FrontKolumnenDie Gefühle fahren Achterbahn

Die Gefühle fahren Achterbahn

Die häufigste Frage, die mir in der letzten Zeit gestellt wurde, hiess: «Wie geht es Dir?» Darauf antwortete ich jeweils: «Mir geht es gut, ich bin privilegiert, ich schlage mich durch.» Im Gesichtsausdruck des Gegenübers, von der Maske halb verdeckt, versuchte ich dann zu ergründen, wie ernsthaft die Frage gemeint sei. Und fügte manchmal an: «Aber die Gefühle fahren trotzdem Achterbahn. Ich bin nicht müde, nicht erschöpft, wovon auch? Aber plötzlich hat es keinen Sprit mehr im Tank! Der Lebenselan ist weg.»

Habe noch niemanden getroffen, der oder die darauf nicht zustimmend reagiert hätte mit einem: «Genauso ist es». Die Frage, ob dieser Zustand altersbedingt, coronabedingt oder allenfalls sogar kosmischen Einflüssen zuzuschreiben sei, liessen wir jeweils im Raume stehen! Und wandten uns einfacheren Themen zu.

Mein Stammcafé ist auf Befehl der Obrigkeit geschlossen. Dabei hatten sie sich mit dem Schutzkonzept solche Mühe gegeben. Die Plätze reduziert. Die Tischchen mit Plexiglaswänden voneinander abgetrennt. In einem dieser «Kabäuschen» fühlte ich mich immer geschützt und geborgen. Und konnte die Tageszeitungen lesen oder wenigstens durchblättern. Das machte ich nicht als einzige. Je nach Tageszeit fanden sich die Zeitungsleserinnen und -leser in ihren «Zellen» ein. Zu mir gesellte sich jeweils eine Kollegin, die sich in gebührendem Abstand auf der anderen Seite des Tischchens niederliess. So hatten wir unseren täglichen Austausch. Alles vorbei, Lokal geschlossen. Auf Befehl der Obrigkeit!

Aber das Lokal hat aussen breite Fenstersimse. Und bei mildem Wetter setzte ich mich vor einigen Tagen auf einen dieser Simse. Denn der Blick fällt auf einen durch Lichtsignale «bewirtschafteten» Fussgängerstreifen. Sicher würde jemand kommen, mit dem ich mich unterhalten und so zu meiner täglichen Ration Kommunikation kommen könnte. Denn bei allem Ersatz durch Telefongespräche und E-Mails geht doch nichts über ein Gespräch mit einem lebendigen Menschen!

Und siehe da, eine alte Dame grüsste mich. Ich erkannte sie nicht sofort. Sie nannte den Namen und ein Schwall von Erinnerungen überflutete mich. Sie ging am Stock, blieb zuerst stehen, setzte sich dann auch auf den Sims. Natürlich mit Abstand. Und erzählte mir, wie sie ihren Mann vermisse, der vor zwei Jahren gestorben sei. Oberflächlich hatte ich ihn auch gekannt und geschätzt. Die Welle ihres Schmerzes schwappte zu mir hinüber. Es blieb aber nicht bei diesem Thema. Wir zwei haben schon vor Jahren kontroverse politische Meinungen vertreten. Und liessen nun mit erstaunlicher Gelassenheit vergangene brisante Abstimmungsgeschäfte in unser Gespräch einfliessen. «Es isch wie’s isch», sagte sie schliesslich mit kräftiger Stimme und verabschiedete sich.

Das rief in mir eine Erinnerung wach an ein Gedicht von Erich Fried (1921-1988). Der Titel heisst: «Was es ist». Ein Plakat mit dem Text hing lange Zeit in meiner Wohnung. Die erste Strophe lautet: «Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist, was es ist, sagt die Liebe». Es folgen noch viele Bedenken. Die Berechnung, die Angst, die Einsicht mahnen zur Vorsicht. Aber der Refrain des Gedichtes bleibt konstant: «Es ist, was es ist, sagt die Liebe».

Selbstverständlich recherchierte ich zuhause sofort im Internet über das Leben und das Werk des Schriftstellers Erich Fried. Wie hatte ich diese interessante Persönlichkeit nur vergessen können? Das Plakat mit dem eindringlichen Text war offensichtlich vor Jahren einem Anfall von Ordnungsliebe zum Opfer gefallen. Schade, hätte es wieder aufgehängt!

Der Platz ist allerdings besetzt. Das Bild vom armen Poeten, der in seinem Dachkämmerchen im Bett liegt und sich mit einem Schirm gegen eindringenden Regen schützt, hängt jetzt dort. Gemalt wurde das Bild von Carl Spitzweg (1808-1885). Das Plakat stammt von einer Kunstausstellung im letzten Sommer in Winterthur. Passt ja auch sehr gut in die aktuelle Stimmung!

