht» Capuns, sie wickeln grob gesponnene naturfarbene Schafwolle zum Knäuel, sie falten Küchentücher.

HandArbeit, 2010, Videoinstallation. © Bündner Kunstmuseum Chur

Diese so simpel scheinende und so faszinierende HandArbeit schuf Evelina Cajacob 2010 für die Sommerausstellung Arte Bregaglia im Hotel Promontogno. Auf einem kleinen Tisch liegt ein Stapel Geschirrtücher, zwei Hände falten eins nach dem anderen in der gewohnten Weise. Immer neue Tüchlein werden gefaltet, aber der Stapel wird nicht weniger. Die scheinbar einfache Videoarbeit war ihr künstlerische Durchbruch, eine bekannte Galerie in Deutschland arbeitet seither mit ihr zusammen, und ihre erste grosse Ausstellung in Bochum wird jetzt, reicher noch, im Bündner Kunstmuseum gezeigt.

Il paun da mintgadi (Das tägliche Brot) 2011-12. Videoinstallation. Bündner Kunstmuseum

Diese endlosen Filmloops, die das Ewige, dargestellt am Notwendigen im Leben darstellen, üben einen Sog auf die Betrachter aus: Stundenlang könnte man zuschauen, wie Unser täglich Brot in der Teigschüssel um und um geknetet wird, ein erotisches Bild. Weniger am Alltag der Frau vom Berg inspiriert ist das Ballspiel – gibt es nicht eine Parallele zum allerersten digitalen Tennisgame in der Archäologie der Computerspiele – oder die immer neue und auch vom Zufall mitverursachte Veränderung des Bergseils, das die Hände der Künstlerin ergreifen und in andere Volten legen: Zeichnen mit dem Bergseil.

BergZeichen, 2017 Videoinstallation. Bündner Kunstmuseum Chur

Die Ausstellung ist nicht chronologisch aufgebaut, Zeichnungen, Rauminstallationen und die Videos sind organisch auf die Räume verteilt. Im Katalog ist die Verbindung früher und später Werke nochmals vorgeführt, ganz am Ende des reich bebilderten Bands Evelina Cajacob. tanzen anders werden die neuesten Zeichnungen – mit rotem und grauem Stift ausgeführte Überlagerungen, die an feines Gewebe von luftigleichtenVorhängen erinnern – gleich vor der Installation Hinter dem Vorhang abgebildet, die Evelina Cajacob erstmals für den Kunstpalast Düsseldorf aus Papier und Wachs gestaltete – jetzt neu gebaut im grossen Raum.

Die Riesenflächen aus weissen Vorhängen, wecken Neugier, was ist dahinter, eröffnen beim Durchgehen einen grossen weissen Raum, eine Art White Cube oder einen Bühnenraum mit weich fallenden Wänden, leer bis auf zwei Projektoren, die in zwei Ecken, wo die Vorhänge gezogen sind, je eine Videoprojektion zeigen – es geht um Stoffbahnen. Hier werden sie, ritschratsch, entzweigerissen, wie damals im Stoffladen, wenn wir Vorhangstoff kauften, dort mit der Hand Stich um Stich zusammengenäht, während die unsichtbare Näherin dazu ein Lied summt.

Was Cajacob einst ausdachte und umsetzte ist bis in die neuesten Arbeiten weiterentwickelt vorhanden mit einer kreativen Kraft, welche auch in den feinsten Zeichenblättern zu spüren ist. Es gibt jedoch auch Brüche, oder vielleicht eher Kapitel in diesem Werk, festzumachen an der Biographie, an den Aufenthalten zuerst in Barcelona, später dank Stipendien in Paris oder Wien. Während im Pariser Atelier der Bau von räumlichen Arbeiten aus Platzgründen aufhören musste, war Wien zunächst ein hartes Pflaster, wo die Künstlerin mit der Einsamkeit kämpfte. Was dann in sechs Monaten entstand, wurde nun im Museum eins zu eins nachgebaut: Zahllose Zeichnungen, die zum Teil übers Einzelblatt hinaus ineinandergreifen, mäandernd in die kreative Welt der Künstlerin führen.

Beitragsbild: Il paun da mintgadi (Das tägliche Brot), 2011-12
Die Ausstellungen im Bündner Kunstmuseum:
Evelina Cajacob. tanzen anders (bis 13. September)
Erica Pedretti. Fremd genug (bis 26. Juli)
Ludovica Carbotta. Die Telamonen (bis 2. August)
Hier finden Sie unsere Besprechung der Erica-Pedretti-Retrospektive

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