FrontGesellschaftWir müssen mönchischer werden

Wir müssen mönchischer werden

Josef Jendly hat in der Coronazeit täglich eine Kurzgeschichte geschrieben. Es sind einfache, berührende und nachdenkliche Geschichten, die vom erlebten Alltag in der Quarantäne erzählen und die es verdienen, einem breiten Lesepublikum bekannt zu machen. In loser Folge drucken wir jeweils vier Geschichten ab.

Josef Jendly ist 79 Jahre alt und lebt mit seiner Frau Carla in Düdingen, ist Vater dreier Töchter und Grossvater von fünf Grosskindern. Über sich selber schreibt er: «Ich schreibe gerne und bin oft als Jogger oder Wanderer im nahen Wald unterwegs und habe bis anhin die Coronaepidemie sehr gut überstanden». (Red.)

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«Amazon, Galaxus, Microspot oder auch Brack.ch» sind Namen von Unternehmen, die Andreas nicht gerne hört. Sie halten uns an, in der Coronazeit online zu bestellen. Und weil sie uns auch noch mit der Vision beschenken, «einmal bestellt und am gleichen Tag schon zu Hause», muss wohl oder übel jemand die Zeche bezahlen. Und das ist Andreas. Er arbeitet bei der Post und bringt mit seinem gelben Postauto täglich seine Fracht zu uns Kunden, lächelt auch noch dabei und gibt sich freundlich. Aber ich sehe an seinem Gesicht, dass er abgenommen hat, in steter Eile ist und achtgeben muss, am Abend die «Post» verteilt zu haben. Neulich lud ich ihn zu einem Kaffee ein, was er auch dankend annahm, aber diese zehn Minuten an seinem handygleichen Gerät musste er zuerst aus-, dann wieder einstempeln.  Und heute? Wenn ich ihn wiederum einlade, lehnt er dankend ab und meint, dass es wirklich nicht möglich sei. Er arbeite bereits unter enormem Zeitdruck, müsse Zusatzstunden einlegen, und er hätte auch Angst, den Anforderungen nicht mehr zu genügen. Andreas sehnt sich nach dem Ende der Pandemie, der Päckliflut und nach Ruhe. Ich möchte es ihm gönnen und werde, wenn es auch wenig nützt, auf online-Bestellungen verzichten, denn Andreas muss geschont werden! Ich sehe es an seinem Gesicht, an den müden Augen!

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Ich habe gestern beim Anschalten unseres TV-Gerätes einen ganz kurzen Ausschnitt aus der Sendung «Glanz und Gloria» mitbekommen. Ich glaube es war eine Tanzszene, aber der kurze Einblick genügte, um gleich wieder abzuschalten. Er lag, nach diesen vielen Hinweisen zum Distanzhalten und den vielen Bildern zu Krankheit und Tod, völlig daneben. Und so, glaube ich, geht es zurzeit wohl sehr vielen Zuschauern. Unterhaltungsbilder und Realität wollen nicht mehr übereinstimmen. Reklamen und Aufrufe zum schnellen Kaufen und Surfen kommen bei mir nicht mehr an, und in der Zeit des Daheimbleibens liegen auch schnelle und neueste Autos nicht mehr im Trend. Ich habe da jedenfalls meine Probleme, insbesondere auch dann, wenn mir in dieser langsamen Zeit ein Unternehmen ein noch schnelleres Handy mit vielen TV-Sendern schmackhaft machen will. Da klaffen Realität und Scheinwelt fast groteskerweise auseinander, und mir wird fast mulmig im Magen. Ich begreife natürlich, dass eine Wirtschafts- und Fernsehwelt nicht so rasch reagieren und entsprechend alle Widersprüche beheben kann. Aber für reine Unterhaltung bin ich momentan nicht zu haben, auch wenn Lachen und Schmunzeln in diesen Tagen für viele Leute eine willkommene Ablenkung bedeuten. In einer «Glanz und Gloria-Welt» sind wir heute sicher nicht zu Hause, weshalb mir ein gutes Buch viel lieber ist.

