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Wenn Stiftungen kooperieren

Es ist ein dynamisches Dreigestirn, der Stiftungsrat der Paul Schiller-Stiftung mit Präsident Herbert Bühl und den Stiftungsrätinnen Maja Nagel Dettling und Irène Inderbitzin. Ihnen gelang, was zum Vorbild werden sollte: eine Allianz mit andern Stiftungen, eine Stiftungskooperation, die sich dafür einsetzt, dass die Betreuung der älteren Menschen ernsthaft auf die politische Agenda gelangt.

An sich haben wir alles, eine umfassende Altersvorsorge mit den drei Säulen, das weltbeste, sozialabgestützte Gesundheitswesen, mit der Pro Senectute eine schweizweite Fürsorge-Organisation für ältere Menschen. Jede Stadt verfügt über ein spezifisches Alters-Leitbild, betreibt Altersresidenzen, Pflegeheime. Fast jede Gemeinde in unserem Land versorgt seine älteren Mitbewohner selbst. Die Institutionen sind auch nicht allein gelassen: Mit Curaviva gibt es einen Branchenverband, der Alters- und Pflegheime mit Rat und Tat, vor allem in Ausbildungsfragen, zur Seite steht. Für die politischen Fragen im Altersbereich setzt sich der Schweizerische Seniorenrat SSR ein, eine Institution, getragen von den beiden grössten Altersorganisationen der Schweiz, dem Schweizerischen Verband für Seniorenfragen SVS (mitterechts) und dem Verband für Selbsthilfe und Altersorganisationen VASOS (mittelinks). An den Universitäten und Fachhochschulen forschen und lehren altersorientierte Institute, erarbeiten Studien, ergründen, wie wir altern sollen. Und zudem widmen sich zahlreiche Stiftungen dem Altern und unterstützen Aktivitäten mit und für die älteren Menschen in unserem Land. Also alles bestens? Mitnichten. Was fehlt, ist die notwendige Koordination.

Beklemmend ist zudem, was die Corona-Krise offenbart hat: Über 40% der Toten sind mit und am Virus Covid19 in Alters- und Pflegeheimen gestorben. Viele Heime waren nicht auf die Krise vorbereitet. Es fehlten die notwendigen Masken und Schutzkleider. Es zeigte sich, dass die räumlichen Voraussetzungen nicht gegeben sind, zu eng, zu wenig Raum. Die Angehörigen, die Verwandten und  Freunde mussten draussen bleiben. Die Folge: Das voll engagierte Personal kam an seine Grenzen. Neben den Pflegeleistungen hatte es zu ersetzen, was sonst die Partner, die Kinder, die Enkelkinder sonst leisten: die seelische, moralische Betreuung, ein sanftes Streicheln, eine innige Umarmung. Aus den gemachten Erfahrungen lässt sich für die Zukunft vieles aufgreifen, kann in die richtige Bahnen geleitet werden.

Und ganz plötzlich rückte eine ganz zentrale Frage ins Zentrum: Wie steht es mit der Betreuung der älteren Menschen überhaupt, wie ist sie geregelt, und vor allem, wie ist sie finanziert? Es ist das grosse Verdienst des Stiftungsrates der Paul Schiller Stiftung, die sich seit Jahren dieser zentralen Frage annimmt, jetzt dafür sorgt, dass Bewegung in die noch ungeklärte Betreuung kommt. Er schmiedete eine Allianz, eine Stiftungskooperation, die jetzt einen Wegweiser publiziert hat, der mit konkreten Hinweisen eine gute Betreuung für alle Betagten in der Schweiz ermöglichen soll (siehe „Gute Betreuung im Alter ermöglichen“ auf dieser Website). Mitherausgeber des Wegweisers sind die Age-Stiftung, die Beisheim-Stiftung, die MBF Foundation, das Migros-Kulturprozent und die Walder Stiftung. Die Grundlagen für den Wegweiser hat die Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW erarbeitet.

