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Schöne Männer

Was für ein Glückspilz bin ich doch. Das Wort «Glückspilzin» gibt es ja, wie wir wissen, nicht. In der Nähe meines Wohnortes hat ein Herrenausstatter leere Geschäftsräume bezogen. Was werde ich in Zukunft alles betrachten können beim Vorbeispazieren: edle Hemden, schöne Krawatten, exklusive Einstecktücher, Jacken und Hosen aus feinstem Stoff. Die so Eingekleideten stelle ich mir in meiner Fantasie vor.

Einige Blocks weiter macht sich ein Anbieter von Schönheitsprodukten breit. Düfte aller und bester Art, Cremen und Salben in Dosen, Tuben und Flacons, attraktiv in der Auslage präsentiert, wecken meine Träume. Hier allerdings ist genügend Platz vorhanden, um fotografische Beweisstücke zu platzieren. Wie schöne Frauen heute aussehen sollen, ist uns allen wohl bekannt. Wallende wehende Haare, eine Hälfte über die Schulter nach vorne drapiert, aufgeworfene Lippen, natürlich oder künstlich in Form gebracht, schmachtende Blicke.

Gendergerecht werden unsere Blicke im Schaufenster auch auf Männerbilder gelenkt. Es sind vor allem junge Männer, die präsentiert werden. Denn dass Menschen bis ins hohe und höchste Alter aufmerksamkeitsheischend, sexy und verführerisch sein sollen, haben die Männer den Frauen – zum Glück – bis jetzt noch nicht nachgemacht. Ihr Aussehen darf natürlich reifen! Haarfarbe, die sich verändert, Gesichtshaut, die weicher wird, Falten, die sich markant ausprägen, formen gemäss gängigem Urteil den attraktiven Charakterkopf des alternden Mannes.

Die Fotografien der jungen Männer im Schaufenster haben es in sich. Die Frisuren sind bald lässig verstrubelt, bald decken die vollen Strähnen knapp den träumerischen Blick oder stehen in der Mitte des Kopfes keck in die Höhe. Nein diese letzte Spielart ist doch schon längst passé! Hinter allem erkennt die Beschauerin die kompetente Hand eines kundigen Figaros.

Die Körper der Gezeigten sind von Textilien weitgehend befreit. Im Schaufenster eines Bekleidungsgeschäftes mag das zu Stirnrunzeln führen. Denn es geht ja um das Bekleiden. Im Geschäft mit Beautyprodukten stört das weniger. Denn die den neugierigen Blicken preis gegebenen Körperformen der jungen Männer lassen uns erraten, wohin ihr Lebensweg führen wird. Da erkennen wir auf Anhieb den zukünftigen Spitzensportler, den zukünftigen CEO, den zukünftigen Künstlerstar.

Vertraut mit den Bildern des Malers Carl Spitzweg (1808-1885) schmunzeln wir innerlich. Wie haben wohl die «Spitzwegmänner», die Kakteenfreunde, Bücherwürmer und armen Poeten in ihren jungen Jahren ausgesehen?

Und wie soll ich nun diese ganze Pracht, die ich ohne Einschränkungen auf mich wirken lasse, mit einem Satz charakterisieren? Am treffendsten mit einem witzigen Bonmot, an dem ich früher fast täglich im Sauseschritt (Wortschöpfung von Wilhelm Busch) vorbeieilte. Das renommierteste Herrenmodegeschäft der Stadt Luzern brachte uns damals die neuesten Angebote für ihre Kunden nicht nur visuell, sondern in geschliffenen Sätzen auch intellektuell näher. Natürlich waren diese Sätze in englischer Sprache verfasst. Und der Nachhaltigste hiess: «Being a true gentleman goes never out of fashion!”

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