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Praxisorientierte Altersforschung

Im Rahmen der Veranstaltung «Wissensbeschaffung und Wissensmanagement» des diesjährigen CAS «Gerontologie heute» konnte Seniorweb dem Sozialpsychologen und langjährigen Geschäftsführer des «Zentrums für Gerontologie», Hans Rudolf Schelling (Bild), ein paar Fragen stellen.

Seniorweb: Sie sind seit 17 Jahren Geschäftsführer des Zentrums für Gerontologie (ZfG) der Universität Zürich.  Das ZfG betreibt interdisziplinäre Altersforschung. Wer macht da was?

Hans Rudolf Schelling: Wir haben vier verschiedene Arbeitsbereiche: Der erste Bereich ist «Grundlagen und Forschung». Damit ist wissenschaftliche Forschung ohne unmittelbaren Anwendungszweck gemeint; das ist ein Bereich, der auch in anderen Einrichtungen der Universität gut vertreten ist. Eher eine Besonderheit ist der zweite Arbeitsbereich «Entwicklung und Evaluation», der die Entwicklung des ZfG besser widerspiegelt. Es geht dabei um Forschung mit intensivem Praxisbezug zur Altersarbeit und deren Institutionen. Hier sollen neue Konzepte entwickelt und in der Praxis überprüft werden. Der dritte Bereich ist die «Psychologische Beratung»: Seit der Gründung des ZfG bieten wir für ältere Menschen Beratung an, aber auch für Institutionen und für Personal in Altersinstitutionen. Diese Beratung macht seit vielen Jahren Dr. Bettina Ugolini. Der vierte Bereich ist die Weiterbildung. Zum Beispiel organisieren wir seit 2004 jährlich das CAS «Gerontologie heute» für Interessierte mit Hochschulabschluss und Berufspraxis in der Altersarbeit, Alterspolitik und angrenzenden Bereichen.

Woher kommen die Forschungsaufträge und Forschungsfragen?

Die Forschungsaufträge kommen in der Regel von Praxiseinrichtungen. Das können politische (kommunale, kantonale oder nationale) Organisationen sein, aber auch etwa Pro Senectute Schweiz oder Curaviva oder Pflegeeinrichtungen, etwa die Pflege- und Alterszentren der Stadt Zürich, aber auch private Anbieter von Dienstleistungen für Ältere. Das sind unsere Hauptkunden, aber wir haben beispielsweise auch schon Forschungsförderungsprojekte angenommen, etwa vom Schweizerischen Nationalfonds, aber das ist für uns meistens ein finanzielles Verlustgeschäft.

Ja, woher kommt denn das Geld für die Arbeit des ZfG?

Wir haben von der Universität Zürich den Auftrag, uns fast vollständig selbständig zu finanzieren, d.h. jedes Projekt muss sich finanziell selber tragen und muss zusätzlich zum gemeinsamen Dach oder Fundament beitragen. So liefern wir einerseits 10% des Auftragsvolumens der Universität Zürich ab, und zudem müssen wir auch nicht direkt produktive Tätigkeiten wie Administration und Koordination sowie zum Beispiel Computer und Verbrauchsmaterial unseres Zentrums selbst finanzieren.

Wie arbeitet das ZfG mit Seniorinnen und Senioren und Seniorenorganisationen zusammen?

Fast seit der Gründung des Zentrums gibt es eine «ArbeitsGruppe Senioren am Zentrum für Gerontologie» (AGSG). Ursprünglich nannte sie sich «Arbeitsgruppe für Gerechtigkeit und Solidarität im Gesundheitswesen», entstanden aus einer Veranstaltungsreihe des ZfG, wo es um Rationierung im Gesundheitswesen ging. Hier gibt es allerdings Rekrutierungsschwierigkeiten, da einige Mitglieder aus der Anfangszeit bereits gestorben sind und nicht vollständig ersetzt werden konnten. Uns ist grundsätzlich Partizipation auch in der Forschung wichtig, das können wir zum Teil mit Mitgliedern der AGSG verwirklichen, anderseits haben wir auch die Etablierung einer Akademie für partizipative Forschung zusammen mit dem Kompetenzzentrum Citizen Science unterstützt, und wir möchten partizipative Forschung zum Mainstream machen.

Was kann man als Senior tun, wenn man mehr wissen möchte über das ZfG?

Man kann sich beispielsweise mit der AGSG oder mit uns direkt in Verbindung setzen, etwa wenn man thematische Ideen hat oder wenn man an Forschungsprojekten aktiv teilnehmen oder sich als Versuchsperson in Projekten zur Verfügung stellen möchte. Weiteres findet man auf unserer Website unter https://www.zfg.uzh.ch. Wir sind dankbar, wenn sich Interessierte bei uns melden.

Was sind die Highlights der bisherigen Tätigkeit des ZfG?

Oje, das würde zu weit führen, ich wüsste gar nicht, wo ich da anfangen sollte, und Anfangen wäre leichter als aufhören. Unsere aktuellen und früheren Projekte sind auf unserer Website aufgelistet und beschrieben; gerne überlasse ich es den Leserinnen und Lesern, die Highlights nach eigenen Kriterien zu bestimmen.

Welche Projekte stehen an?

Wir haben ja bereits eine gewisse Tradition mit dem Thema «Kunst und Kultur in der Altersarbeit». Im Moment untersuchen wir in mehreren Projekten die Wirkung von Musik, Klängen und Liedern im Umgang mit dementen Personen. Beispielsweise gibt es das Projekt «Musikspiegel» oder «Music Mirrors», das in Grossbritannien entwickelt wurde und das Dr. Sandra Oppikofer zu uns geholt hat. Hier werden akustische Signale gesammelt, beispielsweise bestimmte Musikstücke, aber auch Hundegebell oder Scharren oder irgendwelche Geräusche, die positive Assoziationen auslösen und die man als Musikspiegel des eigenen Lebens zusammenstellt. Diese Klänge können in der Betreuung von Menschen mit Demenz eingesetzt werden, um sie zum Beispiel aus einer für sie unangenehmen, aufregenden Situation herauszuholen, sie zu erden und positiv zu stimmen.

Was möchten Sie den Leserinnen und Lesern von Seniorweb zum Schluss noch sagen?

Ich finde das Seniorweb schon seit vielen Jahren sehr wertvoll. Früher waren die Seniorweb -Userinnen und -User ja die ersten Seniorinnen und Senioren, die sich im Web bewegt haben, mittlerweile ist das ja zum Glück zum Mainstream geworden. Das soll nicht heissen, dass Ältere, die sich nicht im Netz aufhalten, Nachteile haben, aber ich freue mich, dass das Seniorweb etwas von der Pionierarbeit, Ältere in die digitale Welt hineinzuführen, übernommen hat und sich als Kommunikationsorgan zwischen älteren Personen zur Verfügung stellt.

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