FrontKolumnenÜber die Farbigkeit der Welt

Über die Farbigkeit der Welt

Ich solle doch einmal über die Farbigkeit der Welt schreiben, sagt mir eine Stimme. Ich weiss nicht, ob es die Stimme meiner Muse oder ob es meine eigene ist. Meine eigene, die vielleicht Stimmen aufgenommen hat von Dichtern wie Goethe, von Philosophen wie Heraklit oder von Freunden, die mich mit Rede und Schrift anregten. Von Heraklit, zum Beispiel, trage ich weiss nicht wie lange schon, den Satz »Alles fliesst» in mir, und ich beziehe ihn nicht nur auf mein veränderliches Ich, dass zwar immer dasselbe zu sein scheint, sondern auch auf die Farben der Landschaft. Heute Morgen begann der Tag ohne Farbe. Er scheint grau und lässt das Grün der Wiesen am gegenüberliegenden Hang matt erscheinen. Der Hügel ist unverändert in seiner Gestalt, aber er besitzt nicht den Glanz, den ihm jeweils das Sonnenlicht gibt. Betrachte ich den Hügel tagsüber im unterschiedlichen Licht, scheint er mit  im heraklitischen Sinn dahinzufliessen, im Wechselspiel der Farben, das Bild ändert, nicht aber die Substanz der Landschaft. Ähnlich wie beim Ich des Menschen? Es bleibt, aber es ist doch irgendwie immer anders gestimmt.

Die Stimme, die mir die Idee über Farbigkeit zu schreiben zugeflüstert hat, könnte aus weiter Ferne von Goethe gekommen sein, war er doch einer der ersten, der den Farben gefühlsmässige Qualitäten zusprach. Stellen Sie sich vor, die Umwelt wäre rot, statt grün in ihren verschiedenen Tönen, von matt bis saftig leuchtend? Und der Himmel nicht grau oder blau? Wie wäre das unerträglich für den Menschen. Er müsste stets in einer Erregtheit leben, die ihn noch mehr empören würde, als die tägliche Lektüre über das Weltgeschehen. Der Wechsel der Farbe in der Landschaft ist daher beruhigend, weil sich das Rot fast verflüchtigt und es sich ausser dem roten Mohn diskret dem Grün unterordnet; selbst das flüchtige Morgenrot und das Rot des Abends weisen bei allem rötlich leuchtenden Schimmer immer auch gelbliche, rosafarbene- oder bläuliche Töne auf, so dass es zwar einerseits aufweckend erfrischt und am Abend eine romantische Stimmung schafft, aber niemals aggressiv stimuliert. Es lädt zum Staunen und zur Bewunderung ein.

Wenn der Philosoph die Farbe nicht zur Identität einer Gestalt zählt, so hat das damit zu tun, dass etwa eine Blume die Blume oder ein blühender Kirschbaum der Kirschbaum bleibt, auch wenn die Blüten verwelken. Das zeigt uns auch meisterlich das Chamäleon, das seine Farbe zur Tarnung wechselt. Es verliert deshalb seine Identität nicht. Wenn ein Mensch rot im Gesicht anläuft, weil er beim Lügen ertappt wird, bleibt er, der er ist oder er lügt vielleicht nicht mehr und verändert seinen Charakter.

Nun, da die Sonne durch die Wolken bricht, erscheint meine Umwelt wie neu. Die Schicht der alles überziehenden Wolken zieht sich zurück und es steigen am Nachmittag strahlend weisse, mächtige Wolkengebilde am Horizont auf. Das Grün über dem Abhang wird saftiger, und wenn die Wiesen am Morgen matt erschienen, strahlen jetzt die verschiedenen Flächen, je nach dem Stand des Grases,  olivgrün, moosgrün oder im reinen Grün der Palette. Dazwischen liegt der braune Streifen eines abgeernteten Ackers. Der See, in den die Fläche des Abhangs abfällt, verändert sich, von smaragdgrün bis zu türkisch blau, um nach Sonnenuntergang in ein Schiefergrün zu wechseln. Bricht die Nacht herein, vermählt er sich bald bleifarben mit der beginnenden Dunkelheit.

Diesen Tag betrachtend ist der Moment gekommen, den Dichter zu zitieren: «Wär nicht das Auge sonnenhaft, / die Sonne könnt es nie erblicken. / Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft, / wie könnt es Göttliches entzücken.»* Und eben dies, dass die Welt bunt ist und sich im Tages- und Jahreswechsel ständig verändert, gehört zum Göttlichen, das wir erfahren können. Auf einer Bank sitzend oder im Gras liegend, dachte ich früher oft: «Du brauchst nicht König zu sein und ein Schloss am See zu besitzen, du bist ein König, wenn du die Gnade hast, dies alles mit Wohlgefallen betrachten zu können.» Dieses Alles bleibt keinem Menschen vorenthalten, der nicht blind ist. Er kann sich an der  Farbigkeit der Welt erfreuen.

* Johann Wolfgang Goethe

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