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Mit Oma ausfahren

Einst im Auto mit Grossmutter, heute im Zug als Grossmutter, reise ich durch die Schweiz.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an das Gedicht von Erich Kästner «Im Auto über Land»:
«An besonders schönen Tagen (…) Vater ruft, direkt verwegen: ‘n Wetter, glatt zum Eierlegen!’. (…) Und er steuert ohne Fehler über Hügel und durch Täler. Tante Paula wird es schlecht. Doch die übrige Verwandtschaft blickt begeistert in die Landschaft. Und der Landschaft ist es recht…». Dieses Gedicht fanden wir als Kinder besonders lustig, da wir solche Fahrten selber erlebten, bzw. erleben mussten; doch Chauffeur war nicht der Vater, sondern die Mutter.

Kurhaus Nidelbad, historische Postkarte.

An schönen Sonntagen fuhren wir im Auto über Land, Mutter, Grossmutter und wir zwei Schwestern, so um die neun und zehn Jahre alt. Wir fanden die Fährtli mit Oma nach Morgarten, Nidelbad oder an den Rheinfall ziemlich öd. Meine Schwester und ich sassen hinten im Auto, und wie Tante Paula in Kästners Gedicht, wurde es auch uns regelmässig schlecht, wenn es zu viele Kurven hatte und Grossmutter jubelte über die schöne Landschaft. Ziel der Fahrt über Land war ein Gartenrestaurant in schöner Umgebung für Kaffee und Kuchen, für uns Kinder natürlich Sirup. Die Erwachsenen führten immer so langweilige Gespräche und stritten sich am Schluss, wer Kaffee und Kuchen bezahlen durfte. Meistens setzte sich die Mutter durch.

Inzwischen, selbst älter als meine Grossmutter damals, liebe ich solche Fährtli und geniesse sie, allerdings nicht im Auto, sondern bequem im Zug. Auch wenn Ferien dieses Jahr zu Hause angesagt sind, juckt es mich hinaus, neue Orte, Landschaften und Menschen in der näheren oder weiteren Umgebung kennenzulernen. Manchmal allein, aber öfter mit einer ebenso unternehmungslustigen Bekannten oder mit einer Reisegruppe unter interessanter und informativer Führung.

Museum Franz Gertsch in Burgdorf. Foto: Hpschaefer.

Geplant ist diesen Sommer Burgdorf mit dem Museum Franz Gertsch, das ich noch nicht gesehen habe. Einzelne fotorealistische Gemälde dieses Künstlers kenne ich aus dem Kunsthaus Zürich und Aarau. Aber eine Gesamtschau der Bilder von Franz Gertsch stelle ich mir eindrücklich vor. Unlängst publizierte Seniorweb einen Bericht über die neue Ausstellung zum 90. Geburtstag des Künstlers.

In Burgdorf gibt es noch weitere Sehenswürdigkeiten, wie die Kirche oder das Siechenhaus, ein ehemaliges, spätmittelalterliches Leprosorium, das bis ins 17. Jahrhundert als Pflegehaus für Aussätzige diente. Kaffee und Kuchen wird sicher im Restaurant des neu renovierten Schlosses Burgdorf serviert, wo auch eine Jugendherberge sowie ein Museum untergebracht sind. Die Webseite des Museums informiert, dass in den zwanzig Räumen die lokale Geschichte, in den «Wunderkammern» Objekte aus Neuguinea und Afrika ausgestellt sind. So lässt es sich an einem einzigen Tag durch Zeit und Welt reisen.

Schloss Burgdorf. Foto: Roland Zumbühl. 

Was gibt es Schöneres, müde, aber trotzdem erfüllt, abends wieder daheim anzukommen. Alles ist noch so, wie man es am Morgen verlassen hat, die Küche mit dem noch nicht abgewaschenen Frühstücksgeschirr, weil man auf den Zug pressieren musste, die Bilder an den Wänden, die einem mit ihren Farben und Formen entgegenstrahlen, die aufgeräumte Stube, das weniger aufgeräumte Büro mit den vielen Papieren rund um den Laptop. Nicht zu vergessen die Regale mit Büchern, die man in der Ferienzeit auch noch lesen kann. Und schliesslich das Bett, das einem freundlich aufnimmt und zufrieden schlafen lässt.

Hier finden Sie alle bisher erschienenen Beiträge zur Serie Sommer trotz allem der Redaktionsmitglieder:
Maja Petzold: Träumereien unter der Himmelskuppel
Eva Caflisch: Aus der Not ein Hobby machen
 

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