9 Kommentare

  1. Liebe Judith. Ich bin schon erschrocken über den fehlenden Sprit!! Aber der Rest der Gedanke haben mich wieder aufgestellt. Ich würde aber gerne einen Kaffee mit Dir auf der Strasse trinken. Grüsschen Edith

  2. Liebe Judith, so wie dir geht es sicher ganz vielen älteren Menschen in der Schweiz. Mir auch. Tagelang keinen Menschen zu sehen, es ist fast nicht zum Aushalten. Einmal pro Woche Grosseinkauf, Menschen, deren Gesicht du nicht mehr sehen darfst, die du wegen der Maske gar nicht mehr erkennst. Ansonsten immer alleine zuhause. Und wie du ganz richtig sagst, das Telefon hilft mir auch nicht über diese extreme Einsamkeit hinweg. Vor Corona war ich sehr aktiv mit einigen ehrenamtlichen Tätigkeiten, alles alles verboten, seit Monaten. Wie soll man das denn noch ertragen?

  3. Die wunderschönen Weihnachten -zu denen ich nebst der hochgeschaetzten Seniorweb-Redaktion- weiteren lieben «Freunden» gratuliert habe- ist im Prinzip vorbei, nun erwarten wir alle das Neue Jahr, schlicht gesagt: den «Jahreswechsel». Natürlich sind die Vor-Neujahres-Tage erfüllt mit Zukunftsplânen, von denen man «im Prinzip» (wohl) nicht alle) in die Tat umsetzen kann. Die Welt hat sich aber bloss erstaunlich und unverstehbar verândert. Als jemand, der sein Alter bereits an die Neunzig gestützt hat, hat man vor allem das Leben nicht satt, zumal die Kinder mit Zukunftsplânen erfüllt sind. Dabei aber weiss ich nicht, wie es um meine Mitleser steht. Die Corona-19 ist natürlich «Pech für die gesamte Menschheit». Nicht umsonst hat man sie zur «Pandemie» erklârt. (Hoffentlich ist sie bald verjâhrt). Ich möchte etwaige Mitleser nicht mit (für manche, die sie evtl. «unnötig» empfinden) meinen «Ergüssen»belasten. Denn in der Riedtliklasse fanden meine hochgeehrten Lehrer (die leider vom lieben Gott zu sich gerufen wurden)meine Aufsâtze zumeist etwas «sarkastisch». Besonders Herr Brütsch, der an der Schâuchzerstrasse wohnte und für unsere Literatur «zustândig» war. Also «Tschauet all zâme, habt alle einen «zünftigen» Rutsch ins nigelnagelneue Jahr 2021, bleibt bitte alle froh und gemütlich. Und seid von Herzen gegrüsst von Eurem Ismet Sait. (Wahlschweizer)

  4. Ismet Damgaci; )an die werte Redaktion).Doppelt ist nicht mein bescheidener Beitrag, sondern die hochgeschâtzte Reaktion Ihrer hochgeehrten Redaktion.

    Vielen Dank, hochgeehrte Redaktion. Ich weiss: Sie haben es schwer, denn jeder Beitrag stammt ja nicht von einem Genie. Darum müssen Sie manche Beitrâge ausreissen wie «unerwünschtes Kraut» (um nicht zu schreiben «wie Unkraut»). Doch eines fehlt bei mir: Ich wiederhole nie, egal wie man meinen Beitrag entgegen nimmt bzw. interpretiert. Aus diesem Grunde ist bei mir nichts «doppelt gemoppelt».Aber ich lese Ihren «Kurz-Kommentar» von Herzen gern, gerade weil es zur letztgenannten «Kategorie» gehört. Wenn Sie gestatten möchte ich mich nun zurückziehen, nicht ohnen Ihnen und Ihren Mitarbeitern einen gelungenen Rutsch ins neue Jahr 2021 zu wünschen. Es lebe die Schweiz und meine lieben Schweizer.

  5. Ismet Damgaci; )an die werte Redaktion).Doppelt ist nicht mein bescheidener Beitrag, sondern die hochgeschâtzte Reaktion Ihrer hochgeehrten Redaktion.

