FrontKulturDas Foto vom Flohmarkt

Das Foto vom Flohmarkt

Die Fotosammlung von Ruth und Peter Herzog ist Gegenstand einer grossen Sonderausstellung im Kunstmuseum Basel. Fotos und Alben sind Zeugen der 200jährigen Geschichte des Mediums Fotografie.

In einem Videointerview genau in der Mitte des Ausstellungsparcours erzählt Peter Herzog, wie das Bild einer Frauenrunde an Spinnrädern der Beginn einer Sammlung wurde, die heute weit über eine halbe Million Fotos umfasst. Ruth Herzog zeigte ihrem Mann die alte Fotografie beim Stöbern auf einem Flohmarkt, er war elektrisiert und wusste, das ist der richtige Sammlungsgegenstand. Seither sammeln Ruth und Peter Herzog, Fotos und Alben, die ältesten Daguerrotypien fast 200 Jahre alt.

Ruth und Peter Herzog sammeln seit einem halben Jahrhundert Fotos von den Anfängen bis etwa 1970. Foto: © Urs Tillmanns

Nun ist die weltweit grösste private Fotosammlung auf dem Weg in die Öffentlichkeit. Dass die Ausstellung The Incredible World of Photography zustande kam, liegt an der neuen Zusammenarbeit des Kunstmuseums mit dem Besitzer der Sammlung. Sie liegt seit 2015 im Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinett, einer gemeinnützigen Stiftung, wo nach Regeln der Sammler archiviert und digitalisiert wird. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Ehepaar Herzog nicht weitersammelt.

Daguerrotypien aus dem 19. Jahrhundert im Original und vergrössert an die Wände projiziert, rechts oben das Mädchen, das von einer Geisterhand in den Sitz gedrückt wird.

Es sei eine doppelte Premiere fürs Kunstmuseum, dessen Anfänge 500 Jahre zurückliegen, sagt Museumsdirektor Josef Helfenstein: Erstmals ist der Geschichte der Fotografie vom allerersten Versuch, mit Licht ein bleibendes Bild zu schaffen, bis 1970 eine Sonderausstellung gewidmet und erstmals gibt dieselbe einen umfassenden Einblick in die spektakuläre Herzogsche Fotosammlung, die früher nur in winzigen Teilen hin und wieder eine Ausstellung ergänzte.

Vierhundert Abzüge und Negative, Glasplatten und kolorierte Fotokarten wurden ausgewählt und kuratiert von Olga Osadtschy und Paul Mellenthin. Einige fast nur mit der Lupe zu sehen, andere im aufwendigen Rahmen fürs bürgerliche Büffet. Dank der Zusammenarbeit mit dem Kabinett der Architekten entstand eine eindrückliche Schau mit Auslegeordnungen in Tisch-Vitrinen und aufgeblasenen Einzelprojektionen.

Aber geht das, Alltagsfotografie, Wissenschaftsfotografie, Familienalben in einem Kunstmuseum? Ist auch nicht jedes einzelne Bild ein Kunstwerk, so ist es doch die Sammlung. Peter Herzog freilich sieht das Kunstwerk auch im einzelnen Bild: Wer auch immer das Foto einst aufgenommen hat, hat es mit der Intention getan, etwas zu schaffen, das bleibenden Wert hat. Kein Foto entsteht also zufällig, und es gibt kein banales Foto. Das Leben sei banal, fasst Herzog zusammen, und die Kollektion könne das spiegeln. Es geht also nicht um grosse Namen, sondern um einen soziologischen Zugang.

Familienalben und ein fast industriell gefertigter Fototypus: die carte de visite (rechts oben), handliches Format eines Porträts im besten Gewand.

Sich ein Bildnis machen gehört wohl zum Homo sapiens, und seit es den Fotoapparat in handlicher Form gibt, wird er von klein und gross benutzt. Bilder von Kindern mit Fotokameras aus dem frühen 20. Jahrhundert belegen es. In der Frühgeschichte des Mediums musste das Objekt – meist wurden in Studios Menschen porträtiert – lange stillhalten, wie das kleine Kind, das von einer erwachsenen Hand im Bild ruhig gehalten wird. Familien-Fotoalben vermitteln das gültige Bild des Familienlebens, wie es der Nachwelt erhalten werden sollte, sie sind mit den Worten der Kuratorin «Erinnerungsspeicher».

Besondere Ereignisse wurden ins Album aufgenommen: Links eine Räumung von Wohnungen in Grossbritannien nach einem Luftangriff 1915, rechts der Transport einer Giraffe durch London 1935.

Wie geht Erinnerung? Welchen Anteil haben Familienfotos, aber auch Pressefotos daran? Oder ganz aktuell: die Bilder auf Facebook und Instagram? Fotoalben sind zugleich intim und repräsentativ, sie dienen dem Festhalten eines Moments, kanalisieren die Erinnerung jedoch auch. Dennoch, wenn der Kontext zu den Fotos und Alben fehlt, weil sie in eine Sammlung geraten sind und andere Quellen nicht gefunden werden können, bleiben die Geschichten dahinter verborgen oder auch verloren.

