FrontGesellschaftImmer wieder besungen: die Liebe

Immer wieder besungen: die Liebe

In ihrem Buch: «Die Liebe ist ein schreckliches Ungeheuer» lässt uns Franziska Schläpfer teil haben an der Geschichte der Beziehung von neun «illustren Schweizer Paaren». Die einzelnen Kapitel des Buches, immer einem Paar gewidmet, eröffnen uns aber auch einen Einblick in das gesellschaftlich-kulturelle Leben der Schweiz während fast zweihundert Jahren.

Das Buch speist sich aus reichhaltigen Quellen: Tagebüchern, Briefwechseln, Biografien, Archiven, Gesprächen mit Nachkommen. Daraus erschliesst sich der Leserschaft die vielfältige Art von Beziehungen, von Liebe, von Zusammengehörigkeitsgefühl. Aber das sind nicht die einzigen Zeugnisse.

Die verschiedenen Geschichten der verschiedenen Leben zeigen auf, wie Lebensläufe, Schicksalsschläge, Glücksfälle, unerwartete Entwicklungen die Liebe formen, verändern, zum Blühen oder Verwelken bringen.

Im Auftakt zum Kapitel über Silvia Bezzola und Ernst Scherz heisst es: «Liebesbriefe gibt es keine. Auch kaum Persönliches. Aber wer kann so viele Jahre so eng zusammenarbeiten, ohne sich zu lieben? (…) Sie waren vollendete Gastgeber; ihre Liebesgeschichte ist die Erfolgsgeschichte des «Palace». Und nebenbei erzogen sie vier Kinder, auch das erfolgreich».

Der zeitliche Rahmen

Ich habe mir die Mühe gemacht, aufzulisten, welche Spanne von Jahren die Leben der von der Autorin Franziska Schläpfer ausgewählten Paare ausfüllen. Am Anfang stehen Agostino Garbald (1828–1909) und Johanna Gredig (1840–1935) und am Schlusse der Liste finden sich Anne-Marie Blanc (1919–2009) mit Heinrich Fueter (1911–1979) sowie Maurice Chappaz (1916–2009) mit S. Corinna Bill (1912–1979). Von 1828 bis 2009 spiegelt sich in den Schicksalen dieser Frauen und Männer das Geschehen der Epochen, in denen sie lebten.

Dabei werden wir auch über die Schweiz hinausgeführt. So durch die russische Sozialrevolutionärin Lidija Petrowna Kotschetkowa (1872–1921) oder die Verlegerstochter aus Deutschland Bettina Kiepenheuer (1909–1983)

Erinnerungen

Für Angehörige meiner Generation weckt das Buch eine Fülle von Erinnerungen. Da sind etwa Bilder aus Filmen und Fernsehserien mit Annemarie Blanc, die vor unseren inneren Augen aufsteigen. Die «Europa-Union» der Kabarettistin Elsie Attenhofer habe ich mir seinerzeit unzählige Male angehört. Als strickende Sekretärin verband sie telefonische Anrufe von Politikern der europäischen Länder. Und hoffte, dass am Schluss «wenigstens ein Socken herausschaut».

Anne-Marie Blanc und Heinrich Fueter, ein Paar, das in der Schweiz Filmgeschichte schrieb.

Die Kinderbücher des Atlantis-Verlags waren ganz spezielle Geschenke. Die «Villa Langmatt» macht ihre Kunstsammlung, nach Jahren der Zurückhaltung, seit 1990 als Museum Langmatt der Öffentlichkeit zugänglich.

Und selbstverständlich waren unter den Zeitgenossen von Annemarie Gunz, Hans von Matt, Josef Vital Kopp von einfühlsamem Verständnis für die erotischen Verstrickungen bis zu strikter moralischer Ablehnung alle Meinungen vertreten.

Spannend ist es auch, mit zu verfolgen, welche Berufe diese Frauen und Männer zwischen 1829 und 2009 ausübten. Viele widmen sich der Kunst, der bildenden Kunst, der Literatur. Auch der Bergeller Agostino Garbald war zwar Zollbeamter von Beruf, aber auch leidenschaftlicher Naturwissenschafter und Wetterbeobachter.

Familienbilder, Frauenbilder

Reiches Material bietet sich auch jenen an, welche der Lebenssituation der Frauen, den Familienbildern der verschiedenen Epochen nachspüren wollen. Und wie brachten diese Frauen Familie, Kinder und Beruf jeweils unter einen Hut? Wir finden da originelle Modelle und staunen, wie viele dieser Frauen ihrer Zeit voraus waren.

Jedem dieser Paare sind ungefähr dreissig Seiten im ansprechend aufgemachten Buch gewidmet. Von diesen dreissig Seiten sind einige für meinen Geschmack zu ausführlich mit Einzelheiten oder mit Zitaten gefüllt. Das macht nichts. Rasch öffnet sich die Türe zum nächsten Schicksal, zur nächsten Lebensbeschreibung, zur nächsten «Liebesgeschichte»!

Franziska Schläpfer: «Die Liebe ist ein schreckliches Ungeheuer. Illustre Schweizer Paare». 2020 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Zürich. ISBN 978-3-03919-470-4

Das Bild von Anne-Marie Blanc und Heinrich Fueter wurde, wie auch das Coverbild, vom Hier und Jetzt-Verlag zur Verfügung gestellt.

1 Kommentar

  1. Die Liebe ist ein schreckliches Ungeheuer und dazu noch wie….Sie ist vor allem unberechenbar, besonders was den Ausgang betrifft. Ausgang? Gibt es das bei ihr? Die Liebe überrollt alle Gefühle..alles ist einem egal, es gibt nur «sie» oder «ihn». Sie überrollt alles, was ihr in den Weg tritt. Man ist unwillkürlich ihr Sklave. Sie kennt weder Vaterland, Heimat oder andere Begriffe, denen man «normalerweise» eng verbunden ist. …Und plötzlich versiegt sie, als ob sie nie dagewesen wäre. Man tritt zurück in seine ursprüngliche Atmosphäre. Mein Gott, wenn das nur alles wäre, was man in ihrem Zusammenhang schreiben könnte. Davon kann wohl einer jeder Erdenmensch sein Lied singen, egal, ob in Dur oder Moll.

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