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Karin Wenger, die Südostasien Korrespondentin des SFR, berichtet von ihrem Besuch in einem thailändischen Kloster, das sich, neben anderen Aufgaben, darin spezialisiert hat, suchtabhängigen Menschen in ein menschenwürdiges Leben zurückzuführen. Sie spricht dabei mit einem Mönch, der, aus England kommend, sich zum Entzug dahin begab und im Kloster blieb. Und wie sie mit dem Coronaproblem umgingen, war ihre Frage? Sie hätten ihren» Gang ins Ungewisse», eine mehrtägige Wanderung durch Thailand , absagen müssen, antwortet der Mönch, aber ansonsten seien alle Massnahmen für sie kein Problem, da sie, mit oder ohne Grippe, stets das gleiche Leben führten: Sie meditierten jeden Tag recht lange, schwiegen meistens bei kurzen Begegnungen auf Spaziergängen oder während des Essens und hielten auch sonst immer den gebührenden und ehrfürchtigen Abstand. Und da sie ja immer im Kloster blieben, sei eine Ausgangsperre für sie sowieso illusorisch. Und im Weiteren meinte er, die Coronagrippe sei doch ein deutliches Zeichen: sie mache vor keiner Grenze halt, könne jeden Menschen treffen und zeige doch auf, wie wir alle miteinander verbunden seien. Eigentlich sei sie eine Chance, trotz allem, aus der wir alle viel zu lernen hätten. So war das Gespräch mit Frau Wenger, und ich fragte mich nach der Reportage, ob wir nicht alle etwas mönchischer werden müssten?

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Anthony Fauci ist Virologe und hat als solcher bereits mehrere amerikanische Präsidenten in Gesundheitsfragen beraten. Der Arzt mit italienischen Wurzen, bereits 79 Jahre alt, und ein ganz kleiner Mann, steht nun jeweils neben dem grossen Präsidenten Trump, und muss ihn auch belehren und korrigieren, denn was letzterer sagt, entspricht nicht immer der Wahrheit und schon gar nicht den jeweils notwendigen Massnahmen. Und das ist dann sehr lustig zu beobachten, wie ein ganz kleiner, aber gewiefter Mann dem wichtigsten Mann der USA die Show stiehlt. Dies tut er offensichtlich ganz gerne, weiss er doch, dass ihm zurzeit die Menschen mehr vertrauen, da seine  Botschaft klar, verständlich und wirklich umsorgend ist, ganz im Gegensatz zum Präsidenten, der die Wirtschaft möglichst rasch wieder ankurbeln und gleichzeitig das Coronavirus bekämpfen möchte. Aber beides ist nicht möglich, sind doch da einerseits die vielen Toten und andererseits die vielen Arbeitslosen. Aber momentan hat noch Fauci, der Mann mit der kleinen Statur und der Fistelstimme, das Szepter in der Hand, gut sichtbar, wenn jeweils der grosse Mann dem kleinen Arzt das Mikro übergeben muss. Schön so! Und wie sagte doch Napoleon, als man ihn einen kleinen Mann nannte?  Nein, nicht klein, nur kurz! Aber oho! Und Hand aufs Herz! Wem wäre der kleine Fauci nicht sympathischer?

2 Kommentare

  1. Herr Jendly spricht bzw. schreibt mir aus dem Herzen. Ich hoffe nur, dass künftig viel mehr hinterfragt wird auf seine Notwendigkeit oder auch auf seinen Sinn, z.B. bei der gesamten Unterhaltungs- bzw. Ablenkungsindustrie.

  2. Danke Herr Jendly. Schreiben Sie weiter solche Geschichten, die mich in ihrer Wahr- und Weisheit tief berühren. Leider begegne ich selten Menschen, deren Aussagen einen solchen Nachhall in mir wecken. Ich (76) frage mich oft, wie unsere nächste(n) Generation(en) mit diesen kommenden, bestimmt mageren, bis sehr mageren Jahren leben wird. Ja, man kann sagen, wir «Alten» haben nun 70 fette Jahre genossen. Nein, verstehen Sie mich richtig, auch in unserer Generation gab und gibt es etliche, die nie in den «Genuss» von wirklich guten Zeiten kamen, aber es war immer ein «Auffangnetz» da. Wird dieses auch in Zukunft da sein (s. Andreas in Ihrer ersten Geschichte)? Um nicht ganz im Pessimismus zu versinken, wecke ich mein Vertrauen in die Kreativität unserer Nachkommen: Sie werden es auf ihre Weise, in ihrer Zeit und ihrer Welt, schaffen. Ich selbst lebte auch 20 Jahre als Nonne und kenne Genügsamkeit und Alleinsein. Darum sind auch für mich diese «Corona-Wochen» keine Belastung.

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