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Im irren Land der Mächtigen

… oder: Sprecher schreibt. Mit dem Titel «Irrland» hat die bekannte Autorin und Journalistin Margrit Sprecher zwanzig Geschichten aus aller Welt in einem Buch versammelt.

Sie hat viele Preise bekommen, viel Anerkennung ihrer Leserinnen und Leser und aus der Branche selbst uneingeschränkte Bewunderung, die 84jährige Reportagen-Verfasserin Margrit Sprecher, bei der nicht nur der Kalauer im Vorspann passt, sondern auch das Ondit «… und kein bisschen weise«. Empathisch, weltoffen und voller Interesse, was in der Welt an guten Geschichten alles zu finden ist, denkt die «Texthandwerkerin» nicht daran, sich vom aktiven Leben – wie man zu sagen pflegt – zurückzuziehen. Die jüngste Reportage in der Sammlung Irrland erschien erst in diesem Jahr.

Seniorweb: Margrit Sprecher, schreiben Sie immer noch wie früher regelmässig, und wenn ja, woran arbeiten Sie gerade jetzt?

Margrit Sprecher: Gewöhnlich arbeite ich an drei Geschichten gleichzeitig, eine bekommt den letzten Schliff, für eine zweite stecke ich mitten in den Recherchen, die dritte ist im Frühstadium erster Abklärungen. Hier geht es um den Bündner Burgenretter Felix Nöthiger. Mein Beitrag zum Buch über den Spiegel-Fälscher Claas Relotius gedeiht, die Skandalgeschichte über das Medikament Depakine steht vor dem Abschluss. Das Epilepsie-Mittel kann bei Schwangeren zu schwer behinderten Kindern führen. Viele Mütter, wie die von mir porträtierte Gabriela, haben zwei geistig und körperlich geschädigte Kinder, weil sie sich nach dem ersten kranken ein zweites gesundes Kind wünschten und sie die Ärzte trotz besserem Wissen nicht über die Nebenwirkungen des Medikaments aufklärten.

Dieser Skandal ist also vergleichbar mit jenem um das Contergan in den 60er Jahren, das zu Missbildungen der Extremitäten führte?

Im Unterschied zu Contergan war die fatale Wirkung von Depakine seit Jahrzehnten bekannt. Trotzdem versahen die französische Herstellerfirma und Swissmedic den Beipackzettel erst 2015 mit einer eindeutigen Warnung. Diese Reportage wird in der Silvesterausgabe von Die ZEIT erscheinen.

Haben Sie denn immer noch die Energie, solch aufwendige Reportagen schreiben?

MS (lebhaft): Ja! Und wie! Ich freue mich jeden Tag darauf, morgens das «Bling!» des Compi zu hören. Zum Aufwärmen gibt’s ein bisschen Mail-Pingpong, dann geht’s an die Geschichte, an der ich gerade bin. Es ist wichtig, dass man im Schreibtraining bleibt.

Dann ist das ja dasselbe wie fit bleiben mit Sport? Gratuliere!

Sagen Sie nur ja nicht auch noch «Grande Dame der Reportage»! Der Begriff verfolgt mich, dabei hab ich keine Ahnung, wer ihn zum ersten Mal in die Welt setzte. Es geht doch ums genaue Gegenteil! Ich fühle mich als Texthandwerkerin, alles ist Arbeit. Heute freilich habe ich, im Unterschied zu den Kollegen in der Redaktions-Tretmühle, das Privileg, mir genügend Zeit nehmen zu können für meine Arbeit.

Wie man Journalistin oder Journalist wird, das kann jede Berufsberatung sagen, aber wie wird man denn eine Reporterin wie Sie?

Ganz einfach: Es ist Trial and Error, Versuch und Irrtum. Am Wichtigsten ist das Interesse für die Mitmenschen. Wobei mit Interesse keineswegs Neugier gemeint ist. Neugier ist oberflächlich. Interesse haben bedeutet zu fragen: Warum ist ein Mensch so geworden, wie er jetzt ist? Wie konnte diese Situation derart eskalieren? Und natürlich muss man auch wirklich an Ort und Stelle gewesen sein, eine scheinbar banale Forderung, über die sich Reporter heute – aus Zeit- oder Geldmangel – immer öfter hinwegsetzen. Meine erste Reportage schrieb ich schon in der Schule für den Freien Rätier. Das war ein Bericht über die Dahlienschau in Tamins. Ich schwelgte, ganz Reporterin, in der Beschreibung von Blumen und Besuchern.
Dagegen schrieb ich in meinem ganzen Leben noch keinen Leitartikel und auch mit Kolumnen habe ich Mühe. Da ist zu viel Ich. Spannender finde ich, was andere erzählen.

Auffällig ist, dass Sie in ihren Geschichten oft Männer porträtieren, meist reiche Männer. Was ist denn so anziehend an denen ?

