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Der Halbgott in Weiss

Die Ärzte werden nicht selten, teils bewundernd, teils skeptisch, mit dem Attribut „Die Götter in Weiss“ etikettiert. Aber nun ist von einem „Halbgott in Weiss“ die Rede und gemeint ist damit der wohl beste Tennisspieler aller Zeiten, Roger Federer, ein Phänomen mit Kultstatus.

Der heilige Rasen von Wimbledon ist seit Federers Grand Slam-Triumph von 2003, wie man schmunzelnd ergänzte, sein Wohnzimmer, und seine blütenweisse, elegante Garderobe auch die Reverenz an das wohl geschichtsträchtigste Tennisturnier der Welt, welches die Farbe Weiss seit jeher als Einheitstenue vorschreibt.

2005 läutete der Tenniscrack zusammen mit UNO-Generalsekretär Kofi Annan und dem damaligen UNO-Sonderbeauftragte Adolf Ogi in New York das Jahr des Sports ein. Ogi damals über ihn: «Federer ist über den Sport hinaus der klassische und beste Botschafter der Schweiz im Ausland. Er ist der Liebling in Schanghai und in New York bei der Uno.»

Noch nie hat die Post einer lebenden Persönlichkeit eine Briefmarke gewidmet: „Die Post anerkennt damit die herausragenden Leistungen Roger Federers.“ Das war 2007. «Das ist ein Riesenerlebnis für mich», meinte der 25-jährige Tennisstar. «Ich bin sehr stolz, ein solches Symbol für die Schweiz sein zu dürfen wie die Sackmesser oder die Berge.»

Stolz darf das Schweizer Aushängeschild aber auch auf seine „Roger Federer Foundation“ sein. Er unterstützte im südlichen Afrika bis Ende 2019 mit Bildungsprogrammen 1’550’000 Kinder. Federer dazu: „Bildung befähigt Kinder, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen und aktiv mitzugestalten. Und wir sind davon überzeugt, dass alle Eltern für ihre Kinder die bestmöglichen Chancen ermöglichen möchten. Daher unterstützt meine Stiftung seit 16 Jahren Eltern und lokale Bevölkerungsgruppen in den Bemühungen, ihren Kindern eine Chance auf gute Bildung zu bieten.“

Hinzu kommt, dass er mit seiner Frau Mirka zusammen eine Million Schweizer Franken für die während der Corona-Pandemie am stärksten gefährdeten Familien in der Schweiz gespendet hat. «Unser Beitrag ist nur ein Anfang», schrieb Federer. «Wir hoffen, dass sich andere anschliessen, um noch mehr bedürftige Familien zu unterstützen. Gemeinsam können wir diese Krise überwinden! Bleibt gesund! In diesen herausfordernden Zeiten solle niemand zurückgelassen werden“, so der Spender. Natürlich wird man entgegnen, dass einer, der allein schon mit Werbeverträgen jährlich Millionen scheffelt, auch etwas davon an die Allgemeinheit zurückgeben darf. Aber immerhin, er tut es, cleverer Geschäftsmann hin oder her.

Obwohl sich die Tennisnation und seine weltweite Fangemeinde danach sehnt, den Magier wieder spielen zu sehen – wenn möglich bis 40 oder länger, hat er finanziell längst ausgesorgt, selbst wenn er nie mehr ein Racket in die Hand nähme. Alles, was er anfasst, scheint sich in Gold zu verwandeln. So ist er vergangenen Herbst Miteigentümer der Schweizer Sportmarke On geworden und hat an der Realisierung eines Tennisschuhs (was heisst da Schuh, natürlich eines Sneakers!) aus veganem Leder mitgewirkt. Dank der Leder-Alternative soll der ökologische Fussabdruck nur einem Drittel dessen entsprechen, was herkömmliches Tierleder hinterlassen würde. Die limitierte Auflage von 1’000 Stück wird zum „Schnäppchenpreis“ von je 310 Franken angeboten. Wetten, dass die Preise ins Astronomische steigen werden? Goldfüsschen und Goldhändchen zaubern einfach alles zu Gold, das scheint bei ihm ein Naturgesetz zu sein.

Zum halben Dutzend überschwänglicher Federer-Biographien gesellen sich seit kurzem aus dem literarischen Nachlass des Schriftstellers David Foster Wallace (1962-2008) Texte, Notizen, ein Essay und akribisch zusammengetragene Reflexionen über sein Federer-Faszinosum, dem er mit dem geflügelten Wort „Federer-Momente“ huldigte. Für ihn setze der Traumspieler die Gesetze der Physik ausser Kraft und werde damit quasi zum göttlichen Geschenk. Für Federer war dessen Lobhudelei eher peinlich: «Ich wusste nicht, ob daraus der beste oder schlimmste Text über mich werden würde», erinnerte sich Federer. 

Wie dem auch sei, das Idol einer ganzen Nation und darüber hinaus scheint den Boden unter den Füssen noch nicht verloren zu haben. Die Medien beobachten ihn ohnehin mit Argusaugen und würden ihn sofort auf den Teppich zurückholen, wenn er seine zurückhaltende und auch kritische Selbstreflexion aufgäbe. Doch wen eine solch schwärmerische Aura umgibt, der kann sich der Legendenbildung nicht entziehen. Das ist wohl auch Los und Kehrseite seiner beispiellosen Sportkarriere.     

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