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Maison de Haute Ecriture

In seinem Buch «Die Caran d’Ache Saga» erzählt Ralph Brühwiler die Geschichte, wie aus der kleinen Genfer Bleistiftfabrik eine Weltmarke wurde, die ihre Produkte heute in eleganten Boutiquen, den «Maisons de Haute Ecriture», verkauft.  

Wer kennt sie nicht, die rote Caran d’Ache-Metallschachtel mit schön eingereihten Farbstiften. Auch die beweglichen Bären, Hasen und Igel in den Schaufenstern grosser Bahnhöfe, vor denen jedes Kind mit leuchtenden Augen stehen bleibt, sogar Erwachsenen ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Erstmals in ihrer über Hundertjährigen Geschichte öffnete Caran d’Ache einem Aussenstehenden das Firmenarchiv. Der Journalist und Autor Ralph Brühwiler durchforschte es und schrieb mit zusätzlichen Gesprächen und Internetrecherchen die Firmengeschichte als spannende «Saga».

Die Firmenvertreter von Caran d’Ache reisten mit diesem Mobil als Werbeträger zu den Kunden. Foto: ©Cda Firmenarchiv / Arnold Schweitzer ©Familienarchiv Schweitzer und Radeff.

Die «Fabrique Genevoise de Crayons S.A.» wurde 1915 zur «Fabrikation aller Arten von Bleistiften und anderer Papeterie-Artikeln» gegründet und während acht Jahren mit viel Herzblut und materiellem Aufwand betrieben. Doch sie kam auf keinen grünen Zweig und musste verkauft werden. Neuer Eigentümer war der gut vernetzte St. Galler Börsenmakler und Investor Arnold Schweitzer, der nach der russischen Revolution St. Petersburg verliess und nach Genf zog. Als erstes suchte er für seine Firma einen wirkungsvollen neuen Namen; seine russische Ehefrau hatte die zündende Idee: карандаш (Karandach) – heisst auf Russisch Bleistift. Mit dem Schriftzug Caran d’Ache signierte bereits der 1909 verstorbene Pariser Zeichner Emmanuel Poiré seine Karikaturen.

Das Fabrikgebäude an der Rue de la Terrassière 43 in Genf.

Die Gründung der «Fabrique Suisse de Crayons Caran d’Ache S.A erfolgte im Januar 1924. Sofort wurden Spezialisten eingestellt, der Maschinenpark modernisiert, neue Produkte entwickelt und eine erste Kollektion mit elf Farbstiften auf den Markt gebracht. Mit einer Pressekonferenz rührte Arnold Schweitzer die Werbetrommel, der Markt im Ausland, wo die Konkurrenz gross war, wurde mit dem Hinweis auf Schweizer Qualität vorangetrieben: Die Spitze der Stifte halten besonders lange und brechen nicht ab. Neue Mitarbeitende, neue Maschinen, neue Produkte, das alles brauchte viel Platz und Geld, das Firmengebäude wurde vergrössert, das Aktienkapital erhöht. Probleme spornen die Firma bis heute immer wieder an, sich neu zu positionieren, neue Produkte zu erfinden und sie wirkungsvoll zu lancieren.

Arnold Schweitzer und sein Sohn Serge. Foto: ©Familienarchiv Schweitzer und Radeff.

Ralph Brühwiler schildert, wie Arnold Schweitzer sich in das Abenteuer stürzte und mit welcher Begeisterung und Kreativität er seine Werbekampagnen führte. «A bonne mine» stand auf einer Zeichnung, die ein Hotelportier und Hobbyzeichner dem gerne in Luxushotels residierenden Arnold Schweitzer zusteckte, der Satz wurde zum Slogan. Mit dem Firmenauto, auf dessen Dach ein überdimensionierter Farbstift als Werbeträger befestigt war, landete er den grössten Coup Ende der 1920er-Jahre.

Neue Ideen wurden trotz der Weltwirtschaftskrise realisiert. Der Betriebsmechaniker fertigte nach Schweitzers Skizzen eine dreizehn Meter lange bis ins kleinste Detail ausstaffierte puppenstubenartige Fabrik, in der bewegte Figuren die einzelnen Arbeitsabläufe zeigten. Dazu Ralph Brühwiler: «Arbeiter schleppen Säcke mit Tonerde, zersägen Holz, kurbeln Maschinen an, legen Minen in genutete Brettchen, Arbeiterinnen bündeln und verpacken die Stifte.» Die grosse Fabrik sorgte bei Warenmessen für grosses Staunen. Eine Weiterentwicklung für Schaufensterdekorationen, auch in Bahnhöfen, waren die vermenschlichten Tiere: Bärenkinder im Klassenzimmer, trommelnde Bären, Akkordeon spielende Igel oder Hasen auf Velos mit Farbstiftspeichen, daneben die bunten Farbstiftschachteln.

