FrontKultur"Beethoven reicht bis zum Himmel..."

«Beethoven reicht bis zum Himmel…»

Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) gehört zu den weltweit berühmtesten und grössten Komponisten aller Zeiten. Seine Musik hat sich als zeitlos erwiesen. Auch heute 250 Jahre nach seiner Geburt wird er weltweit verehrt. Was macht ihn und sein Werk so besonders? Fünf Redaktionsmitglieder schildern ihr Verhältnis zum deutschen Musikgenie.

Joseph Auchter: Die Anekdoten, Mutmassungen und träfen Sprüche zum „Giganten“ Beethoven spriessen zu seinem 250. Wiegenfeste wieder so richtig ins Kraut. Aber wie so vieles, was kolportiert wird, ist neben Ramsch, Neid und Unwissen oft auch ein Körnchen Wirklichkeit (nicht Wahrheit, behüte!) dabei.

Wer schon in Beethovens Chorwerken mitgesungen (und auch mitgelitten) hat – erst recht in seiner magistralen“ Missa Solemnis“, der wird wohl nicken, wenn über ihn ausgesagt wird, dass seine Musik schwitze. Beethoven ringt nicht nur mit sich, er ringt auch die Singenden nieder, welche in lichten Höhen gegen die eruptiven Orchesterwolken zu bestehen haben, wo sich die Schrille und die Stemmkraft sehr nachteilig ausnehmen. Nur Bruckner übertrifft ihn da noch. Damit wird das Genie Beethoven nicht beschädigt, es besagt nur, dass er die menschliche Stimme ohne Rücksicht auf Verluste einsetzt. Florestan kann im „Fidelio“ ein Lied davon singen.

Schon in den Kinderschuhen hörte ich: „Beethoven reicht bis zum Himmel – Schubert kommt von dort.“ Und Richard Wagner meinte: „Ich glaube an Gott, Mozart und Beethoven“ – in dieser Reihenfolge.

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Maja Petzold: Ich erinnere mich, wie ich eines Tages als Teenager nach der Schule auf dem Heimweg war. Damals lief das Radio in vielen Haushalten. Es war Sommer, viele Fenster standen offen, und immer wieder hörte ich ein paar Takte eines Violinkonzerts – schöne Kantilenen über dem Teppich des Orchesters. Ich hätte stehenbleiben und den Rest von der Strasse aus anhören können. Ich aber lief schneller. Als ich zu Hause ankam, war das Konzert jedoch fast zu Ende, Beethovens Violinkonzert. Inzwischen habe ich es unzählige Male gehört.

In letzter Zeit mussten sich Musiker zumeist auf elektronische Übertragungsformen beschränken. So nahm ich, ohne zu reisen, an einem Abend des Würzburger Mozartfestes teil, der Beethoven gewidmet war und nur im Radio ausgestrahlt wurde. Kit Armstrong, ein junger taiwanesisch-amerikanischer Pianist, Komponist und Mathematiker bedauerte sehr, ohne Publikum spielen zu müssen. Er hatte in seinem privaten Musiksaal in Frankreich u.a. Beethovens Sonate Les adieux eingespielt, brillant und mit viel Einfühlung – ein Hörgenuss.

Das gesamte Konzert

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Josef Ritler: Es war im Jahre 1985. Mit Kollegin Elisabeth Sutter fahre ich mit dem Auto über den Julierpass nach St. Moritz. Ich schiebe die CD von Beethovens Fünfter in den Autoradio:  Ta-ta-ta-taaa-, Ta-ta-ta-taaa – die Musik beruhigt, denn die waghalsige Fahrt durch den tiefen Schnee im Schneegestöber, neben den kreuz und quer in der Fahrbahn stehenden Autos vorbei ist alles andere als gemütlich. Spät abends erreichen wir den Nobelort.

Wir hofften, am anderen Tag das royale Ehepaar Prinz Charles und Prinzessin Diana zur Weltpremiere des Polospiels in St. Moritz zu treffen. Alles sei für das königliche Paar vorbereitet: Polizisten für die Sicherheit, die Plätze für die Ehrengäste und für ihre Bequemlichkeit sogar die Wolldecken, hatte Kollegin Sutter erfahren.

