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Ein anderer Traum

 Es gilt eine Lyrikerin zu entdecken. Der versierte und kluge Übersetzer Christoph Ferber, der in Ragusa superiore auf Sizilien lebt, fein und sehr einfühlend arbeitet, bringt uns die Lyrik von Lina Fritschi in einem schönen Buch näher, herausgegeben im Limmat-Verlag. Wer sich auf die Gedichte einlässt, spürt die Erfahrung eines langen Lebens mit vielen Erinnerungen. Die Dichterin ist die Tochter eines Schweizers, der ins Piemont ausgewandert war. Auf den linken Seiten des Buches «Un altro sogno- ein anderer Traum» stehen die Gedichte in Italienisch und rechts jeweils Ferbers deutsche Übersetzungen. Die Gedichte aus dem langen Leben von Lina Fritschi (1919-2016) berühren sehr. Der frühe Tod ihres Mannes habe sie erst Dichterin werden lassen, nimmt Ferber an. Sie war in den letzten Lebensjahren  erblindet. Irgendwann kam der Moment, wo sie Worte des Abschieds fand:

Ich verabschiede mich von den Versen,
vielleicht auch vom Leben.
Lebewohl, lebewohl, es ist Zeit für die Trennung,
den Tod. Die Strassen sind leer
und stumm …

Sie erinnert sich an den schwarzen Vogel hoch in den Felsen, der sie immer begleitet. Er schwebt über ihr. Jetzt, wo die Einsamkeit eingekehrt ist, ruft der Tod, und sie denkt: Es ist eine fliehende Zeit. Lina Fritschi hat den Schicksalsschlag, der sie traf, als Dichterin zu bewältigen versucht.

Manchmal überkommt mich
ein warmer Strom, eine Flüssigkeit,
in der ich versinke. Ich bin
wieder Frau, wenn ich mit mir spreche,
wenn ich dich ins Gedächtnis zurückrufe.
Unter dieser trockenen, alten Haut
schläft eine junge Frau: mit ihrem Traum
und dem Ort, wo die Erinnerungen
sie bedrängt. Und dort lebe ich oft
im Zeichen der Gnade.

Die Gedichte loten die Tiefe aus, in dem was das Leben ihr verhiess. Auch dieses Gedicht beschwört die vitale Kraft der jungen Frau, die 1944 einen Hauptmann der italienischen Luftwaffe heiratete  und der 1950 in Südapulien abstürzte. Unter ihrer alten Haut schläft noch immer die junge Frau. Der Traum, die Vorstellungskraft lassen sie daran denken, dass jene Zeit als ein Zeichen der Gnade geblieben ist.

In dieser Gedichtesammlung überblickt die Dichterin das Leben. Blind geworden trägt sie schweres Gepäck mit sich. «Eine lange Agonie, vier Jahre Blindheit  ist viel…» Die Einsamkeit wird grösser. Sie denkt an den Tod, an die Leere, an die Worte, die sie gefunden und als Dichterin den Menschen vermacht hat. Das Jenseits ist nahe. Sie überlegt, was ihr bleibt. «Vielleicht die Worte. Werd ich sie dann bei mir finden?» Verschlüsselt darin die Frage, die sich am Ende des Lebens stellt: Was wird nach dem Tode sein? Nein, sie wird die Worte nicht mitnehmen können, nicht finden, aber sie hat sie uns, den Lebenden, hinterlassen.

Auch mit 90 Jahren ist das vergangene Leben noch lebhaft vorhanden. Die Dichterin erinnert sich an den Vater, an die Mutter, an ihren Mann, an das, was das Leben mit ihr vorhatte und ihr gab. Es ist in gewählten Worten sorgsam aufgehoben, nicht überschwänglich und nicht pathetisch. Sie erinnern an ein Leben, das keine Goldfäden und Girlanden zog, das sie aber mit bewundernswerter Lebenskraft bestand. Ihre Gedanken geben den Lesenden Kraft, eigene Schicksalsschläge zu bewältigen und neu zu betrachten. Lina Fritschi gelang dies mit ihren Worten:

Ich werde das Schicksal betrügen,
das mir die Augen trübte,
wenn ich im  Luftstrom der Brandung
aufs Meer treffe, wenn ich die Katze
am unteren Ende
des Schnurrfadens weiss.

Die Augen schenken ihr keine Bilder mehr, aber der Luftstrom am Meer streift andere Sinne, und sie begreift, dass die Katze zu ihren Füssen noch schnurrt.

Die Gedichte holen Gedanken aus dem Schicksal der Frau ins Gedächtnis zurück. Das Gespräch mit dem Leben verklingt nicht.

Poesie, Hexe, Gefährtin
und Feindin. Auch jetzt noch
bedrängst du mich, jetzt,
wo ich alt bin …

Sie schildert, wie Blumen und Kronen von Täuschungen auf dem Sarg liegen werden. «Ein anderer Traum» ist ein wunderbares Buch, das den  Lesenden auf wunderbare Weise anregt, das eigene Leben auszuloten.

Lina Fritschi: Ein anderer Traum – un altro sogno. Limmat Verlag 2020

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