Zum fünfzigjährigen Jubiläum wurde das neue Fabrikgebäude in Thônex an der Grenze zu Frankreich eingeweiht.

Der Zweite Weltkrieg hatte grosse Auswirkungen auf Caran d’Ache, die Rohstoffe und der Absatzmarkt waren blockiert. Als Schweizer Firma wurde der heimische Markt offensiv beworben, das Sortiment umfasste inzwischen an die 700 Artikel. Eine Neuheit wurde zum Kultobjekt, die Caran d’Ache Spitzmaschine, die mit Inseraten in der Schweizerischen Lehrerzeitung lanciert wurde.

Mit dem vergoldeten Kugelschreiber «Ecridor» begann das Luxusgeschäft.

Über Gespräche mit den Nachfahren erfuhr Ralph Brühwiler von den Schicksalsschlägen Arnold Schweitzers gegen Ende seines Lebens. 1940 starb sein Sohn Serge bei einem Unfall und fünf Jahre später sein Compagnon und Gründungsmitglied Edmond Naville. 1946 verkaufte Generaldirektor Arnold Schweitzer seine Firmenanteile an die verbleibenden Verwaltungsräte; er wollte in St. Petersburg eine neue Bleistiftfirma gründen. Doch auf dem Weg zur sowjetischen Gesandtschaft in Bern brach er zusammen und starb, er war zweiundsechzig Jahre alt. Die Trauer um den Patron war gross.

Der Verwaltungsrat musste sich neu konstituieren, dabei lief der Betrieb auf Hochtouren, schreibt der Autor. Weitere Persönlichkeiten kamen hinzu, alle gehören noch heute zu den Eigentümerfamilien – Hubscher, Reiser und Christin – und trugen dazu bei, dass die Genfer Firma zur Weltmarke wurde. Die Techniker und Chemiker tüftelten an neuen Produkten, 1952 kam Neocolor auf den Markt, wasserfeste und lichtechte Wachspastellstifte. Pablo Picasso verwendete sie für Skizzen und Lithografien neben den wasserlöslichen Prismalo Farbstiften. Im Jahr darauf brachte Caran d’Ache den Kugelschreiber Ecridor heraus. Die sechseckige Form ging auf den Minenhalter aus den 1930 Jahren zurück. In versilberter oder goldplattierter Ausführung wurde Ecridor zum Luxusgerät.

Genfer Zollstation Moillesulaz, von Genf nach Haute-Savoie.

Der Durchbruch im Luxusgeschäft gelang Caran d’Ache in den 1970er Jahren mit der Kugelschreiber-Kollektion Madison, die auch in 18 Karat Gold für 1210 Franken zu haben war. Um im obersten Luxussegment anzukommen, arbeitete das Unternehmen mit Juwelieren zusammen und stellte ziselierte Füllfederhalter mit Goldfeder in limitierter Auflage her. Ein mit Diamanten besetzter Füllfederhalter für 430’000 Franken fand zwar keinen Käufer, gelangte aber 1999 ins Guinness-Buch der Rekorde als teuerster Stift seiner Zeit. Elf Jahre später wurde in Hongkong ein mit 872 Diamanten besetzter Füllfederhalter für mehrere Hunderttausend US-Dollars verkauft.

Die Caran d’Ache-Saga zeigt, dass das Unternehmen bis heute innovativ geblieben ist, nicht nur in Luxusgütern, auch bezüglich nachhaltiger Rohstoffe sowie Verfahren. Um die internationale Kundschaft besser zu erreichen, wurden Duty-free-Shops an Flughäfen eingerichtet, auch elegante Boutiquen – Maison de Haute Ecriture genannt – in Tokio und Shanghai, in Zürich und Genf, Paris und Mailand; dies insbesondere auf Initiative von Carole Hubscher, die 2012 von ihrem Vater Jacques Hubscher als erste Frau das Caran d’Ache-Präsidium übernommen hat.

Titelbild: rv

Fotos: © CdA Firmenarchiv

Ralph Brühwiler, Die Caran d’Ache Saga. Von Genf in die Welt. NZZ Libro, 2020.

ISBN 978-3-03810-495-7

 

 

 

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