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Christbaum kopfüber

Das Museum Kloster Muri präsentiert in der Ausstellung «Von Königsberg bis London» funkelnden Weihnachtsschmuck mit einem Blick auf das Viktorianische Zeitalter dank Leihgaben aus der Privatsammlung Alfred Dünnenberger aus Baar.

Im Foyer hängen Christbäume von der Decke herab, man reibt sich die Augen. Noch vor vierhundertfünfzig Jahren befestigte man Christbäume verkehrtherum an der Decke gegen bösen Zauber, auch in England, als die deutschen Vorfahren von Queen Victoria den Weihnachtsbaum einführten. Doch richtig populär wurde er erst während Queen Victorias Regierungszeit, dabei oblag es Prince Albert, den Baum zu schmücken.

Tapeten nach William Morris (1834-1896), der dem Kunstgewerbe durch die Arts-and-Craft Bewegung in England Schwung verlieh, darüber die hängenden Christbäume.

Um etwas vom viktorianischen Zeitgeist zu vermitteln, sind unter den hängenden Christbäumen an den Wänden Tapeten nach Mustern von William Morris angebracht. Sie bilden den zeitlichen Brückenschlag zu den präsentierten Schriften von Charles Dickens und dem Naturforscher Charles Darwin.

Der Sammler Alfred Dünnenberger neben seinem selbst geschmückten Weihnachtsbaum.

Nicht nur Prince Albert fühlte sich für das Baumschmücken berufen, auch der Sammler Alfred Dünnenberger aus Baar liess es sich nicht nehmen, seinen Prachtbaum im Äbtekeller des Museums mit historischem Weihnachtsschmuck aus der Zeit von 1850 bis 1950 zu behängen. Es sollen weit über tausend Weihnachtskugeln und Figuren sein, die er während etwa drei Wochen kunstvoll am Baum befestigte, sagte er.

Hier ist auch die Königsberger Krippe ausgestellt. Sie entstand in der böhmischen Kleinstadt Königsberg an der Eger, wo sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins frühe 20. Jahrhundert eine besondere Krippentradition entwickelt hatte. Einfache Bürger – Polizist, Weber, Bildhauer, Coiffeur, Bäcker – schnitzten aus dem besonders zähen Holz des Pfaffenhütchenstrauchs Miniatur-Figuren für Krippen. Die dazu notwendigen Kleinwerkzeuge stellten sie selber her, teilweise aus Nähmaschinennadeln oder Regenschirmspeichen. Heute gibt es nur noch wenige originale Königsberger-Krippen in Museen. Die meisten gingen nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Vertreibung der deutschstämmigen Bevölkerung aus dem Sudentenland verloren.

Königsberger Krippen wurden von Hobbyschnitzern in Böhmen ab 1850 bis zum Zweiten Weltkrieg kunstvoll hergestellt.

Die in Muri ausgestellte Krippe konnte Alfred Dünnenberger mit allen Figuren, Tieren und Gebäuden online erwerben, aber ohne die Krippenlandschaft. Die Figuren wurden vermutlich bei der Flucht herausgebrochen und kamen lose in den Westen. Mit Unterstützung des Leiters des Egerland-Museums Marktredwitz, Volker Dittmar, war es dem Sammler möglich, eine adäquate Krippenlandschaft mit Materialien, die auch vor hundertfünfzig Jahren gebraucht wurden, selbst herzustellen. Während etwa sechs Monaten baute er an seiner Krippe mit Holz, Pappmaché, Baumrinde, Fisch- und Knochenleim sowie Schlacke, die er vom Schmiedemeister in seinem Dorf erwerben konnte. Damit hat Alfred Dünnenberger ein seltenes Juwel geschaffen, das nun zum ersten Mal öffentlich gezeigt wird.

«Bachenen-Krippe» der Armen Leute, mit einfachen bemalten Tonfiguren, vor 1900 aus Schwaben.

