FrontKulturVittorio Santoro und Michal Budny

Vittorio Santoro und Michal Budny

Gemeinsam stellen sie ihre Werke im Luzerner Kunstmuseum aus: der aus Italien stammende und in Zürich aufgewachsene Vittorio Santoro und der polnische Künstler Michal Budny.

Die Ausstellung, kuratiert von Fanni Fetzer, verbindet die Werke der beiden Künstler zu einem losen Dialog.

Sculpture/Sculpture ist Vittorio Santoros erste umfassende Werkschau in der Schweiz. Er nennt seine räumlichen Arbeiten skulpturale Situationen, arbeitet aber auch mit Film und vor allem mit Schrift und Sprache. Den Ausgangspunkt für sein Werk bildet stets eine Idee, ein Phänomen in der Welt oder eine literarische Szene, die er mit künstlerischen Mitteln untersucht und übersetzt.


Vittorio Santoro vor seinem Werk. In/Voluntary Movement Diagram (Josef K.) 2013-2014
Vier Holzpanele mit kontinuierlich eingravierter schwarzer Linie, elektrischen Kabeln, fünf Glühbirnen, schwarzer Farbe auf Wand, grauer Wandfarbe, Edition 1/3 Burger Collecction, Hong Kong

In den skulpturalen Situationen kombiniert Santoro gefundene Objekte mit eigens produzierten Artefakten, wobei ihre Herkunft verschiedene Assoziationen ermöglichen. Das Publikum wird mit unterschiedlichen literarischen sowie historischen Momenten konfrontiert und aufgefordert, Entscheidungen zu treffen: rechts oder links gehen, die Installation durchqueren oder nur aus einer sicheren Distanz betrachten?


Installation von Vittorio Santoro. Glas halb leer? Glas halb voll? Wer will das entscheiden?

So lenkt Santoro die Erwartungen des Publikums über den Ausstellungsraum hinaus, hinterfragt etablierte Werte und denkt über soziale Ränder oder poetische Gesten nach. Für Sculpture/Sculpture hat der in Zürich und Paris lebende Künstler eine neue Rauminstallation entwickelt. Er thematisiert darin Megafone, wie sie für die Massenkommunikation im Freien, für Verkündigungen und Demonstrationen verwendet werden.

Informationen, Anweisungen, Wünsche und Forderungen werden mittels Megafonen verstärkt und akustisch verzerrt in die Menge gestreut. Verschiedentlich ist Santoro in der Ausstellung mit real-time activities präsent. Mit diesem Begriff bezeichnet er seine Interventionen, seien dies Performances oder Aktionen.

Dass der Künstler sich gerne auf Klassiker der Weltliteratur bezieht, zeigt er mit einer Schlüsselszene aus Fjodor Dostojewskis «Verbrechen und Strafe» nach, als nämlich der traurige Held Rodion Raskolnikow innen an der Wohnungstür der Pfandleiherin Aljona Iwanowna verharrt und den Schritten im Treppenhaus lauscht.

In ihrer Strenge und Gegenstandslosigkeit erinnern Michał Budnys Arbeiten an den Konstruktivismus. Die Klarheit seiner visuellen Sprache und die geometrischen Formen stellen Verbindungen zur Minimal-Art her. Doch wenn Budny 180 Quader auslegt, die von weitem wie schwarze Ziegelsteine aussehen, aber aus Karton gefertigt sind, zeigt sich Budnys Interesse am Brüchigen und Prekären.


Die aus Karton gefertigten Ziegelsteine von Michal Budny

Genaue Beobachtungen von Emotionen, Orten und Beziehungen stehen am Anfang seines Arbeitsprozesses, so dass jedes Werk immer auch eine Vorstellung, eine Erinnerung oder ein Gefühl vermittelt. Dafür setzt er Materialien wie Holz, Stahl und Sand präzise ein. Meteorite (2020) sind über ein Meter hohe, ovale, aus Gusssand geformte Objekte. Die Arbeit entstand während seines Atelieraufenthalts im Sitterwerk St. Gallen in diesem Frühjahr.

Budny entdeckte das tiefschwarze Abfallmaterial, das vom Gussprozess übrig bleibt, auf dem Areal der Kunstgiesserei. Die an überdimensionierte Eier erinnernden Meteoriten bestehen aus dem Sand, der normalerweise als Gussform für das flüssige Metall dient. In ihrer Materialität und Haptik spielen sie mit der Ambivalenz von Proportion, Zerbrechlichkeit und Schwere. Ihre perfekte Rundung und die raue schwarze Oberfläche erzählen von einer potentiellen Reise durch das All, vom kosmischen Ursprung im Sonnensystem sowie der darin enthaltenen Geschichte der Frühzeit.

Die Ausstellung dauert bis 31. Januar 2021

Beitragsbild: Vittorio Santoro, Schnur, Maschendrahtzaun
Fotos: Josef Ritler

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