FrontKulturBeat Brechbühl: «Ich will keine Altersgedichte schreiben!»

Beat Brechbühl: «Ich will keine Altersgedichte schreiben!»

Wegen des folgenden Gedichts reiste ich im Januar 2021, mitten in der Pandemie, zum bald 82-jährigen Autor, Verleger und Drucker Beat Brechbühl (Bild) in sein Atelier im «Eisenwerk» in Frauenfeld:

 Ich will keine

Altersgedichte schreiben. Davon
gibt es genug von alternden DichterInnen.

Dass ich alt werde und bin,
merk ich jeden Tag, jede Stunde.
Mein Altwerden soll nicht mein
Thema werden
(ist es aber schon lang).

 Ich will nicht aufschreiben, was
ich nicht mehr kann, was ich vergessen habe (habe ich
vergessen), was ich nicht mehr schaffe, was
ich nicht mehr sehe und
höre, was ich nicht kapiere, was ich
nicht mehr kenne, was mich
schreckweise reduziert (auch wenn ich dies
nicht wahrnehmen will).

Mein Altern interessiert ausser mich
in der Öffentlichkeit niemanden (doch, die AHV muss solange
bezahlen, bis. Die Versicherung muss bezahlen bei
Krankheit und Unfall; kriegt aber auch das von mir bezahlt).

Ich will keine
Altersgedichte
schreiben; ich denke sie nur: Ich erlebe sie nur. Sie
winken in mir nur. Sie werden zum Gegenteil
vom Weiten Raum, nur. Sie bauen Mauern um
mich herum,
nur.

Nur, nur, nur …

Das ist mir alles viel zu wenig.

Ich beginne mich wieder.
Jetzt.

Genauer gesagt, wollte ich mit ihm über die beiden letzten Zeilen des 2019, also in seinem 80. Lebensjahr geschriebenen Gedichts reden: Ich beginne mich wieder. / Jetzt. Wer ist dieses Ich, das wieder beginnt? Ist das Beat Brechbühl, der seit Jahren um halb sieben den Wecker schellen lässt, dann aufsteht, den Tagi liest und dann, weil er kein Auto mehr hat, in gut 10 Minuten zu Fuss in sein Atelier geht und es wieder verlässt um halb 12 – nachts? Er hat sich vorgenommen, ab jetzt früher nach Hause zu gehen, vor allem, weil im Moment die Beiz im Eisenwerk wegen Corona geschlossen hat, die Beiz, für die er vor ca. 30 Jahren gekämpft hat, denn sie sollte  die «Seele» des Kulturzentrums werden.

Werke aus dem Waldgut-Verlag von Beat Brechbühl: www.waldgut.ch

An den Solothurner Literaturtagen 2019 hat er sich an zwei Nachmittagen mit dem «Beizenhocker» Peter Bichsel abseits vom literarischen Gewimmel in einer abgelegenen Beiz über das Beizenleben unterhalten, welches versunkenes Nippen, Alleinsein, Begegnungen und gemeinsames Erkennen, Lachen und Freundschaftspflege ohne Zeitdruck erlaubt. «Kein Wort über Literatur, aber viele Worte über alles – und wir hatten eine gute Zeit miteinander, so dass wir uns am Schluss fast umarmt hätten.»

Wer ist Beat Brechbühl?

2019 hat ihn Christian Uetz an den 15. Frauenfelder Lyriktagen in seiner Laudatio zum 80. Geburtstag so charakterisiert: Brechbühl ist ein Querulant aus Prinzip, ein Rebell als Lebenshaltung, ein Aufständischer aus Instinkt, ein Berserker gegen Kleinlichkeit und Grosskotzigkeit, gegen Kleinkariertheit und Grossunternehmen, ein Fürsprecher für alles Schräge, Komische, Unangepasste, zugleich ein deftiger Grübler und Melancholiker. Ist er das noch? Ist er ein anderer? Ich beginne …wieder. «Ich beginne Neues und wiederhole Routinen. An diesem Tisch denke ich, an jenem arbeite ich, dumm gesagt. Ich geh hin und her und vergesse dies – und jenes kommt mir in den Sinn. So ist es den ganzen Tag. Ach, das sollte ich noch machen – und schon bin ich wieder unterwegs zum andern Tisch.» Aber im Gedicht steht nicht: Ich beginne wieder etwas, sondern Ich beginne mich wieder. Wer ist dieses mich? «Das Ich ist der Macher und das mich der Empfänger und Fänger von Gedanken und Worten.»

Was jetzt?

Ich beginne mich wieder./Jetzt. «Gestern war Büchermachen und Schriftsetzen. Jetzt ist da sein und nicht vergessen, dass ich um die Mittagszeit meine physiotherapeutischen Übungen mache, dazu habe ich seit meinem Unfall vor elf Jahren ein Abonnement, so dass ich täglich ins Physiozentrum gehe für meine Übungen. Zum guten Glück. Ohne Abonnement würde ich zu wenig für meine Gesundheit tun. Und im Sommer gebe ich das Atelier auf und hoffe, dass bis dann jemand kommt, der sagt «Ich will Bücher machen!» und bei dem ich dann noch ein «Büröchen» haben kann. Ich kann ja nicht den ganzen Tag zuhause bleiben … und in ein Altersheim gehe ich nicht. Bald ist ja vielleicht auch die Beiz im Eisenwerk wieder offen.»

Und dann, wenn man hilfsbedürftiger wird?

«Unterstützung annehmen, und möglichst frei bleiben!»

Setzerei des Ateliers Bodoni (Nächste Buch- und Druckkunst Messe vom 4. bis 6. November 2022 im Eisenwerk Frauenfeld)

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