FrontKolumnen«The Hill We Climb – den Hügel hinauf»

«The Hill We Climb – den Hügel hinauf»

Ich habe ein wunderbares Büchlein geschenkt bekommen. Sein Inhalt ist der poetische Rap von Amanda Gorman. Es ist in einer zweisprachigen Ausgabe bei Hoffmann und Campe erschienen*.

Erinnern Sie sich an die Inauguration, der Vereidigung von Joe Biden am 20. Januar dieses Jahres? Sie war, wie jede Vereidigung sehr feierlich gestaltet. Das war bekanntlich nicht so einfach, weil einerseits die strengen Sicherheitsabstände wegen der grassierenden Pandemie in Amerika galten und so nur eine sehr begrenzte Anzahl Menschen eingeladen werden konnte. Andererseits waren massive polizeiliche Sicherheitsmassnahmen nötig, da eine befürchtete zweite Erstürmung des Capitols verhindert werden sollte.

Trotz dieser Einschränkungen gelang es den Organisatoren – und die Amerikaner sind bekanntlich grossartige Organisatoren von Grossanlässen -, eine sehr eindrückliche Feier zu gestalten. Die ganze Welt hat über das Fernsehen diesen Anlass verfolgen und mithören können. Ich meine, es lohnt sich sogar, über YouTube diese bedeutende Stunde nochmals zu geniessen.

Die verschiedenen kulturellen Einlagen an der Feier waren alle sehr eindrücklich, und die Stimmung war getragen von Freude und Zuversicht. Das Pünktchen aufs i legte Amanda Gorman, eine US-amerikanische Lyrikerin, eine 22-jährige dichtende Künstlerin. Ihr äusserlicher Auftritt allein war eine Attraktion: mit einem knallgelben Frühlingsmantel und einer weissen Bluse darunter, in Kontrast zu ihrem dunklen, schönen Gesicht; mit ihrer streng nach oben frisierten schwarzen Afro-Frisur, zusammengehalten von einem breiten, feuerroten Hutband war sie zweifellos der Eyecatcher des Anlasses. Sie trug einen feinen Rap vor: «The Hill We Climb», heisst er. Es war ein Moment, wo sich jedes Herz bewegen wollte. Ein Augenblick, wie wir ihn nicht vergessen.

Nun ist im Verlag von Hoffmann und Campe dieses Gedicht zweisprachig erschienen. Ein Büchlein: klein, aber fein, in der Originalsprache Englisch/Amerikanisch und gut und differenziert übersetzt auf Deutsch. Das Vorwort schreibt Oprah Winfrey, die bekannte amerikanische Talkshow-Moderatorin.

Was ich besonders interessant und nützlich finde, sind die Anmerkungen der beiden Übersetzerinnen sowie der Politologin, die für den deutschen Text bürgen. Sie erklären kulturelle Hintergründe des amerikanischen Originaltextes, wie zum Beispiel: Was hat es mit dem «Hügel» an sich? The Hill, das ist eine Anspielung auf das Capitol, der Sitz der Legislative, der Inbegriff also der amerikanischen Demokratie. Ein Ort, der für die Amerikaner eine wichtige historische Bedeutung hat, der der Ursprung der Republik nach der Revolution der 1770er-Jahre symbolisiert. – Und erst mit diesem Hinweis wird einem der Wert des Hügels, den wir, im übertragenen Sinn, im Leben immer wieder erklimmen  müssen, richtig verständlich.

Es gibt im Text des Rap auch eine ganze Anzahl von Anspielungen auf  Redewendungen, die von früheren amerikanischen Präsidenten benutzt wurden. Ich erwähne hier Obamas «Yes, We Can». Aufmerksam gemacht wird aber auch auf den unvergesslichen Satz des Bürgerrechtlers Martin Luther King: «I Have a Dream». Beide Aussagen, so wird erklärt, spiegeln sich im: «We will Rise from». Auch damit wird auf die wichtige Geschichte des amerikanischen Volkes und deren Kraft verwiesen – und alles eben im Rhythmus des Rap!

Das Gedicht spricht vom Erneuern, vom notwendigen Sich-Einen, auch vom Genesen der Nation. Es lädt dazu ein, ein Land zu hinterlassen, das besser ist als das uns überlassene – und verweist damit auf eine hoffnungsvollere, wenn auch nie perfekte Zukunft, an der jede Generation immer wieder neu sich beteiligen und arbeiten muss. Ein nie aufhörendes Sich-Bemühen, den Hügel zu erklimmen!

Doch halt, gilt das nicht auch für unsere liebe Schweiz? Ja, mir scheint, dass dieses Gedicht eine Fundgrube auch für uns ist – auch wenn wir bei uns Probleme wie die amerikanische Sklaverei nicht gekannt haben. Es ermuntert uns, über Wünsche, Erwartungen und Hoffnungen in unsere Demokratie nachzudenken; und so wird in uns das Empfinden unserer Geschichte im europäischen Raum mit all ihren Mythen und Fakten und neu, ganz aktuell mit ihren Herausforderungen plötzlich wach. Das ist in gewisser Weise das Geheimnis dieses Rap, das irgendwie über den 20. Januar 21 hinausgeht.

Ich bin, oder besser: ich war nie eine besondere Bewunderin von den heute höchst erfolgreichen Raps. Ich kenne sie auch zu wenig. Aber irgendwie hat es mir dieses Gedicht angetan. Ich bin ein Fan geworden von diesem Büchlein.

Mein Tipp: Ein wunderbares Geschenk für jemanden, den man gerne hat!


*Amanda Gorman, The Hill We Climb – Den Hügel hinauf, Zweisprachige Ausgabe, Hoffmann und Campe Verlag, 2021

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