FrontKolumnenDie «Corona-Zeit» verarbeiten!

Die «Corona-Zeit» verarbeiten!

Irgendwie müssen wir alle diese Corona-Zeit, die immer noch da ist und wahrscheinlich auch nicht so schnell vorbei sein wird, verarbeiten! Jeder auf seine Weise. Zu diesem Schluss bin ich gekommen, nachdem ich vor ein paar Wochen richtig den Hänger bekommen habe.

Während der Phase des shutdown in der Schweiz bemühte ich mich vor allem, mich genügend zu bewegen: körperlich, aber auch kopfmässig. Ich schickte mich irgendwie in die Situation. Es interessierte mich, wie der Bundesrat und seine Mitarbeitenden die Schweiz täglich, mit kleinen, aber doch grossen Schritten, behutsam und mit viel Respekt für unseren Freiheitsanspruch, durch die Tage und Wochen steuerte. Und ich verstand eigentlich nicht ganz, warum sich gesunde ältere Menschen, die zuhause sein konnten, beklagten, denn die Solidarität war doch gross.

Dann wurden die Lockerungen eingeleitet. Ich begann, wie alle, zu hoffen. Aber es geht offensichtlich alles nicht so schnell, wie wir es uns wünschten. Das Virus hat es, wie wir merken, nicht so eilig. Und da beginnt bzw. begann die Prüfung. Auch für mich. Ich merkte in den vergangenen Wochen plötzlich, dass es mir nicht so gut ging. Immer wieder legte ich mich hin, schlief stundenlang während des Tages auf dem Sofa. Ich wusste nicht, was machen, wie meine Zeit verbringen; es fehlte jeglicher Antrieb. Meinen Keller hatte ich in der ersten Corona-Zeit schon perfekt aufgeräumt. Was also jetzt noch ordnen? Für meinen Schreibtisch fehlte mir der Elan. Ratlos sass ich herum, hatte keine Lust mehr zum Turnen oder ins neu wieder eröffnete Fitness-Zentrum zu gehen. Auch sonst empfand ich alles als Last. Ganz im Gegensatz zu den Monaten vorher, in denen ich freudigst meine Übungen vollbrachte. Schliesslich meldeten sich körperliche, sprich gesundheitliche Beschwerden, die ich zwei Ärzten anvertraute. Aber meine Blutwerte waren exzellent. Und so kam und komme ich zum Schluss, dass ich nervlich oder psychisch halt doch irgendwie alles verschaffen muss, was wir alle erlebten und auch im Moment noch immer erleben. Eine gute Freundin sagte es mir am Telefon gerade heraus, Deutsch und deutlich: Du hast einen Corona-Koller! Ja, so ist es wohl und wahrscheinlich bin ich nicht allein damit. Seit diesem «Böxli», das sie mir gegeben hat, geht es mir aber entscheidend besser!!

Und wie geht es anderen Menschen?

Ich bewundere meinen früheren Ständeratskollegen Andreas Iten, ein grossartiger Kolumnen-Schreiber im seniorweb. Sie kennen ihn alle. Er verfasste in dieser schwierigen Zeit ein höchst interessantes Büchlein mit Gedanken über unser Verhältnis zur Natur. «Terrasophie» heisst es. Ein Name, der etwa so viel bedeutet wie: Weisheit der Erde! Das Essay ist ein Manifest, das aufruft zu prüfen, ob wir «nicht sinnvoller leben könnten, wenn wir uns etwas zurücknehmen und uns der Erde gegenüber demütig und dankbar erweisen würden».

Sein Plädoyer verstärkt der Autor mit Hinweisen auf eine Reihe von Schriftstellern und Philosophen, die sich in dieser Sache geäussert haben. Und immer wieder betont er, dass auch der Mensch Natur ist. Und gerade, weil er auch Natur ist, schadet er sich selbst, wenn er einfach sorglos Raubbau an unserer Erde vornimmt. Auch die z.Zt. erlebte Pandemie, die – der Ausdruck besagt es – weltweit um sich gegriffen hat, ist ein Resultat von zu viel Nutzung, von masslosem Konsum und rücksichtsloser Gier nach mehr und mehr und noch mehr!

Das Essay ist also nicht einfach ein Wiederholen von dem, was wir alle schon wissen. Man spürt, dass es dem Schreibenden ein Bedürfnis ist, uns zu zeigen, dass nicht nur er davon überzeugt ist, dass sich etwas ändern muss, nämlich dass wir unsere Erde, unseren Planeten gerne haben sollten. Er hat, wie oben angedeutet, nach anderen Denkern Ausschau gehalten, die die notwenige Einsicht schon vor ihm formuliert haben, die ihn bestätigen und deren mahnende Worte wir uns zu eigen machen sollten. Wir haben sie vorher vielleicht nicht wahrgenommen und somit nicht darauf reagiert. Unsere Sattheit hatte uns blind gemacht. Jetzt aber wissen wir es. Wir müssen unsere Achtsamkeit weiterentwickeln, das heisst endlich lernen, unsere Erde zu lieben, auf ihr bedrohliches Brummen zu achten und entsprechend unser Handeln neu definieren und neu ansetzen.

Warten auf eine Nach-Corona-Zeit?!

Wird es eine «Zeit danach», eine Zeit nach der Pandemie geben? Es muss sie geben, in irgendeiner Form! Und ein jeder wird seinen neuen Weg selber für sich suchen bzw. finden müssen. Das ist leicht gesagt, aber vielleicht nicht leicht getan. Denn nicht jedem fällt die Lösung seines Problems so einfach in den Schoss. Nicht jeder greift zur weisen Feder oder hat einen lieben Menschen, der ihm klipp und klar erklärt, was er über ihn denkt und damit die Hand ausstreckt und einem hilft. Für uns ältere Semester, wie man so schön sagt, gilt es deshalb, die Chance zu packen, unsere Erfahrungen, die uns stark gemacht haben in unserem Leben, zu nutzen, um anderen Menschen, der Nachbarin, unseren Kindern und Enkelkindern, der Freundin, dem Kollegen in irgendeiner Form zu helfen und beizustehen. Denn es ist schön, eine sinnvolle Aufgabe zu haben!

Andreas Iten, Terrasophie, Plädoyer für ein sinnliches Naturverständnis, Bucher Verlag 2020

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