Die Betreuung befindet sich in der Tat in einer Grauzone. Dringend notwendig ist eine allgemein akzeptierte Definition. Die Krankenkassen achten nämlich mit Argus-Augen darauf, dass sie nicht für Leistungen aufkommen müssen, die nicht medizinisch notwendig sind. Die Spitex-Organisationen sind eh gehalten, alles fein säuberlich zu dokumentieren, um nicht Leistungen zu erbringen, die weder von den Krankenkassen, noch von den Kantonen, noch von den Gemeinden vergütet werden, noch von den Patienten selbst übernommen werden können.

Und die Politik? Sie hat nur eines im Sinn: die Gesundheitskosten zu senken. Sie dürfen nach ihr zumindest nicht weiterhin in dem Masse steigen, so dass die Krankenkassen-Prämien, selbst für Familien im Mittelstand, nicht zu einem Armutsrisiko werden könnten. Jede Initiative, die zur Kostensteigerung beiträgt, wird der Bundesrat, wird das Parlament, werden die Kantone, die für die Finanzierung der Spitäler verantwortlich sind, ablehnen, zumindest auf Anhieb ablehnen, gar bekämpfen.

Was ist zu tun? Einmal ist mit einer umfassenden Information Goodwill zu schaffen, das Bewusstsein zu stärken, die älteren Menschen selbst auf die Problematik hin zu sensibilisieren, und zwar rechtzeitig und nicht erst, wenn  es zu spät ist. Die  60plus-Generation mit ihren vielen Gesichtern und Ansichten ist für eine „neue“ Altersvorsorge mental und konkret zu gewinnen, für ihr ganz  persönliches Altern. Eine neue, eben zusätzlich Altersvorsorge, die den letzten Zeitabschnitt des Lebens ins Blickfeld nimmt, konkret die allenfalls notwendige Betreuung, die ins Geld gehen kann, die viele nicht allein tragen können. Einmal kann die Lücke im Krankenversicherungs-Gesetz KVG geschlossen werden. Dann steht immer wieder eine besondere 3. Säule in der Diskussion, die ab dem 50. Altersjahr geäufnet werden kann und das Geld daraus dann zum Einsatz gelangen kann, wenn hohe Pflege- und Betreuungskosten anfallen werden. Und zeitweise boten Versicherungen Einmaleinlagen an, die dem gleichen Zweck dienen können. Innovative Ideen sind also gefragt.

Noch arbeiten die meisten Altersorganisationen und Institutionen allein vor sich hin. Vernetzen ist aber das Gebot der Stunde. Nur gemeinsam kann die Politik dafür gewonnen werden, beispielsweise die Lücke im KVG zu schliessen, das die Finanzierung der Betreuung nicht vorsieht. Es braucht Überzeugungsarbeit, es braucht den Druck aller Organisationen, die sich um die Altersfragen kümmern. Die Stiftungskooperation für eine gute Betreuung im Alter weist den Weg. Folgen wir ihm. seniorweb.ch öffnet die Spalten, informiert und will eines: orientieren und zur dringend notwendigen Vernetzung beitragen.

1 Kommentar

  1. Danke Herr Schaller für den Artikel.
    Zuviele Mitspieler sind auf dem Seniorenterritorium aktiv! Jeder in einer Nische, manchmal ganz kleinen Nische. So wird das Thema verwässert und kann die Meinung Senioren, Menschen 65+ (??) sind «krank, kostenintensiv» Vorschub geleistet. Zulange werden nun die Senioren auch als «MIlchkühe» benutzt.
    Ich hoffe dass die von Ihnen beschriebene Allianz uns Senioren ein echtes Sprachrohr, ein eigenständiger Medienkanal (auch in der Politik!) gibt. Die aktuelle Situation zeigt doch, dass wir niemanden (wo blieb Pro Senectute, wieso hat Curaviva nicht interveniert, wo blieb der Seniorenrat?) haben welche die Wünsche, Ansprüche der Senioren weitergetragen hat. Ein Desaster für all jene welche 2 Monate in ihren Zimmern eingesperrt waren – ein Hoch den Pflegenden welche ALLES unternahmen den Senioren ein würdiges Dasein zu gestalten.

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