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Geburtstagsgeschenk

Ein ganz besonderes Buch flog mir als Geburtstagsgeschenk ins Haus. Es heisst «Lange Jahre» und enthält Bilder von Annelis Gerber-Halter und Texte von Theres Roth-Hunkeler.
Das Buch ist eine Wucht! Anders kann ich es nicht ausdrücken.

Wenn ich es durchblättere, bleibe ich das eine Mal an einem Bild hängen und lese dann den Text, der dazu gehört. Und das andere Mal spricht mich ein Text an und ich «prüfe», wie er sich im Bild widerspiegelt. Das Buch lädt zur Meditation ein. Bei einem Bild verweilen, über einen Text nachdenken, ist angesagt.

Kauft das Buch!

Ich gebe es zu, ich habe dem Buch bis jetzt noch nicht soviel Zeit gewidmet, wie angemessen wäre. Aber ich will es besprechen, jetzt, sofort. Am einfachsten wäre es, wenn ich einfach schreiben könnte: Kauft das Buch, verschenkt das Buch, lest das Buch, nehmt es immer wieder in die Hand!

Als Juristin habe ich ja den Hang, überall nach Strukturen, Gesetzmässigkeiten, Abläufen zu suchen. Die sind aber in diesem Buch nicht zu finden. Wenigstens nicht für eine Raschleserin, wie ich sie im Augenblick bin. Das Buch handelt von Menschen, Landschaften, Befindlichkeiten. Die Texte und Bilder erwachsen aus einer reichen Lebenserfahrung der beiden Autorinnen.

Bilder und Sätze

Da ist das Bild des alten Mannes im Wartezimmer seines Arztes: «Doktor, es hapert überall». Und etwas später kommt der Kernsatz: «Erleben will ich nichts mehr, nur noch ein wenig bleiben möchte ich.» Kommt uns das nicht bekannt vor?

Und dann schaut uns Klara an, die Halbwüchsige. Mit der Latzhose und dem grünen Plüschpullover. Sie freut sich auf alles. Aber «sie freut sich auch dann, wenn nichts bevorsteht. Sie schaut in den Spiegel……Ja, sie ist Klara.»

Eine Frage erwartet uns beim Bild des Tuba-Spielers, der Pause macht. Wenn wir ihn in Freizeitbekleidung, im Supermarkt, beim Joggen sehen würden, «würden wir Ihn auch als Musiker erkennen? Prägt der Beruf ein Gesicht? Und wie zeigt sich Musik darin?»

Das «Fräulein Müller» wollen wir sicher nicht vergessen. Eher blass in den Farben. «Lebt eigentlich das Fräulein Müller noch?» heisst es im Text. Diese Frage kennen wir doch!

Was das Bild ausdrückt, das zu «Schnelle Kufen» gehört, ist fast nicht zu beschreiben. Alles hat er gehabt, alles hat er erreicht: «CEO, Boni, Villa, Zweitwohnsitz, Autos, Familie». Jetzt sitzt er da in einem roten Pullover, mit geschlossenen Augen. Seine Gesichtszüge wirken auf mich je nachdem friedlich entspannt oder etwas müde oder dann gezeichnet von der Frage: Und jetzt?

Die Autorinnen

Die beiden Frauen waren Ende letzten Jahres in der Galerie ROLF in Zug mit ihren Werken, Bildern und Texten, zu sehen. Rund um die Ausstellung war in den Medien einiges über ihr Leben zu vernehmen. Beide stammen aus dem Seetal im Kanton Luzern. Sie besuchten zusammen die Volksschule und bildeten sich später zu Lehrerinnen aus. Beide haben Familien.

Das Zeichnen und Malen bei der einen, das Schreiben bei der anderen, waren langjährige Leidenschaften. Darüber tauschten sie sich immer wieder aus. Und die Idee zum Projekt «Lange Jahre» reifte so heran. 67 Jahre alt sind die beiden heute, 60 Jahre sind sie befreundet. Sie werden auch als «Duo Grande» bezeichnet. Welcher Name wäre zutreffender!

Theres Roth-Hunkeler (Text), Annelis Gerber-Halter (Bilder): „Lange Jahre“. Zytturm-Verlag Baar, 2020.

1 Kommentar

  1. Liebe Judith
    Grandios, wie du dies alles beschreibst. Ich frage mich nur, warum «Geburtstagsgeschenk» nicht unter Kolumnen, sondern unter Kultur erscheint. Klar, «Lange Jahre» ist Kultur. Ich lese jedoch regelmässig deine neuen Kolumnen und wurde diesmal dort nicht fündig.
    LG
    Erna

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