Über dreissig Jahre lang sammelte Alfred Dünnenberger weltweit historischen Weihnachtsschmuck aus Deutschland und Tschechien, dazu historische Adventskalender, Engel, Krippen, Nikoläuse und sogar Paradiesgärtchen. In den Räumen im ersten Obergeschoss ist eine Auswahl dieser Sammlung ausgestellt, kuratiert von Rudolf Velhagen.

28 Adventverheissungen auf Sternen mit Schachtel und Ständer, um 1900, Lahr im Schwarzwald.

Neben einer Krippe mit Wachsfiguren um 1800 aus Tschechien, aufklappbaren bedruckten «Faulenzer-Krippen» aus Karton um 1900, wird auch eine Bachenen-Krippe mit Tonfiguren gezeigt, früher als Arme-Leute-Krippe belächelt. Ihr enormer Figurenreichtum ist verwandt mit der neapolitanischen Krippentradition oder den südfranzösischen Santons. Sie wurden, wie die Tragant-Figuren der Zuckerbäcker, auf den Weihnachtsmärkten verkauft.

Im Adventszimmer hängen historische Adventskalender an der Wand, auch Sterne mit biblischen Sprüchen, sogenannte Adventverheissungen. Im Kreis der Familie holte man abends einen Stern aus der Schachtel, las den Spruch und meditierte darüber. Wichtig im Advent war das Basteln. Eine Vitrine zeigt: Pompons aus Wolle, Crêpe-Papier, eine Häkelarbeit über einer ausgebrannten Glühbirne, Gänsefedern für Federbäumchen, Schaumgold, Objekte aus Textil- und Wachstuchresten, Stroh und Federn.

Der Weihnachtsschmuck wurde stets fantasievoll und zeitnah hergestellt, von Biedermeier-Kugeln, viktorianischem Schmuck mit Segelschiffen bis zu Charlie Chaplin, Zeppelin oder Musikinstrumenten. Dazu wurden die unterschiedlichsten Materialien wie Porzellan, Glas, Wachs, Baumrinde, Holz, Watte und Textilien, auch Zucker oder Brotteig verwendet.

In der Christbaumschmuck-Auswahl steht auf dem Podest ein aus vielfarbigem Glas geblasener Pfau, sein Rad ist aus bemalten Glasfasern zusammengesetzt, um 1930.

In der Weihnachtsstube sind Christbäume ausgestellt, keine Tannenbäume aus dem Wald, sondern Bäume aus Gänsefedern. Dafür wurden Gänsefedern grün eingefärbt, so dass die mit Farbe verklebten Federn wie Tannennadeln aussehen. Diese fügte man zusammen, befestigte sie an einem Holzgerüst, damit sie wie «richtige» Christbäume aussehen.

Weihnachtsbäume aus Gänsefedern

Häufig wurden unter dem Baum Tiermenagerien aufgestellt, auch Adam und Eva, die mit den roten Äpfeln in den Zweigen daran erinnern, dass der Weihnachtsbaum auch als Paradiesbaum mit dem Sündenfall in Verbindung steht. Denn im liturgischen Kalender ist der 24. Dezember der Gedenktag von Adam und Eva, erklärte Alfred Dünnenberger.

Und er berichtet weiter, dass man im Mittelalter am Heiligabend neben Hirten- und Krippenspielen auch Mysterienspiele aufführte, bei denen Schauspieler den Sündenfall im Paradies nachspielten. Als «Baum der Erkenntnis» diente eine immergrüne Tanne mit verführerischen Äpfeln in den Zweigen.

So stand der Weihnachtsbaum einerseits für die Paradiessünde und andererseits verkündete er, dass durch Christi Geburt am Weihnachtsabend diese Sünde gesühnt ist; und aus dem «Baum der Versuchung» wurde der «Baum des Lebens». Es hingen aber nicht nur Äpfel in den Zweigen, sondern auch Hostien als Leib Christi und aus ihnen entwickelten sich schliesslich die Christbaumkugeln und unsere Weihnachtsguetsli.

Fotos: rv

Bis 31. Januar 2021
«Von Königsberg bis London», Weihnachtsausstellung, Museum Kloster Muri/AG, weitere Informationen hier

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