StartseiteMagazinKolumnenDie Jeans mit den Grasflecken

Die Jeans mit den Grasflecken

Lang ist’s her, seit vor bald 150 Jahren im damals fernen Amerika der eingewanderte Deutsche Levi Strauss die Bluejeans erfand. Konstruiert für die Goldgräber in San Francisco, fand die stabile Arbeitskleidung schnell auch Verwendung bei Cowboys (die gab es wirklich!), Farmern und Holzfällern.

Die Jeans waren Kult und sind es bis heute. Im Zweiten Weltkrieg kamen sie durch die amerikanischen Soldaten nach Europa und traten ihren Siegeszug an. Filmrebellen wie James Dean und Marlon Brando sorgten dafür, dass auch die Jugendlichen (Halbstarke…) Gefallen an den Dingern fanden, denn sie waren ein so schönes Symbol für Protest und Nonkonformismus, prädestiniert, Eltern und andere Spiesser zu schockieren.

Längst sind die Röhrlihosen in all ihren Facetten etabliert, und oft werden sie auch von jenen getragen, die besser darauf verzichten würden. Doch den Geruch des Schockierens haben sie behalten. Wie sonst könnte jemand auf den Gedanken kommen, vom Hersteller absichtlich zerfetzte löchrige Beinbekleidung zu tragen?

Diese dürften nach ein paar Jahren jetzt allerdings vorbei sein, denn dieses «Must have» ist neuerdings kalter Kaffee. Wie kürzlich zu lesen war, hat das berühmte italienische Modelabel Gucci eine neue Jeans-Version auf den Markt geworfen. Die geniale Idee dahinter: Sie sind mit (künstlichen) Grasflecken verunziert. Und sie sollen wohl signalisieren: «Was bin ich doch für ein Kerl! Schaut her, wie ich mit meinen blossen Händen schmutzige Arbeit verrichte und es mir egal ist, welche Spuren sie auf meiner Bekleidung hinterlassen!» Wobei die Fingernägel der Damen natürlich tipp topp frisch lackiert sind. Die Hosen kosten übrigens müde 750 Fränkli, werden bei Aldi und Co. aber wohl bald für Fr. 9.99 zu haben sein.

Sie können sich nicht vorstellen, wie meine Gattin lachte, als sie von ihrer Gartenarbeit zurückkam und ich ihr von der neusten Errungenschaft berichtete. «Da bin ich ja, ohne es zu wissen, top modern und modisch voll dabei!» Und sie verwies auf den von der Natur zünftig beeinflussten Hosenboden und dito Knie. Und sie werde nie mehr hoffnungslos versuchen müssen, die Flecken zu entfernen!

Das Intakte mutwillig zerstören und damit erst noch viel Geld verdienen? Dieser Unsinn liesse sich fast endlos auf viele Gebiete ausweiten. Wie wär’s mit neuen Schuhen, deren Absätze bereits abgelatscht oder deren «Stöckli» abgebrochen sind? Oder mit Velos, die beim Kauf mit einem Platten ausgerüstet sind und zuerst geflickt werden müssen? Der Klavierstimmer könnte zum –verstimmer werden, damit ein Konzert so schön schaurig falsch tönen würde. Und der Gärtner könnte beim Rasensäen eine kräftige Portion Unkraut einbringen, so dass beim Jäten die Jeans – siehe vorher.

Ich für mich warte auf den Moment, wo die Karosserien brandneuer Autos vor dem Verkauf zünftig verbeult werden. Dann werde ich mit meinem in die Jahre gekommenen Vehikel top modern sein…

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