FrontKolumnenBraucht es in der Corona-Krise mehr Generationensolidarität?

Braucht es in der Corona-Krise mehr Generationensolidarität?

Da und dort wird der Gedanke geäussert, dass die sogenannte Risikogruppe der über 65-Jährigen für die wirtschaftlichen Schäden aus der Corona-Krise einen Beitrag für jüngere Generationen leisten soll. Klimajugendliche fordern mehr ökologische Verantwortung von älteren Generationen. Und es könne nicht sein, dass die Arbeitenden für einen Teil der Pensioniertenrenten aufkommen sollen. Ist die Generationensolidarität in Gefahr?

Dazu ein paar Bemerkungen zum sogenannten Generationenvertrag und zum Solidaritätsprinzip.

Der Generationenvertrag, in dem Sinne verstanden, dass die jeweils arbeitende Bevölkerung Geld in die Rentenkassen einzahlt, wovon die Pensionierten neben dem, was sie selbst während ihrer Arbeitsphase eingezahlt haben, leben können, ist ein fiktiver Vertrag zwischen den Generationen. Für den Generationenvertrag gibt es keine wirklichen Vertragspartner. Durch die demographische Entwicklung sind, wie wir wissen, einige Schwierigkeiten absehbar, die durch Rentenreformen, die dafür sorgen, dass alle ihre Grundbedürfnisse decken können, gelöst werden müssen.

In allen Generationen gibt es mehr oder weniger glückliche und mehr oder weniger reiche Menschen. Deswegen vernebelt der Begriff der „Generation“, verstanden als eine bestimmte Altersgruppe, bestehende Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten.

Das Solidaritätsprinzip meint, dass man in einer Gemeinschaft mit Unterstützung und Hilfe rechnen kann, wenn man sie braucht, d.h. Reiche unterstützen Arme, Gesunde Kranke, vom Glück Begünstigte Bedürftige. Alle sorgen zunächst selbstbestimmt und nach Kräften für sich, tragen wenn möglich das Ihre zum Gemeinwohl bei und beanspruchen ohne Scham Unterstützung und Hilfe, wenn man sie braucht. Das Solidaritätsprinzip, so verstanden, ist keine Generationenfrage, sondern eine Handlungsorientierung, wonach man sich gegenseitig unterstützt, wenn man auf Hilfe angewiesen ist und Hilfe leistet, wenn man über genügend Ressourcen verfügt.

Einen Generationenkonflikt herbeizureden verunklärt die Lage. Konflikte entstehen aber zurecht, wenn Bedürftige nicht solidarisch unterstützt, Grundbedürfnisse nicht gestillt, Menschenrechte verletzt oder der Planet durch unser Wirtschaften so stark belastet wird, dass zukünftige Generationen darunter leiden müssen.

Was heisst das konkret für die Seniorinnen und Senioren? Für sich selbst und andere sorgen! Wer nach der Pensionierung gut für sich selber sorgt, das Leben ressourcenschonend geniesst, sich weiterbildet und vielleicht bisher verborgenen Talenten Raum und Zeit gibt, tut letztlich sich und andern Gutes. Und wer noch bei guter Gesundheit und in vollem Saft ist, setzt sich hoffentlich dankbar ein für andere, etwa als Grosseltern, als Freiwillige im Einsatz für gemeinnützige Zwecke oder in der Betreuung von hochaltrigen, unterstützungsbedürftigen Personen. Und wenn man auf Unterstützung angewiesen ist, soll man sie ohne falsche Scham nachfragen, so dass man bis zum letzten Atemzug ein würdiges Leben führen kann.


Die Seniorweb-Redaktion heisst Beat Steiger als neuen redaktionellen Mitarbeiter herzlich willkommen. Geboren 1953 in Sursee und wohnhaft in Wil SG, studierte Beat Steiger Philosophie und Germanistik in Freiburg i. Br., Konstanz und Zürich. Bis zur Pensionierung war er Philosophie- und Deutschlehrer an der Kantonsschule Wil. Ehrenamtlich arbeitete Beat Steiger in der Schweizerischen UNESCO-Kommission, in der Pädagogischen Kommission Mittelschulen SG, beim Wiler Forum für Nachhaltigkeit (WIFONA). Seit 2018 ist Beat Steiger Präsident von NANU (Netzwerk Alter-Nachhaltig Unterwegs), seit 2019 im kantonalen Seniorenrat SG.

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