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Zeitzeuge des Sklavenhandels

«Barracoon» ist die Geschichte des letzten überlebenden Afrikaners, der mit dem allerletzten Sklavenschiff 1860 nach Amerika deportiert wurde. Die Autorin Zora Neale Hurston zeichnete seine Erzählungen 1928 auf, publiziert wurden sie fast ein Jahrhundert später.

In Amerika nannte man ihn Cudjo Lewis, in seiner Heimat hiess er Kossola. Er gehörte dem westafrikanischen Volk der Yoruba an und wurde um 1841 in Dahomey, dem heutigen Benin geboren. Seine Mutter gab ihm den Namen Oluale Kossola, was sinngemäss «meine Kinder sterben nicht mehr» bedeutet. Sein Grossvater war ein Amtsträger im Dienst des Königs und besass Land und Vieh. Mit vierzehn wurde Kossola als Jäger ausgebildet, lernte Spurenlesen, Bogenschiessen und Speerwerfen und wurde in die Männergeheimgesellschaft aufgenommen, die für die Jagd, aber auch für die Verteidigung gegen aggressive Nachbarn zuständig war. Mit neunzehn sollte er für die Eheschliessung initiiert werden, doch 1860 fand seine Welt ein jähes Ende.

Zora Neale Hurston, Kulturanthropologin und amerikanische Schriftstellerin, um 1930.

Zora Neale Hurston (1891-1960) schrieb Cudjo Lewis Geschichte in seiner gesprochenen englischen Mundart nieder, was sich nur mit einzelnen Färbungen ins Deutsche übertragen liess. Als afroamerikanische Kulturanthropologin recherchierte sie in den Südstaaten der USA in Arbeiter- und Gefangenenlagern, oft unter Lebensgefahr. 1927 hörte sie von Cudjo Lewis (um 1841-1935). Er war der letzte bekannte überlebende Afrikaner, der mit dem letzten amerikanischen Sklavenschiff, der Clotilda, 1860 in die USA verschleppt wurde. Sie besuchte den 86-jährigen während drei Monaten und führte mehrere Gespräche mit ihm. Da sie für ihre Aufzeichnungen keinen Verleger fand, blieb das Manuskript liegen und sie wandte sich der literarischen Arbeit zu. Erst in unserer Zeit entdeckte die Schriftstellerin Alice Walker (*1944) Hurstons Aufzeichnungen und publizierte sie 2018, die deutsche Übersetzung erschien in diesem Jahr.

Der internationale Menschenhandel wurde in den USA 1808 abgeschafft. Trotzdem wurde er illegal weiter betrieben, denn an diesem Geschäft verdienten nicht nur die Weissen, sondern auch afrikanische Herrscher, wie der König von Dahomey (heute: Benin), der sich diesem Verbot widersetzte. Er machte Jagd auf Menschen, griff Dörfer an und füllte das königliche Gefängnis mit Gefangenen aus seinem eigenen Reich. Die amerikanische Presse verbreitete 1858 die Nachricht von seinem schwungvollen Handel, was den Sklavenhalter Timothy Meaher auf die Idee brachte, heimlich ein Schiff bauen zu lassen, mit dem Kapitän William Foster 1860 nach Afrika segelte, um in Ouidah, dem Hafen von Benin, illegal die «Schmuggelware» abzuholen.

Sklaven, mit Halseisen aneinandergekettet, kehren ins Lager zurück, nachdem sie einen Toten herausbrachten. Zeichnung von Johann Baptist Zwecker, 1868.

Cudjo Lewis hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis und erzählte Hurston, was geschah, als er neunzehnjährig versklavt wurde. Frühmorgens griff der König von Dahomey mit zahlreichen Kriegern die noch schlafende Bevölkerung in seinem Dorf an und metzelte sie nieder. Die jungen Männer und Frauen liess er aneinanderketten und ins königliche Gefängnis bringen, wo sie drei Tage später in die Baracken der Sammelstellen, die sogenannten Baracoons, am Hafen geführt wurden.

Nach drei Wochen im Lager, erzählte Lewis, tauchte ein Weisser auf, begleitet von einem Häuptling und einem «Wortwechsler», dem Übersetzer. Dieser wählte hundertzehn Gefangene aus, je ein Mann und eine Frau, und brachte sie auf die Clotilda. Die Überfahrt soll siebzig Tage gedauert haben. Als sie nachts in Alabama ankamen, mussten alle auf ein anderes Schiff umsteigen und die Clotilda wurde verbrannt, um den illegalen Sklaventransport zu vertuschen. Man fuhr sie den Alabama River hoch zum Haus des Sklavenhändlers, wo sie paarweise an die Interessierten verteilt wurden. Der Kummer über die Trennung von den eigenen Leuten war für Cudjo Lewis beim Erzählen noch so gross, dass er Zora Neale Hurston wegschickte.

In verschiedenen Etappen berichtete Cudjo Lewis weiter von seinem Leben als Sklave in Mobile im Staat Alabama. Er habe Glück gehabt mit seinem «Besitzer», sie mussten hart arbeiten, wurden aber nicht ausgepeitscht. Schmerzlich erlebte er die in Amerika geborenen Farbigen, die die Neuankömmlinge als «unzivilisierte Wilde» mobbten. Die Befreiung kam am 12. April 1865. Da sie nun heimatlos waren, legten sie ihr Erspartes zusammen, aber für die Heimreise nach «Afrikaland» reichte es nicht. Sie erwarben ein Stück Land, bauten gemeinsam ihre Häuser darauf und nannten ihr Dorf «African Town». Da alle bekehrt waren, bauten sie eine Kirche, die Old Landmark Baptist Church, wo Cudjo Lewis nach einem Unfall Küster wurde.

Als Hurston Lewis fragte, ob sie ein Foto von ihm machen dürfte, freute er sich, denn er hatte sich noch nie auf einem Foto gesehen. Für das Bild zog er seinen besten Anzug an, aber ohne Schuhe, und sagte dazu: «Ich will aussehen wie in Afrika, weil das da ist, wo ich sein will».

Titelbild: Cudjo Lewis, vor 1914. Wikimedia Commons.

 

Zora Neale Hurston, Barracoon. Die Geschichte des letzten amerikanischen Sklaven. Hrsg. Deborah G. Plant, aus dem Englischen übersetzt von Hans-Ulrich Möhring, 220 S., Penguin Verlag, München 2020. ISBN 978-3-328-60130-2.

 

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