FrontKultur70 Jahre Grossstadtleben

70 Jahre Grossstadtleben

Noch bis 10. Januar lädt die Ausstellung «Street. Life. Photography» zu einem Ausflug ins Fotomuseum Winterthur ein. Es lohnt sich.

Eine alte Frau schaut selbstbewusst in die Kamera. Sie ist gut betucht und mit Schmuck behängt. Der Fotograf, der sie scheinbar in einem Café überrascht hat, heißt Dougie Wallace, geboren 1974 in Schottland. Mit seinen Fotos gehört er zu 24 ausgewählten Fotografinnen und Fotografen aus sieben Jahrzehnten, die sich mit dem menschlichen Leben auf Strassen und Plätzen in Metropolen oder Vorstädten auseinandergesetzt haben. 220 Arbeiten dokumentieren die ganz verschiedenen Ansätze, die sie dabei gewählt haben.

Dougie Wallace: Aus dem Projekt Harrodsburg Photos © Dougie Wallace/INSTITUTE, Fotomuseum Winterthur. Foto © C. Kaiser

Der Schotte Wallace geht dabei eher respektlos vor. So fotografiert er ohne Vorwarnung in Autofenster hinein und überrumpelt so in Mumbai einen Taxifahrer mit seinen Passagieren. Durch den Überraschungseffekt sind die Bilder äusserst ausdrucksstark. Der Betrachter, der sich nicht losreissen kann, wird wider Willen zum Voyeur gemacht. Kein Wunder, steht solcherart Vorgehensweise im Paparazzo-Stil heute zunehmend in der Kritik.

Dougie Wallace: Aus dem Projekt Road Wallah. © Dougie Wallace/INSTITUTE, Fotomuseum Winterthur. Foto © C. Kaiser

«Fotografieren ist ein Störberuf», erklärte mir seinerzeit eine Pressefotografin. Wie schwierig bis unmöglich die Gratwanderung zwischen gutem Bild und Respekt vor dem menschlichen Gegenüber ist, zeigen auch viele andere Bilder dieser Ausstellung. Wie haben sich die Kolleginnen und Kollegen des Schotten Wallace in diesem Spannungsfeld bewegt?

Maciej Dakowicz, Ohne Titel, aus der Serie Cardiff After Dark, 2005–2011 © Maciej Dakowicz

Der Pole Maciej Dakowicz (*1976) ist im nächtlichen Cardiff (Wales) umhergestreift und hat Gestalten des Nachtlebens abgelichtet. Auch er entblössend, grotesk, mit einem Schuss Sozialkritik, wenn zum Beispiel zwei Paare Fastfood in sich hineinstopfen, umgeben vom Müll der Verpackungen ihrer Vorgänger.

Natan Dvir, Tommy Bahama 01, New York City 2012. Aus der Serie Coming Soon, 2008–2014 Courtesy of Natan Dvir

Ebenso der Israeli Natan Dvir (*1972), der sich in New York den überlebensgrossen bunten Werbeflächen widmet, unter denen die vorbeieilenden Passanten ihre Identität verlieren und zu nichts zusammenschrumpfen.

William Klein: Gun 1, New York, 1955. Silbergelatine. Haus der Photographie / Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg © William Klein.

Oder die Porträts von William Klein (*1928), der in den 50er Jahren Schnappschüsse «aus der Hüfte schoss», wodurch er in New York den hassverzerrten Gesichtsausdruck eines Jugendlichen einfing, der eine Pistole auf ihn richtete.

Die Gegenüberstellung historischer und zeitgenössischer Arbeiten in der Schau erlaubt, zentrale Tendenzen und wichtige technische, konzeptionelle und ästhetische Entwicklungen der Strassenfotografie nachzuvollziehen.

Auch der Finne Harri Pälviranta (*1971) fängt mit der Kamera starke Aussagen ein, allein der mannhafte Gesichtsausdruck zweier halbwüchsiger Buben, die zu früh im Grenzgebiet zwischen katholischen und protestantischen Gemeinden um Belfast (Nordirland) mit gesellschaftlichen Spannungen konfrontiert wurden.

Harri Pälviranta, New Lodge boys #9, aus der Serie Playing Belfast, 2007–2009 © Harri Pälviranta

Und bei aller Kritik am Leben in Megastädten muten die Arbeiten des deutsch-amerikanischen Fotografen Michael Wolf (1954-2019) fast schon wieder poetisch an: von aussen durch die Fenster lichtete er zusammengepresste Menschen im öffentlichen Verkehr Tokios ab.

Michael Wolf, Tokyo Compression, 2011, Installationsansicht Fotomuseum Winterthur © Benedikt Redmann (Ausschnitt)

Durfte er solche Bilder veröffentlichen? Nein, nicht nach dortigen Gesetzen. Aber wäre es nicht schade um die Emotionen und Gedankengänge, die solche Fotos auslösen können, besser als jede sorgfältig formulierte Sozialkritik?

Nick Turpin:Through a Glass Darlky. Aus der gleichnamigen Serie 2013-2016. Courtesy of Nick Turpin, Fotomuseum Winterthur. Foto © C. Kaiser

Gleichermassen poetisch, ja impressionistisch ein zeitgenössisches Foto des britischen Strassenfotografen Nick Turpin (*1969) aus der Serie «Through a Glass Darkly». Es zeigt das Profil eines weisshaarigen und -bärtigen Senioren hinter dem beschlagenem Glas eines Fensters. Ohne Sozialkritik diesmal. Schönheit des Alters!

Leon Levinstein: New Orleans 1976. Silbergelatineabzug. Haus der Photographie / Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg. Foto © C. Kaiser

Und nicht zu vergessen die humoristische Seite der Strassenfotografie. Der US-amerikanische Künstler Leon Levinstein (1910-1988) richtete sein Objektiv gern auf einzelne Körperteile: Da läuft doch eine schlanke junge Frau direkt vor ihm «unten ohne» und zeigt unbeachtet im Passantenstrom – ihre «backside» unterhalb des langärmligen Pullovers «füdliblutt» – ganz nach dem Motto «Exhibit yourself to art». Hier schlagen die frechen 60er und 70er Jahre voll durch, deren von bürgerlichen Zwängen befreites Denken auch in vielen anderen Werken dieser Epoche durchschimmert. Gestellt oder nicht gestellt: Egal. Heute betrachtet man solche Bilder vielleicht wieder mit zu vielen moralischen Skrupeln und verdirbt sich dabei selber das spontane Lachen.

Die Ausstellung Street. Life. Fotography – Street Photography aus sieben Jahrzehnten ist nach fünf englischsprachigen Themen geordnet, Street Life, Crashes, Alienation, Public Transfer, Anonymity. Wobei sich die Gebiete teils überschneiden. Zurück bleibt Nachdenklichkeit und Bewunderung für Künstler, die fähig sind, mit einem einzigen Bild ein ganzes Buch zu schreiben.

Titelbild: Harri Pälviranta, New Lodge boys #9, aus der Serie Playing Belfast, 2007–2009 © Harri Pälviranta (Ausschnitt)
Hier finden Sie alle Angaben für den Besuch sowie die Veranstaltungen.

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