    Dabei wollte ich mich ja bei der hochgeschâtzten Frau Judith Stamm für ihren wertvollen Beitrag die Gefühle fahren (trotzdem) Achterbahn bedanken. Besonders imponierte mir der Satz «Es ist Unsinn, sagt die Vernunft». «Es ist, was es ist, sagt die Liebe»». Auch «Das Bild vom armen Poeten, der in seinem Dachkämmerchen im Bett liegt und sich mit einem Schirm gegen eindringenden Regen schützt, hängt jetzt dort. Gemalt wurde das Bild von Carl Spitzweg (1808-1885). Das Plakat stammt von einer Kunstausstellung im letzten Sommer in Winterthur. » Und beim Namen «Winterthur» erinnere ich mich an die gleichnamige Strasse in Zch Oberstrass, an der wir seinerzeit wohnten. Öfters fuhr ich mit dem Velo bis Winterthur, aber damals erschien mir die Ortschaft eher wie ein grösseres Dorf. Aber so oder so, sie war mit dem Fahrrad in einer Stunde zu erreichen. Damals war noch Krieg und Gott hatte meine liebe Schweiz vor ihm gewahrt. In der Pauluskirche hörte ich mir dann den «die Dankes-Predigt» des Herrn Pfarrers an. Ach, ja, Ihre Achterbahn wiedeholt sich wohl auch in der Weltgeschichte. Es gab den 1. Weltkrieg, dann den Zweiten und heuer spricht man bereits vom Dritten. An sich ist bereits das Leben des bescheidenen Bürgers eine sich stetig wiederholende Achterbahn. Und Gott schütze ihn vor diesem hin und her, denn plötzlich kann er davor stehen und nur noch lauter «Achter» sehen. Viele herzliche Grüsse aus Istanbul, liebe Frau Judith Stamm, Sie haben mich um viele Inspirationen bereichert. (Und unsere Jahrtausende alte Stadt hat bislang allerhand erlebt). Wenn Sie gestatten möchte ich mich mit ebenso tausendem Dank bei Ihnen bedankend zurückziehen – Ihr Ismet Damgacı.

  6. Lieber Herr Ismet Damgaci, vielen Dank für Ihr liebenswürdiges Echo. Und so wünsche ich Ihnen und allen, die Ihnen lieb sind, gleichsam von Stadt zu Stadt, von Luzern nach Istanbul, alles Gute für das kommende Jahr. Hie und da etwas festlichen Glanz und viele Erlebnisse und Begegnungen, die Sie freuen!
    Herzlich, Judith Stamm

  7. Liebe Barbara Wespe, das Gute ist ja, dass die negativen Gedanken sich auch wieder in Luft auflösen.
    Ein Freund, der sich aus einer Gruppe verabschiedete, schrieb uns: «geniesst das Mögliche. Wir haben so Vieles!» Daran denke ich immer wieder, wenn ich Berichte aus dem Ausland höre. Wir haben so Vieles, der Strom, das Wasser, die Abfuhr, alles funktioniert! Ich lerne das alles ganz neu schätzen!
    «Wie soll man dann des noch ertragen?» schreibst Du. Jeder und jede hat in seiner Seele auch noch einen gefüllten Reservetank. (Sorry, dass ich solche Vergleiche wähle, fahre ja schon lange nicht mehr Auto…) Den muss man anzapfen, und oh Wunder: er ist immer wieder von neuem voll!
    Mit meinen besten Wünschen für 2021, Judith

  8. Liebe Judith Stamm
    Ich mag nicht in den Kanon der obigen Liebenswürdigkeiten einstimmen. Denn ich habe tatsächlich immer wieder darauf gewartet, dass Sie sich von Ihrem seichten «Kafichränzligeplauder» verabschieden und uns doch etwas denkwürdigere Kost vorsetzen. Immerhin waren Sie mal eine recht bedeutende Politikerin, die auch heute noch etwas zum Verhalten, mit den entsprechenden Massnahmen, unserer «Obrigkeiten» (JS) zu sagen hätte. Möglicherweise hätten Sie wohl abweichendere Meinungen als der politische Berichterstatter von «seniorweb», der ja bekanntlich nicht ihrer politischen Couleur entspricht.
    In Erwartung etwas substanziellerer Beiträge grüsse ich sie freundlich und wünsche Ihnen
    es gfröits nöis Jahr
    Werner Hübscher, 77 (auch ein alter Zürihegel)

  9. Lieber Werner Hübscher
    Danke für Ihr Echo. Sie haben richtig beobachtet: ich versuche einen anderen Stil und eine andere Art von Text. Bin seit über 20 Jahren nicht mehr im Parlament. Das Leben hat noch andere Facetten als die politischen…..Tut mir leid, wenn ich Ihre Erwartungen nicht erfüllen kann.
    Von Zürihegel zu Zürihegel: es guets Nöis!
    Freundliche Grüsse
    Judith Stamm

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel