FrontKolumnen«Rede mitenand»

«Rede mitenand»

Jetzt, da wir «Abstand» halten sollen, bekommt das miteinander reden eine besondere Bedeutung. Das hatten wir doch schon einmal! «Me mues halt rede mitenand» stand meines Erinnerns seinerzeit auf Plakaten in der Stadt Zürich. Das war vor vielen, vielen Jahren.

Wenn ich aber im Internet surfe, stosse ich zu meinem Erstaunen nicht auf eine Plakataktion, sondern auf einen Film aus dem Jahr 1941 mit dem Titel: «Emil, me mues halt rede mitenand». Es handelt sich dabei natürlich nicht um den bestens bekannten Kabarettisten Emil Steinberger, sondern um den damals heiss geliebten Volksschauspieler Emil Hegetschweiler (1887-1959). Er spielt die Hauptrolle in der Geschichte einer Familie. Es scheint, dass dem Vornamen Emil ein gewisses künstlerisches Potenzial innewohnt!

In jener Zeit, während der Kriegsjahre (1939-1945), erreichte die Bevölkerung auch die gegenteilige Botschaft: «Wer nicht schweigen kann, schadet der Heimat!» Dieser Spruch war für mich als Schulkind schwer verständlich. Worüber sollte ich denn nicht reden? Irgendwie fiel er in meiner Vorstellung zusammen mit den Kontrollen über die Verdunkelung der Fenster. Kein Lichtschein durfte nach aussen dringen. Das war konkret, das konnte ich fassen. Aber es war mir nicht klar, worüber ich nicht hätte reden dürfen. Mit bedeutungsschweren Blicken tauschten die Erwachsenen diese Redewendung aus. Aber Aufklärung lieferten sie keine mit.

Mit dem Schweigen hatte und habe ich sowieso meine Mühe. Deshalb hiess es in der Primarschule, ich sei «vorlaut». Was bedeutete denn «vorlaut»? Und im Gymnasium attestierte mir eine Lehrerin, ich sei jemand, der «sein Licht nicht unter den Scheffel stelle». Auch diese Aussage war rätselhaft. Umso mehr, als ich im Fach dieser Lehrerin, nämlich im Französisch, überhaupt nicht brillierte. Mehr schwieg als redete.

Im Theater musste man schweigen, im Kino musste man schweigen, in der Kirche musste man schweigen. Die Vorstellung, die Vorführung, die Predigt konnten noch so ansprechend, witzig, begeisternd sein. Versteinert mussten wir auf unseren Sitzen alle Reaktionen unterdrücken.
Da lobe ich mir einen italienischen Bekannten, der in unserer Stadt jeweils den italienischsprachigen Gottesdienst besuchte. Da werde während der Predigt laut widersprochen, wenn den Zuhörenden eine Aussage des Priesters nicht passe, erzählte er mir. Und er selbst habe den Auftrag, sich einzuschalten, wenn einmal gar niemand Lust auf eine Gegenrede verspüre. Aber er müsse selten aktiv werden.

Speziell ging es jenem Ausländer in unserem Lande, der noch nicht über das Vokabular der belanglosen Nettigkeiten verfügte. Die anderen sagten, er sei unzugänglich, ja arrogant. Er selbst fühlte sich fremd und ausgeschlossen. Bis er sich eine Liste allgemeingültiger Redewendungen, auch Floskeln genannt, zulegte. In der Folge reüssierte er merklich in seinen gesellschaftlichen Beziehungen. Er konnte jetzt Gespräche mit einem Satz wie «das ist aber sehr interessant» oder «das werde ich mir merken» weiterführen. Und auch wenn er einfach nur «so, so» sagte, fühlte sich sein Gegenüber verstanden.

Zum Schluss noch eine Preisfrage: Wer weiss, woher die Gesprächsregel: «don`t ask don`t tell» stammt? Zu Deutsch: «Frage nicht, erzähle nicht!» Weiss es jemand? Dann ist mein Wunsch: «don`t tell!». Die USA, aus denen diese Devise ursprünglich stammt, bieten aufgrund der gegenwärtigen Situation genügend aktuelle spannende Momente!

2 Kommentare

  1. Sehr geehrte Frau Stamm
    «We don`t ask and you don`t tell» kommt aus dem amerikanischen Militär. Es betrifft die sexuelle Orientierung der Soldaten. Die Anweisung war, die Oberen sollen nicht fragen und die Soldaten
    sollen sich nicht zu diesem Thema äussern. Das habe ich soeben bei Google gefunden!
    Vielen Dank für Ihre, immer interessanten, Kolumnen.
    Herzliche Grüsse
    Susanna Sägesser

  2. Sehr geehrte Frau Stamm
    Das Thema hat mich berührt.
    «Rede mitenand» Wie gewichtig sind diese Worte!
    Wie viel Verletzung, Trennung, Unverständnis und Leiden, wird verursacht, wo dieses Mitteilen, Austauschen nicht stattfindet. Man muss reden miteinander, damit Missverständnis nicht aufkommen kann und dass man sich wieder findet im Gespräch.
    Nichtkommunikation Schweigen verursacht Leid. Ich habe viele Gedichte darüber geschrieben.
    Herzliche Grüsse
    Maria Pfanzelt

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