FrontLebensartDurch den Autoverzicht neue Freiheit gewonnen

Durch den Autoverzicht neue Freiheit gewonnen

Der Abschied vom Lenkrad schmerzt viele, aber längst nicht alle. Die Teilnehmer der Seniorweb-Umfrage berichten von positiven Erfahrungen.

Ohne Auto bin ich sicherer unterwegs. Ohne Auto spare ich Geld. Ohne Auto schone ich die Umwelt. Dies sind die wichtigsten Antworten auf unsere Umfrage zum Autoverzicht. Ende Oktober orientierten wir über die Ergebnisse. Fast ausschliesslich Frauen und Männer hatten sich gemeldet, die mit dem Abschied vom Lenkrad gut klarkommen. Allerdings ist dies wohl ein geschöntes Bild. Es ist anzunehmen, dass sich jene Leute nicht gemeldet haben, die mit dem Schritt Probleme hatten. Bloss ein einziger Automobilist sah in unserer Umfrage dem Ausstieg mit Sorge entgegen Der 78-jährige kritisierte mit guten Gründen die Behörden und Kontrollinstanzen. Weil der Platz fehlte, konnten wir damals den vielen zufriedenen Aussteigerinnen und Aussteigern nicht genügend Raum geben. Das holen wir hier jetzt nach.

Gut ausgebauter ÖV hilft

Oft argumentierten die Teilnehmer, dass sie ihr Fahrzeug nur noch selten oder gar nicht mehr benutzen würden. In einem Fall hatte ein Unfall den Ausschlag gegeben, bei dem glücklicherweise niemand Verletzungen erlitt. Wer sich vom Fahrzeug verabschiedet, will anderswie mobil bleiben. Alle Ex-Automobilistinnen und Automobilisten erklärten, dass sie jetzt vermehrt die öffentlichen Verkehrsmittel beanspruchen würden.

Weniger Stress, wenn keine Autoprüfungen mehr anstehen. Foto Peter Steiger

Ein Grossteil nutzt die Unterstützung durch Angehörige, Freunde oder Nachbarn. Einige erklärten, dass sie vermehrt als Fussgänger oder Velofahrerinnen unterwegs seien. Zwei Personen beanspruchen seit dem Ausstieg den Rotkreuz-Fahrdienst.

So weit die Argumente, die alle oder fast alle nannten. Daneben erhielten wir auch spezifische Antworten. Ruth Schneider aus Sursee, gab zu bedenken, dass der Verzicht leichter fällt, wenn ein ausgebauter ÖV gut zu erreichen ist. Gotthard Held aus Zofingen hat als Pfarrer früher Leute erlebt, die nicht mehr fahren durften und die dies als schmerzliche Schwächung empfunden haben.

Der Enkel  freut sich über das geschenkte Auto

Ruth Reineke aus Luzern hat bereits 1947 mit 18 Jahren die Fahrprüfung bestanden. Mehrmals hat der militärische Frauenhilfsdienst sie erfolglos zur Mitarbeit aufgefordert. Damals gab es wenig autofahrende Frauen und sie schien mit dem schweren Vorkriegs-Chrylser ihres Vaters besonders geeignet.

Als junge Frau war sie eine talentierte Skirennfahrerin. Sie brachte es ins Juniorinnen-Nationalteam und gewann Meistertitel. An einer Schweizer Meisterschaft verletzte sich so schwer, dass sie ihre Karriere aufgeben musste. „Immerhin hat mir die beim Sport erworbene gute Koordinationsfähigkeit beim Autofahren geholfen.“

Esther Wapp aus Zürich bewegt sich seit dem Ausstieg mehr als vorher. „Noch mehr“, wäre richtiger. Die 72-Jährige ist engagierte Badmintonsportlerin. „Nie musst du für mich Taxifahrten machen“, versicherte Alphons Bürgi aus Wädenswil seiner Partnerin kurz vor dem Ausstieg. Stattdessen leiste er sich hin und wieder ein reguläres Taxi. „Mit dem Geld, das ich durch den Autoverzicht einspare ist das nun gut möglich“, bilanziert er. Ganz besonders grosszügig war Gertrud Burkhard. Die 78-Jährige hat ihr guterhaltenes Fahrzeug vor sechs Jahren ihrem Enkel geschenkt. „Da hat er selbstverständlich nicht geweint“, erinnert sie sich an die Reaktion des jungen Mannes. 

2 Kommentare

  1. Es ist so. Ich bin 68 Jahre lang leidenschaftlich Auto gefahren, habe also zu einer Zeit angefangen, als Autofahrer noch ein Status war. Bis ich 80 war fuhr ich noch für das Rote Kreuz, um nicht aus der Übung zu kommen, auch um mein Umweltgewissen zu beruhigen.
    Am 1.Mai habe ich freiwillig aufgehört, weil ich mich nicht mehr so sicher fühlte. Seither bin ich stolz, diesen Schritt getan zu haben.

    Hans-Martin Schwyter

  2. Als Erstes: das Gesetz zum Arzt gehen zu müssen, muss erweitert werden, gleichzeitig zum Fahrlehrer zu müssen. Zuerst wurde ich ausgelacht als ich mit gegen 75 die selber machte und darüber sprach, doch viele Bekannte folgten mir.
    Zum 18. Geburtstag erhielt ich den Lernfahrausweise, mit gefahrenen ca. 20’000 km machte ich in Thun die im Sommer 54 die zweite Inf.Motf.RS und lernte dort richtig Autofahren vom Traktor bis zu den damals im Militär vorhandenen LKW’S. Fuhr in viele KM auch bis zu gegen 800 km in einem Tag, hatte auch mal Geschwindigkeitsbusse, keinen eingetragenen Unfall. mit 86, vor 2 Jahren war Schluss, gab den Ausweis freiwillig ab, es geht auch so, man gewöhnt und arrangiert sich u.a. mit GA, zu fuss, mit Taxi und Freunden.
    Nur: warum ist mit dem Aufgebot zum Arzt noch kein Gesetz zum Fahrlehrer zu gehen. Es würde jedem und jeder Alten gut tun, vom Fahrlehrer zu hören, was wieder neu ist und was ich besser machen kann.

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