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Gesicht und Antlitz

Unter der Maske bleibt das Gesicht teilweise verborgen. Die Augen und die Stirne verraten uns nur wenig. Wir erfassen vielleicht das Lächeln bei der Begrüssung, wir erahnen, wenn wir uns in der Bahn oder im Bus vis-à-vis einer Person niederlassen, ob ein Gespräch möglich ist oder eher nicht. Oft ist das Signal klar. Das Gegenüber nimmt das Handy zur Hand oder ein Buch, versteckt sich hinter einer Zeitung und bleibt durch die Maske getarnt. Das Virus hat die Menschen distanzierter gemacht. Gesichter zu studieren war für mich immer eine heimliche Leidenschaft, denn Gesichter reden, auch wenn sie schweigen.

Im Gedicht «Die alte Frau nebenan» schildere ich den Ausdruck eines Gesichts, das mich sehr beeindruckt hat:

Scharf geschnitten,
das Gesicht
und verrunzelt,
schön und uralt,
vom Leben durchfurcht
und von schwungvollen
Linien: Ornamente
eines Taufsteins.

Wie war das Leben der Frau mit diesem starken Gesichtsausdruck? Welche Erlebnisse und Ereignisse haben ihr Antlitz so geformt, dass mir spontan ein Taufstein einfiel, der mit reliefplastischen Verzierungen geschmückt ist? Gerne hätte ich mit dieser Frau über ihr Leben gesprochen.

Von meiner Mutter wusste ich, was sie im Leben zu verkraften hatte. Ihre mütterliche Liebe und Güte überzeichnete die Sorgen und ihr Antlitz habe ich bis heute vor Augen. Ich sehe ihr besorgtes, liebendes, das friedlich in sich ruhende Gesicht. Die Mutter hatte ein ausgeglichenes, ebenmässiges Gesicht mit feiner zarter Haut, die bis ins hohe Alter bewahrt blieb. Die Haut entsprach der Sanftheit ihres Wesens. Ich sehe das fröhliche, lächelnde, oft begeisternd lachende Gesicht. Ich lese aus ihm aber auch Trauer, sehe auch das strafende, energische Gesicht, das Gesicht, das Ruhe gebietet und die Kinder ermahnt, friedlich zu sein. Sie schielt zum Stock oder zur Rute auf dem Küchenschrank, wenn die Kinder ihr nicht gehorchten. Ich erinnere mich an unendlich viele ihrer Gesichter. Sie haben sich mir eingeprägt, als wären sie eingraviert. Die vielen Gesichter einer Person, an die ich mich erinnere, werden zu deren Antlitz. Es ist in mir aufbewahrt und in bestimmten Augenblicken der Erinnerungen abrufbar. Und vielleicht sind die Gesichter, die ein Mann liebt, eine Variation des Antlitzes seiner Mutter, wie auch das Gesicht des Vaters der Frau.

Die Zeit verändert das Gesicht, und die Summe dieser Veränderungen bleibt beim alt gewordenen Menschen als Antlitz erhalten und spiegelt das Leben. Es ist das Identische vieler Gesichter. Das Antlitz ist demnach das Bleibende des sich verändernden Gesichts. Wie der Mensch immer mehr ist, als er gerade vorgibt, so ist das Antlitz mehr als die vielen Gesichter. Im Antlitz gehen tausend Gesichter des immer gleichen Menschen ein. Darum wird der Liebende mit dem Gesicht der Geliebten nie fertig. So wie sich die Landschaft im Licht des Tages und des Jahres wandelt und doch immer die gleiche bleibt und den Charakter bewahrt, so verändert sich das Gesicht und sammelt doch alle die vielen Gesichter in dem einen Antlitz. Das Turiner Grabtuch spiegelt nicht das gequälte, leidende, predigende Gesicht Jesu, sondern das Antlitz des liebenden Menschen.

In den Gesichtern zeigt sich das Leben, des Lebens Überschuss und Masslosigkeit ebenso wie Freude und Verdruss. Liebende, wohlwollende Menschen buchstabieren das Gesicht des Gegenübers und versuchen, es zu entziffern und zu enträtseln. Im hohen Alter wird das Antlitz zur Biographie. Der französische Philosoph Alain Findkielkraut meint denn auch, es sei die einzige unerreichbare Beute für Bildjäger. Das heisst wohl, was im Antlitz aufgehoben ist, lässt sich nie definitiv enträtseln. Liebende sind Jäger, die keine Beute machen. Sie studieren bis ins hohe Alter das Antlitz des Partners oder der Partnerin. Sie betrachten es stets, um zu erfahren oder zu erahnen, wie es sich verändert und wie sich in ihm die Gedanken täglich niederschlagen. Eine der häufigsten Fragen im Alter heisst: «Was denkst Du?»

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