FrontKolumnenAlle haben die Nase voll

Alle haben die Nase voll

Nun geht es langsam ans Eingemachte. Und Bundesbern wird immer eindringlicher mit Fragen konfrontiert, die wenig mit Besserwisserei als vielmehr mit existentiellen Sorgen und privaten Nöten zu tun haben.

Der Föderalismus erhält schlechte Noten. Die Schönwetter-Demokratie hat Risse erhalten, die nicht einfach mit beschwichtigenden Worten zu kitten sind. Die Epidemiologen fanden beim Bundesrat, wenn überhaupt, zu spät Gehör und sprachen auch nicht mit einer Zunge, was die Entscheidungsfindung nicht gerade erleichterte. Die Impfkampagne verläuft im Vergleich zu Nachbarländern im Schneckentempo. Gerade fiel von hoher Warte auch das Eingeständnis, dass der ehrgeizige Zeitplan nicht eingehalten werden kann und es wohl bis in den Herbst hinein dauert, bis alle Impfwilligen an die Reihe kommen.

Die vergeblichen Appelle von Marcel Salathé, Epidemiologe und Mitglied der Taskforce Covid-19, nach einem flächendeckenden Contact-Tracing und dem unabdingbaren „testen, testen, testen“ offenbarten einerseits die technologischen Unzulänglichkeiten vieler kantonaler und kommunaler Verbundsysteme und anderseits die schwerfällige Bürokratie, welche sich reihum überfordert zeigte. Das gegenseitige Hickhack hat die Verunsicherung und das Misstrauen in der breiten Bevölkerung nur noch gesteigert, und der hinterlassene Scherbenhaufen gleicht eher dem Misthaufen im Stall des Augias, den auszumisten selbst Herkules überfordert wäre.  

Die Armee – zumindest ihre Apotheke – hat mit ihrem dilettantischem Vorgehen bei der Maskenbeschaffung eine zwiespältige Figur hinterlassen. Das Achselzucken und die Feststellung, im Nachhinein sei man immer gescheiter, ist wenig tröstlich.   

Was im Sommer nach dem Abklingen der ersten Pandemiewelle von praktisch allen Entscheidungsträgern verschlafen wurde, präsentiert sich nun als Quittung: Gemäss dem Bundesamt für Gesundheit beträgt die Anzahl laborbestätigter Ansteckungen seit dem 24.2.2020 (also binnen eines knappen Jahres) 540’727 Infizierte und 9’031 Tote. Die 10’000er Marke ist also in Reichweite, ein trauriger Befund.

Die Jugendlichen befinden sich im Krisenmodus

Dass der älteren Generation in Alters- und Pflegeheimen lange unsere volle Aufmerksamkeit zuteil wurde, versteht sich von selbst. Nun mehren sich aber die Stimmen, welche die Anliegen der Jugendlichen ins Blickfeld rücken. Da ist von fehlenden Perspektiven die Rede, weil die Lehrabsolventen wie letztes Jahr nicht wissen, ob und allenfalls wie die Abschlussprüfungen stattfinden können. Sie bangen auch, eine Stelle zu finden, nachdem viele Betriebe selbst nicht wissen, wie es nach Kurzarbeit und Shutdown weitergehen soll. Auch die Schulabgänger können zurzeit kaum Schnupperlehren absolvieren, weil die Firmen diesbezüglich zurückhaltend wurden und mit ihren eigenen Problemen über Gebühr beschäftigt sind. Zudem ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt zurzeit unwägbar. Bei keiner Altersgruppe ist die Arbeitslosenquote höher als bei den 15- bis 24-Jährigen. Sie beträgt 3,9 %.

Zu Wort melden sich aber auch Studenten, denen durch die Pandemie Nebenbeschäftigungen wegbrechen und die nun wieder bei Hotel Mama anklopfen müssen, weil sie sich die eigene Bleibe nicht mehr leisten können. Aber diese Entbehrungen erscheinen noch einigermassen verkraftbar gegenüber Jugendlichen, die schon vor Corona aufgrund ihrer fremden Herkunft, der kulturellen Andersartigkeit, der sozialen Benachteiligung oder schulischer Defizite gefährdet waren. Alles, was sie noch hatten, den Fussball, die Jugenddisco, den Freundeskreis, den unbeschwerten Ausgang, ist heute mit der 5-Personenregel und mit Maskenzwang  obsolet geworden. 

