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Alles im grünen Bereich?

Unübersehbar ist das Warnschild der Winterthurer Künstlerin Kathrin Bänziger: Wir lesen GREEN und sehen rot. Bis 13. September zeigt der Kulturort Weiertal in Winterthur-Wülflingen in Park und Galerie künstlerische Objekte und Skulpturen zum Thema “Alles im grünen Bereich?”.

Die neue Skulpturenausstellung im Park mit Weihern und Obstbäumen soll angesichts von Klimawandel und Pandemie “Denkanstösse geben und das Bewusstsein für gesellschaftliche und ökologische Zusammenhänge schärfen”. So formuliert es die Galeriebesitzerin Maja von Meiss, die die sehenswerte Ausstellung im Grünen kuratiert hat. Unter über 100 Eingaben hat sie 35 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, die auf eindrückliche Art skulpturale Arbeiten zum gewählten Thema präsentieren. Geboten wird ein respektables Sammelsurium an künstlerischen Beiträgen, die den grünen Bereich auf unterschiedliche Weise ins Visier nehmen und zu vielfältigen Reflexionen anregen.

Zerstörung der Natur im Visier

Beim Rundgang durch die ausgestellten Werke ist allenthalben der Mahnfinger sicht- und spürbar, sich mit der Zerstörung von Natur und Umwelt kritisch auseinanderzusetzen und die eigene Lebensweise zu hinterfragen. Einzelne Arbeiten eröffnen sich dem Besucher schnell, illustrieren augenfällig, dass wir uns im roten Bereich befinden. Dafür steht vorab das grossflächige, rot bemalte Warnschild GREEN von Kathrin Bänziger am Parkrand, das zum Innehalten und zur Umkehr mahnt. Bei Ursula Baurs Wächter der Natur sind es sieben gesichtslose Vogelwesen in luftiger Höhe, die wachsam die Umgebung «beäugen» und zur Sorgepflicht der Natur und dem Klima gegenüber mahnen. Verena Dierauers grosse, zerdrückte Petflasche aus Marmor mit dem Titel Water illustriert auf anschauliche Weise unseren sorglosen Umgang mit dem Plastikmüll in überdimensionierter Form. Als Symbol für gestrandete Wale bezeichnet Verena Bühler ihre drei Rückenflossen mit dem Titel Gestrandet 1 – 3 aus weissem Marmor.

Von oben nach unten: «Cloud I» von Joelle Allet, «Wächter der Natur» von Ursula Baur, «küssen oder schlucken» von Susan Honegger, «Die Verweildauer von Augenblicken sollte immer noch eingehalten werden» von Michael von Brentano.

Subtil und witzig thematisieren mehrere Werke die Auseinandersetzung mit dem grünen Bereich und den verantwortungslosen Umgang mit Ressourcen. Bei Sabina Gnädinger sind es drei im Grasboden eingegrabene grüne Mülltonen, die mittels elektronisch gesteuerten Deckeln miteinander verhandeln und debattieren. Urs Schmids überdimensionierte Angelrute am grossen Weiher mit dem Titel XXL gemahnt an die Überfischung der Meere. Brigitte Basergas Werk Baumseele thematisiert die leidende Natur in Form einer Lehmmaske an einem Baumstamm: ein entsetztes, verängstigtes Gesicht mit starrem Blick. FarbFernSehen nennt Kathrin Severin ihre verschieden farbigen Glasstelen, die am Rand der Parkanlage platziert sind und je nach Blickwinkel einen anders gefärbten Ausschnitt der dahinterliegenden Landschaft zeigen.

Unfassbares sicht- und erlebbar machen

Andere ausgestellten Arbeiten erschliessen sich nicht auf Anhieb, sondern nur mit Zusatzinformationen. Das gilt einmal für den wohlgeformten, überdimensionierten Frosch über dem grossen Teich von Susan Honegger, der laut Katalogtext aus dem braunen Sumpf in den grünen Bereich springt und die menschenverachtenden Tendenzen im Internet anprangert. Ähnlich verhält es sich mit dem fünfbeinigen, weissen Reh von Michael von Brentano. Ein scheues und freies Tier, das zum Sinnbild für eine zerstörte Idylle geworden ist. Mit Hilfe phosphoreszierender Farbe hat Joelle Allet in Anlehnung an den Datenspeicher “Cloud” eine Serie von Wolken auf eine grossflächige Glaswand gedruckt.  Ein faszinierender Versuch, etwas Unfassbarem eine lebendige Form zu geben, denn je nach Lichteinfall im Park verändert sich das Wolkengebilde oder wird vom grünen Hintergrund ganz verschluckt.

Von links oben nach unten: «Baumseele» von Brigitte Baserga, «Brücken bilden» von Adrian Büttikofer, «Water» von Veronika Dierauer. (Fotos: Linus Baur)

Die Ausstellung “Alles im grünen Bereich?” setzt sich mehrheitlich kritisch mit dem grünen Bereich auseinander, thematisiert auf vielfältige Weise eine bedrohte Welt, die es zu hinterfragen gilt. Doch die ausgestellten Interventionen wirken nicht belehrend, vielmehr anregend und motivierend, unsere umweltzerstörerische Lebensform zu überdenken. Und es gibt auch hoffnungsvolle Arbeiten, so die Holzbrücke von Adrian Büttikofer am Beginn der Ausstellung, die zum Zusammenspiel aller Kräfte, von Natur und Mensch animieren will. Geboten wird rundum eine eindringliche Ausstellung mit teils aussergewöhnlichen Installationen, platziert in einem idyllischen Park, der zum Verweilen und Sinnieren einlädt.

Die bis 13. September dauernde Ausstellung im Kulturort Weiertal bietet zusätzlich jeweils sonntags Führungen mit den Kunstschaffenden an sowie thematische Lesungen, künstlerische und musikalische Performances. Mehr erfahren Sie unter www.galerieweiertal.ch.

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