FrontGesellschaftKrieg und Kunst - zwei Seiten einer Medaille

Krieg und Kunst – zwei Seiten einer Medaille

Ohne Waffenproduktion und Kriegsmaterialhandel gäbe es die Sammlung Bührle in Zürich nicht. Ohne Bührles Lebensziel, zur guten Zürcher Gesellschaft zu gehören, ebensowenig. Das ist bekannt, aber nun zur Eröffnung des Chipperfield-Neubaus, wo die Bührlesammlung ausgestellt wird, mit einem Forschungsbericht unterfüttert.

Im Beisein der Auftraggeber Stadt und Kanton Zürich, vertreten durch Stadtpräsidentin Corine Mauch und Regierungsrätin Jacqueline Fehr, hat Geschichtsprofessor Matthieu Leimgruber an der Universität Zürich den Forschungsbericht zur Entstehung der Sammlung Emil Bührle vorgestellt. Überschrieben ist er mit Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus.

Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus – der Forschungsbericht der Universität Zürich vor dem Kunsthaus-Erweiterungsbau, wo die Sammlung Emil Bührle ausgestellt wird. Foto: ec

Emil Bührle (1890 bis 1956) war ein gnadenloser Opportunist, der den wirtschaftlichen und den gesellschaftlichen Erfolg suchte, egal mit wem er sich verbündete. Die Studie legt dar, dass der Aufbau der Kunstsammlung strukturell mit der Waffenproduktion und dem Handel mit Kriegsmaterial untrennbar zusammenhängt. Da ist nicht ein erfolgreicher Unternehmer, der nebenbei einen Teil seiner Gewinne in Kunstankäufe investiert, sondern ein anpassungsfähiger Taktiker, der jederzeit alle sich bietenden Möglichkeiten nutzt, um Waffen zu verkaufen und erstklassige Kunst zu erwerben, mit dem Ziel, gesellschaftlich aufzusteigen.

Nun steht die Kontextualisierung der Bildersammlung zur Eröffnung des Chipperfield-Neubaus bereit, und es liegt am Kunsthaus, wie es diese Ergebnisse in der Ausstellung vermitteln wird. «Der ästhetische Wert steht ausser Frage, die moralische und politische Belastung ebenso,» fasst Stadtpräsidentin Corine Mauch zusammen.

Oskar Kokoschka: Emil Bührle. 1951/52. Sammlung Emil Bührle

In rund drei Jahrzehnten hat Emil Bührle etwa 600 Kunstwerke erworben und dafür 39 Millionen Franken ausgegeben, inflationsbereinigt wären es rund 300 Millionen. Von 1936 bis 1940 erwarb Bührle 53 Werke. Während der deutschen Besetzung Frankreichs kaufte er in Paris 16 Bilder, und zwischen 1941 und 1945 kamen nochmals 93 Positionen dazu. 13 davon waren Raubkunst, die er restituieren musste, wobei er neun von den Erben wiederum kaufen konnte. Wie im Rüstungsgeschäft handelte er opportunistisch, kaufte ohne Skrupel bei jüdischen Galeristen in New York, die davor aus Deutschland geflohen waren. Der Forschungsbericht zeigt eine Grafik, in der Umsätze von Rüstungsgütern auf einer Zeitachse mit Kunstkäufen dargestellt sind. Während des Kalten Kriegs stiegen Bührles Gewinne noch stärker an, er wurde der reichste Mann der Schweiz.

1958, zwei Jahre nach Bührles Tod, wurde der Erweiterungsbau, den er finanziert hatte, mit einer Ausstellung seiner Sammlung eröffnet. 1960 gingen 200 Kunstwerke an die Stiftung Sammlung Emil Bührle, rund 400 Werke blieben in Familienbesitz. Und nun markiert ein weiteres Bauwerk den nächsten Schritt von Zürich zum internationalen Standort für den Impressionismus.

Innerhalb des Forschungsteams «rumorte» es heftig. Es war die Rede von Zensur und von akzeptierten Eingriffen der Steuerungskommission, die den Forschungsauftrag begleitete. Nun ist der Bericht öffentlich. Bei der Präsentation wird betont, es sei nichts unter den Tisch gewischt worden, es seien keine Änderungen, die seitens des Direktors der Stiftung Sammlung Bührle oder seitens der Stadt verlangt worden seien, einfach so übernommen worden. Historiker Matthieu Leimgruber betont, dass der Bericht geschrieben werden konnte, ohne dass die Forschungsfreiheit geritzt worden sei. Aber einen Steuerungsausschuss würden die Auftraggeber nicht mehr einsetzen, sagen die beiden Behördenmitglieder Fehr und Mauch – man könne auch dazulernen. Nur ist nicht einsichtig, warum das Archiv der Bührle-Sammlung, welches auch ins Kunsthaus zügeln wird, nicht vermehrt einbezogen wurde. Der Hinweis von Matthieu Leimgruber, er sei in der fraglichen Zeit im Lockdown in Lausanne festgesessen und hätte erst mehr oder weniger nach Abschluss des Berichts Einsicht genommen, wirkt etwas fadenscheinig. Aber Leimgruber zitiert einen Brief, den er für wegweisend hält: Der Kunsthändler Carl Montag, der im Pariser Kunstmarkt als Vermittler für reiche Schweizer auftrat, schreibt 1939 an den Sammler Bührle, er möge nur noch Spitzenwerke kaufen, dann werde er in kurzer Zeit so wichtig wie Oskar Reinhart in Winterthur, die Sammlung sei mit den Kriterien eines Unternehmers aufzubauen, so dass Zürich zum «Wallfahrtsort der bildenden Kunst» werde. Die Forschungsarbeit mit diesem Archiv ist noch zu leisten.