Ist es verwunderlich, dass Vandalenakte, sinnlose Zerstörungswut, Besäufnisse und Gewalt gegen Unbeteiligte selbst in Schlafgemeinden alarmierend zugenommen haben? Psychologen und Psychiater haben es vermehrt mit gestressten, suizidgefährdeten und verzweifelten jungen Menschen zu tun. Ihre psychische Verfassung zeigt einen Ausnahmezustand, den sie selbst nicht mehr kontrollieren können. Zu Tage treten Angststörungen, welche Schlaflosigkeit verursachen, psychosomatische Krankheitsbilder und Herzrhythmusstörungen, verursacht auch durch Alkoholexzesse und Drogenmissbrauch. Die Berufslehre wird abgebrochen, die Schule geschwänzt. Die Folgen sind in Stein gemeisselt: Arbeitslosigkeit, gesellschaftlicher Abstieg und Abdriften in die Sozialhilfe, wenn kein Umdenken stattfindet und die Notrufe nicht gehört werden. Ist das nichts als Alarmismus? Keineswegs, aber sich für die Anliegen der jungen Generation zu sensibilisieren, bedeutet, sie ernst zu nehmen und gemeinsam Abhilfe zu schaffen.   

Die Pandemie hinterlässt also nicht nur einen wirtschaftlichen Kater, sondern gesellschaftliche Spuren, welche in unseren Kindern und Jugendlichen Narben der Ohnmacht hinterlassen – und im schlimmsten Falle das Gefühl, zu einer verlorenen Generation zu gehören. Ja, auch der Bundesrat bekannte, von Covid-19 die Nase voll zu haben. Was sollen erst Jugendliche dazu sagen, die mit ihren Problemen allein gelassen und von eben diesen Bundesbehörden daran gemessen werden, ob sie die auferlegten Pflichten einhalten oder nicht. Zu hoffen ist, dass sich die angestaute Wut dereinst nicht mit Saubannerzügen auf den Strassen entlädt. Mit Ratlosigkeit entschärfen wir die Probleme nicht, nur mit Perspektiven und Hilfestellungen, welche die Heranwachsenden für vollwertig nimmt. Alles andere hätte verheerende Konsequenzen.  

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3 Kommentare

  1. Es wird und muss eine gesellschaftliche Veränderung geben. Ich denke da vor allem an die Jungen, die sich neu ausrichten. Kreativität, umdenken ist gefragt. Nicht an den alten Mustern hängen bleiben.Neue Wege beschreiten. Welch eine Chance!

  2. Ich finde das Gejammer über Kinder und Jugendliche als Opfer dieser Pandemie, insbesondere wenn auch noch von einer «verlorenen Generation» gesprochen wird, masslos übertrieben. Wer noch 60-70 Jahre Lebenszeit vor sich hat, kann ein Jahr mit Einschränkungen schadlos überstehen. Unsere Jugendarbeitslosigkeit ist im internationalen Vergleich immer noch die tiefste und kein Grund zur Besorgnis. Dass unseren alten Mitbürgern in den Alters- und Pflegeheimen «lange unsere volle Aufmerksamkeit zuteil wurde»… stimmt leider überhaupt nicht! Die Schweiz liegt in Bezug auf Covid Sterblichkeit weltweit unter den Top 10 – ein wahrlich unrühmliche Tatsache für eines der reichsten Länder! Schnelltest sind seit Monaten erhältlich und werden in Alters- und Pflegeheimen für Personal und Besucher immer noch nicht eingesetzt. Die copy paste Medienvermeldungen Covid betreffe eh nur sehr alte Menschen mit Vorerkrankungen, die eh bald gestorben wären, sind in hohem Masse zynisch und menschenverachtend! Eine deutsche Studie belegt, dass Menschen, die an Covid verstorben sind im Durchschnitt 9 Lebensjahre verloren haben. Ältere und alte Menschen haben, zurecht, viel eher das Gefühl, diese Pandemie raube ihnen wertvolle Lebenszeit, die sie nun in Isolation verbringen müssen, anstatt ihre vielfältigen sozialen und kulturellen Interessen leben zu können.

  3. Wir sind alle zu ungeduldig und können mit Entbehrungen nicht umgehen. Aber wir müssen. Und vielleicht länger als uns lieb ist. Sowohl wir seniorInnen als auch die jungen.

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