Anders ist das bei der wissenschaftlichen Fotografie oder auch bei den ikonischen Bildern der Zeitgeschichte, beispielsweise vom ersten Menschen auf dem Mond oder Fotos von Kriegsereignissen und Staatsbesuchen.

Schon frühzeitig ersetzte die Fotografie in der Forschung die wissenschaftliche Zeichnung. Das Foto kann zeigen, was das Auge nicht mehr sieht, weil das Motiv zu klein oder zu gross ist, Fernrohr oder Mikroskop machen es möglich. Besonders schöne Objekte in der Ausstellung sind die Vergrösserungen von Schneekristallen aus dem vorletzten, oder auch Bilder aus dem Weltall aus dem frühen letzten Jahrhundert. Mit der Technik der Fotografie, glaubte man eine zeitlang sogar, unsichtbare Geister auf den Film bannen zu können.

Wissenschaft und Fotografie: Dank Fernrohr, Röntgenstrahlen und Mikroskop kann fürs menschliche Auge Unsichtbares abgebildet werden.

Was wäre eine Ausstellung heutzutage ohne ein Spielzimmer? Hier liegt der interaktive Raum genau in der Ausstellungsmitte. Algorithmen – angesteuert von den Besuchern – bringen aus einer unübersichtlichen Bilderflut der Sammlung Ruth und Peter Herzog auf einer virtuellen Wand ein paar Fotografien, die zum gleichen Thema gehören, in den Vordergrund. Sind es zwei Spieler, kann der Algorithmus eine Bilderreihe hervorzaubern, welche den Missing Link zwischen den beiden Themen darstellt.

Im Raum mit der interaktiven Installation kann das Publikum in der Fotosammlung unterstützt von Algorithymen stöbern.

Einen Dialog zwischen Fotografie und Malerei will diese besondere Kunstausstellung ebenfalls in Gang setzen. Ein ganzer Raum ist Paris gewidmet, und die Besucher können sich inspirieren lassen vom gleichen Gegenstand einmal als Foto, einmal als Gemälde, beispielsweise Robert Delaunays Eiffelturm. Während das Farbbild schon sehr früh mit handkolorierten Abzügen einsetzte und in den sechziger Jahren das Farbdia aufkam, hielten sich Fotokünstler noch sehr lange an das Helldunkel von schwarz und weiss. Der Pionier der Farbfotografie Hans Hinz ist mit einigen bekannten Stücken der Werbefotografie vertreten (mehr über ihn steht im Buch Belichtungszeit zur Herzog-Sammlung), und dass die aktuelle Kunstfotografie eines Thomas Ruff oder einer Cindy Sherman sich ohne die Myriaden früherer Fotos und Schnappschüsse nicht hätte herausbilden können, wird in sichtbaren Wechselbeziehungen zwischen Kunst und Foto gezeigt.

Die Fotografie wird farbig – beim Ferienaufenthalt, in der Werbung und in der Kunst.

Die «Enzyklopädie des Lebens», wie Martin Heller die riesige Sammlung Herzog nannte, ist im Museum als eingedampftes, aber sehr repräsentatives Destillat in 400 Teilen zu sehen und erlaubt einen ausführlichen Einblick in die Sammeltätigkeit von Ruth und Peter Herzog sowie in die Geschichte der Fotografie. Statt eines Katalogs ist eine sehr empfehlenswerte wissenschaftliche Begleitpublikation erschienen, die den Zugang zur Sammlung dank der Texte und der Abbildungen so lesbar wie informativ ermöglicht Belichtungszeit ist mehr als ein umfassender Einblick in die Sammlung Herzog, sondern auch in die Entwicklung der fotografischen Technik und der Motivgeschichte.

Der Band «Belichtungszeit» erzählt in Bild und Text die Geschichte der Fotografie und dient zugleich als Katalog der Ausstellung «The Incredible World of Photography».

Das 360 Seiten starke Buch Belichtungszeit mit den technisch in bestem Druck publizierten über 350 Bildern ist im Christoph Merian Verlag, herausgegeben von den beiden Kuratoren Paul Mellenthin und Olga Osadtschy, erschienen und kostet 59 Franken.

Mehr aus der Fotosammlung Herzog gibt es im Historischen Museum Basel mit dem Titel Mittelater und Moderne, und später, ab Mitte September werden im Antikenmuseum Fotos zur Oriental Grand Tour ausgestellt.

Situationsfotos: © Urs Tillmanns / Fotointern.ch

Bis 4. Oktober
Hier finden Sie Informationen für Ihren Museumsbesuch. Jeden Mittwoch im Juli und August ist der Eintritt von 17 Uhr bis 20 Uhr in die Ausstellung kostenlos.
Publikation: Belichtungszeit. Fotografien aus der Sammlung Ruth und Peter Herzog , Basel 2020. ISBN 978-3-85616-903-9

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