Sie sind reich geworden, weil sie mächtig sind, und Macht zu beschreiben, ist immer spannend. Besonders auch, weil sie früher oder später häufig missbraucht wird. Dazu kommt, dass Handelnde interessanter sind als die Behandelten, also die Opfer. Die bleiben sich mehr oder weniger immer gleich.

«Der Schneekönig» Reto Gurtner ist der mächtigste Mann in der WAG, der Weissen Arena Gruppe. © Laax/Daniel Ammann

Ich staune, was Sie für Ihre Geschichten auf sich nehmen. Sie sind ja beispielsweise auch in den Gaza-Streifen gereist. Können Sie sich so etwas noch zumuten?

Ich habe das glückliche Naturell, mich sofort jeder Situation anpassen zu können. Am schlimmsten für mich ist es, morgens keinen Kaffee zu bekommen. Auch körperlich spüre ich mich heute nicht anders als mit vierzig oder fünfzig, vermutlich erbte ich die guten Gene meiner Mutter. Wir bauten ihr einen Treppenlift ein, als sie 96 war, aber bis zu ihrem Tod mit 101 hat sie ihn kaum je benützt, es gehe schneller zu Fuss.

Welches war denn die schlimmste Reportagenreise, wenn nicht jene ins Palästinensergebiet?

Blick auf den total zerstörten internationalen Flughafen von Rafah im Gaza-Streifen 2002. Foto: cc (inventati.org)

Besonders strapaziös war meine jüngste Reise im Januar 2020, als ich den Mussolini-Enkelinnen auf ihrer Vortragsreise in winzige Bergnester ohne Hotel folgte. Höhepunkt war eine Nacht in einem verlassenen Bauernhof, ohne Heizung natürlich, dafür mit dem Heulen der Wölfe.

Reisen ist für Sie ein unerlässlicher Teil des Schreibens und des Lebens. Wie werden Sie mit der Pandemie und den Restriktionen fertig?

Sehr früh im Jahr brach ich mir das Knie. So wurde mein Bewegungsdrang sozusagen auf natürliche Art gebremst. Und der Radius, in dem ich meine Protagonisten suche, wurde und wird notgedrungen enger. Trotzdem schaffte ich es ein paar Mal nach Hamburg.

Gibt es auch eine Geschichte, die Sie zurückziehen würden, wenn Sie könnten, eine die Sie lieber nicht geschrieben hätten?

Ja, eine einzige. Es war die Zeit, als sich in Spanien Seniorencommunities aus der Schweiz bildeten, die dort ihren Lebensabend verbrachten und genau gleich leben wollten wie in der Schweiz,  Jassrunden und Rösti inbegriffen. Ich machte mich hemmungslos lustig über die Schweizerfahnen vor ihren Bungalows, darüber, dass sie kein Wort Spanisch sprachen und über die Spanier schimpften.
Nach der Veröffentlichung bekam ich bitterböse Briefe ihrer Kinder, die erklärten, dass ihre Eltern unter grossem Heimweh und anderen Entbehrungen litten, sich aber nur mit ihrer AHV einen Lebensabend in der Schweiz nicht leisten konnten. Dass ich so viele billige Clichés angehäuft hatte statt zum wirklichen Problem vorzudringen, das verzeih ich mir bis heute nicht.

Reisen ist also wichtig, aber Schreiben sei eine Qual, sagten Sie bei der Vorstellung Ihres Buchs im Zürcher Literaturhaus. Und dennoch schreiben Sie und sagen, es sei Ihnen das Liebste. Wie muss ich das verstehen?

Ich schreibe langsam, es dauert unendlich lange, bis der Text dort ist, wo ich ihn haben möchte. Das ist die Qual. Kommt aber der Punkt, wo ich finde, besser kann ich es nicht mehr, dann ist das das Schönste.

«Ä chli alles» fand Margrit Sprecher im Muotathal. 2019 verabschiedeten sich die Theaterleute ein letztes Mal vor der Pandemie. Foto: © Reto Suter, Muotathaler Theatervereinigung


Irrland – das Buch

Zwanzig Mal vom «Schönsten», zwanzig Reportagen aus Brennpunkten und über Leute aus dem 21. Jahrhundert hat Margrit Sprecher für ihr Buch Irrland ausgewählt, die erste führt in ein «Gefängnis namens Gaza», die letzte mit den «Mussolini-Mädchen» auf Tournee. Auch leichte Kost ist dabei, etwa der Besuch beim Hausmann Bänz Friedli oder die Reportage über eine Berliner Agentur, die Stellvertreter-Reisen mit dem geliebten Plüschtier ihrer Kunden arrangiert. So vielfältig die Themen sind, so einzigartig bleibt die Qualität der Sprache. «Wahrheit als Dichtung,» sagt Schriftsteller Thomas Hürlimann zu Margrit Sprechers Schreibkunst.

Titelbild: Margrit Sprecher. Foto: © Fabian Biasio
Margrit Sprecher: Irrland. Reportagen. Zürich, Verlag Dörlemann 2020.
ISBN 9783038200765. Auch als eBook ISBN 9783038209768 erhältlich.

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