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Zwischen den Jahren

Und schon ist Weihnachten vorbei. Es war dieses Mal anders. Vielleicht ruhiger? Vielleicht einsamer! Vielleicht auch nachdenklicher?

Doch trotz allem Schwierigen haben sich auch dieses Jahr unzählig viele Mütter und Grossmütter darum bemüht, ihre Familien mit feinen Zimtsternli und Mailänderli und herrlichen Lebkuchen zu verwöhnen. Guetzli backen, Süssigkeiten anbieten, das gehört zu jedem Lichterfest – wo immer und in welcher familiären Kultur es auch immer stattfindet – rund um den Globus. Das finde ich sehr interessant.

Und all die Alleinstehenden in unserem Land? Vielleicht fehlte für sie dieses Jahr die Gelegenheit, mit Freundinnen oder Freunden aus verschiedenen Haushalten zusammen zu sitzen, sich auszutauschen und sich verstanden zu fühlen. Wie viele haben sich allein gefühlt! Das tut weh. Aber beklagen will sich niemand, denn es gibt Schlimmeres, so sagt uns die Bescheidenheit. Dabei denken wir mit Recht an das sehr, sehr belastete Spitalpersonal oder an all die Familien, die um ihr Einkommen bangen, oder an all die kranken Menschen und diejenigen, die jemanden Nahestehenden verloren haben.

Nun sind wir quasi zwischen den Jahren. Nur noch Stunden sind es, die uns trennen vom Neujahrsbeginn. Vielleicht spüren wir eine gewisse Leere nach dem hinter uns liegenden Weihnachtsfest: Keine aufregenden Besuche mehr, keine Geschenke, und essen tun wir lieber ein bisschen weniger und einfacher, denn mit dem sündigen Schlemmern muss es ein Ende haben, wagt man doch kaum mehr, auf die Waage zu stehen!

Doch da wächst die Vorfreude auf ein neues Jahr. Sie wird grösser und grösser mit jedem Tag. Fast vergessen wir darob das unheimliche Virus. Und als ob uns jemand etwas verheissen hätte, sind wir überzeugt davon, einen Neubeginn vor uns zu haben. Pläne wollen wir entwickeln, Ziele formulieren. Ja, wir können kaum warten auf diesen Augenblick, der uns ein Stück Zukunft verspricht.

Ich kann mich zwar kaum erinnern, dass ich jeweils mit guten Vorsätzen oder grossen Wünschen ins neue Jahr gerutscht wäre. Vielleicht war es anders, als ich ganz jung war. Ja, das ist sogar sicher so. Denn da hatte ich natürlich meine Träume, war verliebt, wollte mich beruflich entwickeln. Aber nachher hat das Leben mit mir seinen Weg genommen. Und das war gut so.

Doch jetzt, wo ich älter werde, oder sagen wir, jetzt, wo ich alt bin, zwingen mich die Jahresübergänge zu einem Nachdenken ganz neuer Art: Was will ich noch? Was möchte ich noch erleben? Womit möchte ich noch aufräumen? Oder welcher Sache möchte ich mich noch besonders widmen? Und fast immer kommt in diesen Fragen das Wörtchen «noch» vor. Wie wenn das Ende schon in der Nähe wäre. Und das ist es natürlich, wenn ich ganz ernsthaft darüber nachdenke. Ich bin ihm näher.

Nicht dass ich traurig oder depressiv wäre, aber vielleicht ein bisschen schwermütig. Denn immer fühle ich diese Barrieren, die uns das Virus aufbürdet. Da gibt es aber auch eine Prise Hoffnung und viel, sehr viel Dankbarkeit. Lassen Sie es mich mit zwei persönlichen und aktuellen Gegebenheiten verdeutlichen. Und wer weiss, vielleicht sind sie sogar ein Ansporn für eigene Aktivitäten:

Ich habe, als die zweite Welle der Corona-Krise sich abzeichnete, entschieden, endlich richtig Italienisch zu lernen – von der Pique auf, in einem Kurs der Volkshochschule. Das macht mir jetzt viel Spass. Jeden Dienstag sitze ich für eine Lektion, zusammen mit den anderen Kursteilnehmerinnen, alle in ihren Stuben, vor dem Computer. Per Zoom sind wir mit unserem eloquenten und immer gut gelaunten, sizilianischen Kursleiter verbunden. Und ich denke jeweils, was für eine tolle Erfindung dieses Internet ist. Welch interessante technische Entwicklung uns da zu Hilfe kommt! Und alles so einfach zu handhaben. Diese Ablenkung, dieses Eintauchen in eine andere Sprache und damit auch in eine andere Kultur tut mir jedes Mal gut.

Und zweitens möchte ich Ihnen von einem NZZ-Artikel erzählen, in dem Otfried Höffe von den wichtigen vier «L» spricht, die man speziell im Alter beachten sollte. Sie gehen mir nicht mehr aus dem Kopf: das Laufen, das Lernen, das Lieben und das Lachen. Lassen Sie mich jetzt, bevor das neue Jahr anfängt, bezüglich dieser vier «L» einen prüfenden Blick auf meinen Alltag werfen: Laufen? Ja, das darf ich, Gott sei Dank, noch jeden Tag eine Stunde oder mehr. Lernen? Ja, auch dafür gibt mir jeder neue Tag sogar mehr als nur eine Gelegenheit: Ich lese beispielsweise gründlich die Zeitung oder vertiefe mich in  Bücher, die mich gluschten und schon lange im Gestell auf mich warten, und ich übe mich, wie bereits erwähnt, im Erlernen der italienischen Sprache. Das zweite «L» klappt also auch. Kommen wir somit zum «L» wie Lieben? Das heisst wohl, soziale Kontakte pflegen, sich austauschen, miteinander plaudern oder sogar richtig diskutieren: Das war leider nicht so einfach im vergangenen Jahr. Wir alle können davon ein Liedlein singen. So bleibt uns nur die Hoffnung, dass sich die uns so belastenden Zeiten bald verabschieden. Doch vorher noch möchte ich etwas sagen zum vierten «L», dem Lachen. Ja, lachen – es ist unbestritten, dass ich mehr lachen sollte. Denn manchmal stelle ich am Abend fest, dass es mir den ganzen Tag nicht zum Lachen war. Fröhlich sein, so richtig herzhaft lachen, über etwas schmunzeln oder einfach staunend etwas betrachten – all das sind unbestritten sehr, sehr wichtige Momente, die unser Dasein nicht nur bereichern, sondern überhaupt erst lebenswert machen. – Haben Sie gemerkt: Es gibt noch viel zu tun!

Damit möchte ich schliessen und folgendes festhalten: Zwischen dem alten Jahr und dem neuen gibt es eigentlich nur einen Augenblick, nicht einmal eine Sekunde trennt die beiden voneinander; es gibt für uns also kein Verweilen. Doch wir erleben zuerst die Vorfreude, und wenn es von den Kirchtürmen Mitternacht läutet, sind wir definitiv schon drin – im neuen Jahr mit all unseren Hoffnungen und Sehnsüchten und auch den Realitäten. Und das alte Jahr? Es ist Geschichte. Diesen ganz speziellen Augenblick, der das alte vom neuen trennt, können wir zwar nicht festhalten. Aber wir träumen von ihm, jedes Jahr von Neuem. Und so lange wir das so empfinden, leben wir!

Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen, zuversichtlichen Rutsch ins 2021! Und bleiben Sie gesund!

2 Kommentare

  1. Liebe Frau Weber, Danke schön für diesen weisen Gedanken. Ich habe Ihres fröhlichen Lächeln schon vor mehr als 40 Jahren bewundert und sehe jetzt: Sie haben es sich erhalten. Das ist sehr schön.

  2. Liebe Frau Bhend, vielen, vielen Dank für Ihre freundlichen Worte, die mich sehr freuen. Ich wünsche Ihnen alles Liebe – herzlichst
    Monika Weber

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