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Reflation Trade

Momentan spricht man in Anlegerkreisen gerne vom Reflation Trade; was ist damit gemeint?

Der Begriff Reflation wurde erstmals vom amerikanischen neoklassischen Ökonomen Irving Fisher nach dem Börsencrash von 1929 geprägt. Als Reflation wird eine Geld- und Fiskalpolitik bezeichnet, welche darauf abzielt, die Wirtschaft nach einer Rezession zurück auf den Wachstumspfad zu führen. Der Begriff dient ebenfalls zur Beschreibung der ersten Phase einer wirtschaftlichen Erholung.

Reflation darf nicht mit Inflation verwechselt werden, obwohl sich beide Begriffe auf den Umstand steigender Preise von Gütern und Dienstleistungen beziehen. Sie passieren aber während unterschiedlichen konjunkturellen Wachstumsphasen. Im Gegensatz zur Reflation läuft bei einer Inflation die Wirtschaft bereits auf Hochtouren und am Arbeitsmarkt herrscht Vollbeschäftigung. Steigende Teuerungsraten sind dabei eine Begleiterscheinung und werden je nach Ausprägung als potenzieller Wachstumskiller betrachtet. Die Reflation hingegen kann als kontrollierte Inflation bezeichnet werden. Der Preisanstieg ist gewollt, passiert allmählich und mit dem Ziel, das wirtschaftliche Wachstum anzukurbeln sowie die Arbeitslosigkeit zu senken.

Um die negativen Folgen der Coronakrise zu lindern, haben Notenbanken und Regierungen zu extremen Massnahmen gegriffen. Im noch nie dagewesenen Rahmen wurde die Geldpolitik durch Zinssenkungen, Liquiditätsspritzen und Wertpapierkäufe gelockert. Zusätzlich sollten staatliche Rettungsprogramme die wirtschaftliche Genesung direkt (Infrastrukturausgaben) oder indirekt (Steuersenkungen, Barschecks) unterstützen. Sämtliche dieser Massnahmen dienen der Bekämpfung der vorherrschenden Deflation und gelten von daher als reflationierend.

Wette auf baldige Wirtschaftserholung

Die beispiellose geld- und fiskalpolitische Unterstützung hat an den Finanzmärkten für Jubelstimmung gesorgt. Die Marktteilnehmer reden in diesem Zusammenhang von einem Reflation Trade. Damit ist die Wette auf eine baldige Wirtschaftserholung gemeint. Mit dem Abklingen der Pandemie wird der aufgestaute Güter- und Dienstleistungsbedarf zu einem grossen Nachholeffekt führen, so die allgemeine Anlegermeinung. Diese Sichtweise erklärt die starke Entkoppelung der Finanzmärkte von der tatsächlichen realwirtschaftlichen und epidemiologischen Entwicklung. Und die Chancen dafür stehen gut. Schliesslich handelt es sich nicht um einen strukturell bedingten Wachstumseinbruch, ähnlich dem während der Finanzkrise 2008, sondern um eine Gesundheitskrise. Diese ist vermeintlich einfacher zu bekämpfen und es braucht keine grundlegenden Anpassungen der wirtschaftlichen Strukturen. Zusätzlichen Schub hat der Reflation Trade mit der Ankündigung von verfügbaren Covid-19-Impfstoffen erhalten. Zyklische Unternehmen aus den Sektoren Energie, Luxusgüter und Banken rücken in den Fokus der Investoren. Sie waren unter erheblichen Preisdruck geraten und sind deutlich günstiger bewertet als die zuvor favorisierten Wachstumstitel, vor allem aus dem Technologiebereich. Von einem baldigen Ende der Pandemie würden sie stark profitieren. Gleiches gilt für kleinere Unternehmen, welche seit November des letzten Jahres besser laufen als grosskapitalisierte Werte.

Allerdings birgt der Reflation Trade gewisse Gefahren, welche es als Anleger zu beachten gilt. Die Bewertungen von Sachanlagen wie Aktien oder Immobilien sind stark gestiegen und schaffen Raum für Enttäuschungen. Ein unerwarteter Rückschlag in der Pandemiebekämpfung hätte unangenehme Preisfolgen für Risikoanlagen. Gleiches gilt, wenn der wirtschaftliche Aufschwung weniger stark als allgemein erwartet ausfallen würde. Die Verschuldung der Staaten hat durch die enormen Ausgaben zur Bekämpfung der Pandemie deutlich zugenommen. Höhere Zinsen als Folge einer boomenden Wirtschaft würden den Haushalt des einen oder anderen Landes in Schieflage bringen. Zudem haben die Notenbanken mittlerweile ihre geldpolitischen Möglichkeiten grösstenteils ausgeschöpft und verfügen nur noch über einen begrenzten Spielraum zur Bekämpfung zukünftiger Krisen. Den Anlegern ist deshalb empfohlen, ihre Depotstruktur auf alle Eventualitäten auszurichten und nicht einseitig nur auf ein baldiges Ende der Pandemie zu setzen.

Zum erfolgreichen Anlegen gehört fundiertes Marktwissen. Unsere Experten sind nahe am Puls und publizieren laufend Finanz- und Wirtschaftsinformationen, die wir Ihnen gerne für Ihre persönlichen Anlageentscheide zustellen.


Autor des Beitrags: Sascha Haudenschild, Leiter Portfolio Management, Aargauische Kantonalbank

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