Am anderen Morgen strahlend blauer Himmel. Das Oberengadin zeigt sich von der schönsten Seite. Vom zugefrorenen See her tönt aus dem Lautsprecher laute Musik. Wir fahren auf das Eis und parkieren. „Diana kommt“, sagt ein Organisator verschmitzt. Ich beginne daran zu zweifeln. Mir fehlen die Bodyguards. Auf den Tribünen sehe ich kein „blaues Blut“. Nur eine zweimotorige „Hawker Siddeley“ aus  dem Flugzeugpark der Queen überfliegt das tiefverschneite Engadin, übt sich in Samedan beim Landen und fliegt dann Richtung Zürich davon.

Dann die Überraschung: Über den Lautsprecher hören wir, dass in Kürze das Pferd namens „Diana“ am Polospiel teilnehmen werde. Übers Autotelefon orientieren wir die Redaktion. BLICK titelt anderntags:“St.Moritz enttäuscht: Statt Charles und Diana kam ein leeres Flugzeug“.

Wir fahren enttäuscht zurück. Beethovens Neunte beruhigt uns auf dem Heimweg.

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Fritz Vollenweider: Die erste Annäherung geschah 1956, als unser Musiklehrer im Lehrerseminar mich fragte, ob ich eine Zusammenfassung von Shakespeares Sturm, verbunden mit Überlegungen aus literarischer Sicht zur Verbindung der Motive mit Beethovens Klaviersonate Nr. 17 in d-moll, op. 31 Nr. 2, der Sturm-Sonate, vortragen könnte. «Lesen Sie Shakespeares Sturm!», soll Beethoven eine Frage über seine Absichten beantwortet haben.

In den 1960er Jahren lud mich ein Freund ein, mit ihm seine Gesamtaufnahme der Sinfonien anzuhören. Fasziniert war ich vom zweiten Satz der Zweiten, der in Seitenmotiven so etwas wie eine sinnierende Gedankenreihe entwickelt.

Vollends fühlte ich mich Beethoven nahe, als ich, damals aktiver Amateurgeiger und -bratschist, 1963 an den Luzerner Musikfestwochen (wie sie damals noch hiessen) drei Abende mit sämtlichen Violinsonaten, gespielt von Zino Francescatti, anhören und für meine Zeitung rezensieren durfte.

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Linus Baur: Ludwig van Beethovens Neunte Sinfonie erklingt in Sankt Petersburg, Kinshasa, Rio de Janeiro und Osaka. Zu Silvester flimmert sie über unzählige Fernsehbildschirme, ist Teil von Kinofilmen, Fernsehwerbung und Flashmobs. Kein Zweifel: Die Neunte ist Kult – und neben der Fünften gewissermassen der Inbegriff für klassische Musik überhaupt. 1972 hat sie der Europarat zur Europahymne erklärt. In der aktuellen Corona-Krise haben Musiker von ihren Balkonen herab und in Wohnstuben Versionen der „Ode an die Freude“ angestimmt, um in dieser Musik eine sonst kaum lebbare Gemeinschaftlichkeit zu finden.

Diese Musik bewegt die Menschen, ist existentiell. Das wird mir immer wieder bewusst, wenn ich die Neunte höre. Dieses Stück ist wirklich menschenverbindend, verkörpert weit über das Nationale hinausgehende Werte. Und das in einer Zeit, in der die Gemeinschaftlichkeit, der Zusammenhalt in der Welt auseinander triftet.

„Die Neunte ist das Stück der Stunde“, schreibt ein Kommentator und folgert: „Gegen die Demagogen aus unterschiedlichen politischen Lagern, die meinen, sie könnten Europa verachten und die liberale Demokratie aushöhlen, hilft nur eines, das Beethoven auch bei Bedarf vormachte: distancing. Wenn möglich, ohne auf den Boden zu spucken. Aber unbedingt innig und energisch.“ Ja, das wünschen wir uns, dass Beethovens Neunte hoffentlich bald wieder in den Konzertsälen in der vollständigen Fassung zu hören ist, möglichst sensibel und wenig triumphal interpretiert.

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