Der Historiker Matthieu Leimgruber, Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich stellt den Forschungsbericht zur Sammlung Emil Bührle vor. Foto: ec

Bührle selbst äusserte sich einmal, dass das Rüstungsunternehmen und die Kunstsammlung zwei Facetten der gleichen schöpferischen Intuition seien. Wie eng das Rüstungsgeschäft mit dem Kunsthandel verflochten war, lässt sich an der Figur Emil Bührle zeigen, aber ohne den Finanzplatz Zürich, ohne eine Schweiz, deren Neutralität ein von der Regierung gebilligter Waffenproduzent auch zurechtbiegen konnte, wäre die Sammlung nie so gross geworden, eine Sammlung, die dem Sammler die Akzeptanz der Zürcher Haute volée einbrachte. Eins wird also durch die Forschungen von Matthieu Leimgruber deutlicher herausgearbeitet als je: Bührle war kein Aussenseiter, er war eine der zentralen Personen im Netzwerk der besseren Zürcher Gesellschaft.

Heute gibt es in der Sammlung keine Raubkunstwerke mehr, aber die Provenienzforschung ist nicht abgeschlossen. Die Studie leistet nur am Rande einen Blick darauf. Anhand des Meisterwerks La liseuse von Camille Corot zeigt Matthieu Leimgruber, wie Bührle mit Raubkunst umgegangen ist, wobei ein Zitat, er wisse, dass er einige seiner Spitzenwerke nach dem Krieg als Raubkunst zurückgeben müsse, nicht belegt werden kann, denn er selbst behauptete, er habe das Werk in gutem Glauben erworben. Leimgruber bei der Medienkonferenz: «Ich habe den Eindruck, er wusste, was er machte» und habe die Konsequenzen seines Handelns immer bedacht.

Camille Corot: La Liseuse. Sammlung Emil Bührle. Als Raubkunst erworben, restituiert und wieder gekauft.

Bührle stammt aus einem deutschen rechtskonservativen Milieu, hat nach dem ersten Weltkrieg mit einer paramilitärischen Einheit Kommunisten bekämpft, kannte den Rosa-Luxemburg- und Karl-Liebknecht-Mörder Waldemar Pabst, kam 1924 als Direktor zur Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon mit dem Auftrag, sie als heimliche Waffenschmiede für die verbotene Aufrüstung Deutschlands auszubauen. Die Schweiz blieb während des Zweiten Weltkriegs ein Offshore-Produktionsplatz für Nazi-Deutschland. Die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon sei die einzige Nazi-Waffenschmiede, die von den Alliierten nicht bombardiert werde – weil sie ja auf neutralem Boden liege, so ein Zeitgenosse.

Bührle hat sich früh vom deutschen Mutterkonzern gelöst, wird Alleinaktionär und gründet eine eigene Dynastie. 1937 wird er Schweizer Bürger, er zieht ins Reichenviertel an die Zollikerstrasse, damals eine regelrechte Millionärsnachbarschaft. Schon 1940 ist er Mitglied der Sammlungskommission des Kunsthauses, und wäre er nicht 1956 gestorben, wäre er wohl auch Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft geworden.

Rodins Höllentor hätte dereinst das Museum für den Führer Adolf Hitler in Linz schmücken sollen, Emil Bührle kaufte es und schenkte es dem Kunsthaus. Rechts eine Cash Cow der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, die Flab-Kanone 20mm Flab Kan Oe 37, hier auf dem Dach des Restaurants Güggel in Mellingen zum Schutz der Reussbrücke während des 2. Weltkriegs. Fotos: Creative Commons.

Mit dem Forschungsbericht ist ein spannender, tiefgründiger und detaillierter «Meilenstein» der Schweizer und Zürcher Geschichte des 20. Jahrhunderts entstanden, sagte Prorektor Christian Schwarzenegger bei der Präsentation und fügte an, dass die Universität Zürich das Thema weiter erforschen werde. Regierungsrätin Jacqueline Fehr doppelte nach und wünschte sich «eine breite Wahrnehmung» der Arbeit. Die öffentliche Hand sei sich der Verantwortung im Umgang mit der Vergangenheit bewusst. Sie erinnerte an die unlängst veröffentlichte Studie zur Beteiligung Zürichs an der Sklaverei.

Der Forschungsbericht beleuchtet, dass Zürich und das Kunsthaus mit Bührle und dessen Sammlung enger verbandelt sind, als manche wahrhaben möchten. Die dunklen Seiten dieser Liaison können nicht ausgeklammert werden, wenn wir mit unserer Geschichte verantwortungsvoll umgehen wollen.

Titelbild: Emil Bührle am Maschinengewehr. (in: Werkmitteilungen der Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, Mai 1945)
Der Forschungsbericht «Kriegsgeschäfte, Kapital und Kunsthaus» kann heruntergeladen werden.

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1 Kommentar

  1. Besten Dank Eva Caflisch für das «summary» des Forschungsberichts über Emil Bührle, über den und dessen historische und wirtschaftliche Bedeutung wir als aufmerksame alte Zürcher im Wesentlichen Bescheid wissen. Aber der Bericht, den ich gerade mit Akribie lese, bringt auch mir noch manches Detail zum Vorschein. Merci für den Link, so dass wir gratis zu einem beutenden Stück Schweizer Kriegs- und Kulturgeschichte kommen.

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