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Es grünt so grün

So sollte Sommer im Garten doch sein: Man liegt faul im Liegestuhl, döst oder liest und ringsum ist alles üppig grün. Also wenigstens für die, die wie ich kurzsichtig sind. Wer scharfe Augen hat – oder die Brille aufsetzt, um das Grün genauer in Augenschein zu nehmen – der stellt schnell fest, dass da einiges wächst, das nicht sollte und damit anderes verdrängt, das im Garten willkommen wäre.

Weil Political Correctness nun auch die Gärten erreicht hat, spricht man nicht mehr von Unkraut. Beikräuter sind es, die sich da zwischen unseren gehegten und gepflegten Lieblingen breit machen, sie manchmal zu überwuchern drohen, Samen oder Ausläufer en masse produzieren und ganz einfach in unseren Gärten nichts zu suchen haben.

Es gibt Gartenbegeisterte, die sind vom frühen Frühjahr bis zu den kältesten Herbsttagen auf der Jagd nach allem, was sich da ungefragt im Garten ausbreitet. So wird denn auch eine liebliche wilde Malve zum unerwünschten Eindringling erklärt, obwohl sie so viel hübscher ist als ihre stocksteif dastehenden Edelverwandten.

Unkraut, Beikraut oder Wildkraut

Das Beispiel führt denn auch direkt zur Definition von Unkraut: Alles, was nicht gezielt gepflanzt oder gesät wurde, also die Begleitvegetation, die «von selber» kommt, ist Unkraut. Oder Beikraut, neudeutsch und ökologisch korrekt gesagt. Beikraut kann lästig sein, weil es entweder tief wurzelt, sich üppig versamt, lange Ausläufer bildet – oder alles zusammen.

Das gewöhnliche Scharbockskraut, das im Frühling im Rasen leuchtend gelbe Inseln bildet, ist so ein Beikraut, das man fast nicht mehr los wird. Es ist zwar schön anzusehen mit seinen leuchtenden Sternblüten, lässt aber anderen Pflanzen, also auch den Gräsern, die den Rasen ausmachen, keine Chance.

Sie strahlen so hell, die Sterne des Scharbockskraut und lassen fast vergessen, dass die Pflanze ganze Gartenecken erobern kann.

Scharbockskraut ist anhänglich und lässt sich fast gar nicht mehr vertreiben. Mit chemischem Unkrautvertilger wohl schon, aber solche Gifte haben in einem Hausgarten nichts zu suchen. Mit ausreissen oder weghacken kämpft man aber vergebens. Zwar verschwindet es nach der Blüte wie von Zauberhand, lässt aber so viele winzig kleine Brutknöllchen in der Erde, dass es den Verlust der Wurzeln beim Jäten locker wegstecken kann.

Was also tun? Dasselbe, wie bei vielen anderen Beikräutern. Man muss ihnen die Umgebung verleiden. Denn Unkräuter sind auch Zeigerpflanzen. Sie siedeln sich dort in Massen an, wo sie sich am wohlsten fühlen. Beim Scharbockskraut sind das feuchte, verdichtete Böden. Wer also den Boden mittels Sand lockert und mit Algenkalk oder Gesteinsmehl nachhilft, kann damit rechnen, dass die Pflanze sich allmählich zurückzieht. Samt ihrem gelben Sternenteppich im frühen Frühling, leider.

Ausreissen oder essen

Eine verbreitete Zeigerpflanze ist der Giersch. Er zeigt stickstoffreichen, humosen Boden an. Also das, was sich jeder in seinem Garten wünscht. Und trotzdem ist er in Gärten nicht willkommen. Weil man ihn einfach nicht mehr los wird. Dabei wurde er früher in Klostergärten sogar kultiviert, denn Giersch ist nicht nur eine allerdings vergessen gegangene Gemüsepflanze, sondern auch ein Heilkraut.

Giersch enthält im Vergleich zum urgesund gepriesenen Grünkohl ein Vielfaches an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen – und seine Blätter sind längst nicht so zäh wie Grünkohlblätter. Und auch den Zitronen läuft der Giersch den Rang ab: vier Mal mehr Vitamin C! Wenn man denn Blatt und Frucht miteinander vergleichen kann. Also einen Eistee mit ein paar frischen Gierschblättern werde ich in den kommenden Tagen probieren. Im Garten hat es ja genug davon.

Giersch galt in alten Klöstern als Heilkraut und wurde kultiviert. Bei uns wächst er allerdings ganz von selber und ist im Garten nicht sehr beliebt. Obwohl man ihn essen könnte.

Wenn sich ein Unkraut wie der Giersch überall breit macht und nur mit einem rigorosen Austausch der Erde zu vertreiben wäre, kann man sich seine Eigenschaften ja auch zunutze machen. Seine besonderen Inhaltsstoffe wie ätherische Öle, Eisen, Kalium, Kalzium, Magnesium, die Vitamine A und C und vieles mehr wirken im Körper antibakteriell, entsäuernd, entzündungshemmend und harntreibend und helfen deshalb gegen vielerlei Übel. Angefangen bei Gicht, Blasenentzündungen und Erkältungen bis zu Hämorrhoiden, Krampfadern und Zahnschmerzen. Ob gegen alles gleichzeitig, ist leider nirgends vermerkt.

Das kleine Hanfkraut

Das kriechende Fingerkraut (Potentilla reptans) ist auch so ein nützlicher Plagegeist. Nicht, dass seine fünf- bis siebenzipfligen Blätter hässlich wären oder es so gross wachsen würde, dass unsere Blütenschönheiten verdeckt würden und es deshalb ausgemerzt gehörte, nein, es wächst ganz einfach überall. Auch seine Blätter wären essbar und könnten Smoothies aufpeppen.

Das ist kein Hanf, sondern das kriechende Fingerkraut oder Potentilla. Mit Pfahlwurzeln und Ausläufern ist es fast gar nicht mehr wegzukriegen. Macht sich aber gut als Bodenbedecker.

Ich fürchte aber, ich müsste von März bis November jeden Tag mehrere Portionen Potentillagrün vertilgen, wollte ich das Kraut aus meinem Garten verbannen. Also habe ich mich ganz einfach arrangiert und lasse es dort, wo es nicht stört, stehen. Andernfalls reisse ich es einfach aus. Nicht sehr sorgfältig, denn jedes Fitzelchen seiner bis zu 45 Zentimeter langen Pfahlwurzel und die zahlreichen Ausläufer treiben eh wieder aus. Also brauche ich die an Hanf erinnernden Laubblätter als natürliche Bodenbedeckung. Sie tragen bei zum Eindruck, der Garten sei ein einziges grünes Paradies – wenigstens so lange, bis ich meine Brille aufsetze.

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2 Kommentare

  1. Genau diese drei Kräuter im Bild «pflege» ich in meinem Garten. Nachdem ich sie jahrelang jätete – natürlich ohne Erfolg – habe ich mich mit ihnen arrangiert, und schaue, dass das, was sonst noch wachsen soll, zumindest Chancengleichheit hat.
    Den Giersch verwende ich immer mal wieder in der Küche: Ein grosser Erfolg ist jeweils die Lasagne mit einer Hackfleisch-Saucen-Schicht und einer Spinatschicht (eben Giersch!) getoppt wie immer mit der hellen Käse-Sauce.

  2. Habe nur eine Terrasse aber viele Kräuter wachsen in den Töpfen alles was ich brauche es ist ein Wunder was alles spriesst . Eine Wohltat Danke für den interessanten Bericht.

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