FrontKulturWenn die Glotze zum Evangelium wird

Wenn die Glotze zum Evangelium wird

Mit der Mediensatire «Network» zeigt «Konzert Theater Bern» eine Schweizer Erstaufführung, in der es um journalistische Qualität, Quote und Macht geht. Im Zeitalter der weltweiten Pandemie ist die Produktion aktueller denn je.

Zu Beginn des Theaterstücks fühlt man sich im Newsroom des Nachrichtensenders CNN in Atlanta: Hektisches Treiben der Fernsehleute, letzte Anweisungen aus der Regie, der Nachrichtensprecher lässt sich – einer Diva gleich – schminken, dann zählt die Kamerafrau den Countdown runter. Schweinwerfer an, Kamera läuft. Hinter dem Moderatorenpult verliest Anchorman Howard Beale (Nico Delpy) die Abendnachrichten: Letzter Stand der Corona-Pandemie, Attentatsversuch auf den amerikanischen Präsidenten, Bürgerkriege in Syrien und Burma…. Fakten reihen sich an Fakten, die auf der Videowand eingeblendeten Bilder zeigen Terror, Tote, Flammen. Abend für Abend dasselbe Ritual.

Unterbrochen werden die Negativ-News nur durch ironische Werbespots für «baechlé-Water», das für Reinheit, Gesundheit, Wohlergehen steht. Grösser könnte die Diskrepanz zwischen News und Werbung nicht sein. Da die Einschaltquoten fallen, wird der Anchorman vom Network-Chef Frank Hackett (David Berger) entlassen. Beale bittet um eine weitere Show, in welcher er ankündigt, dass er sich in seiner letzten Sendung vor laufender Kamera erschiessen wird.

Moneten statt Moral

Die Einschaltquoten schiessen in die Höhe. Das TV-Publikum will bei dem Live-Spektakel dabei sein. Programmchefin Diana Christensen (Florentine Krafft) übernimmt die Verantwortung für die Nachrichtensendung und bittet den Network-Chef, dass er Beale am Moderatorenpult belässt. «Mit Moral hat unser Metier nichts zu tun. Unsere Aufgabe besteht darin, Geld zu verdienen», verkündet die smarte Fernsehfrau dem schockierten Nachrichtenchef Max Schuhmacher (Stéphane Maeder), der sich stets zum faktentreuen Qualitätsjournalismus bekannt hatte.

In seiner neuen Rolle nach dem Comeback wird Nachrichtensprecher Beale zum Bullshit-Propheten, zu einem Medien-Messias, der den Wutbürgern eine Stimme gibt und selbst zum Wutbürger wird. «Ich bin schweiss wütend, und ich habe die Schnauze voll», wird zum Slogan, der nach und nach von der TV-Crew adaptiert wird und sich unter dem TV-Publikum millionenfach multipliziert. Aus der faktuellen News-Show wird Reality-TV vom übelsten. Spätestens als Beale beginnt, gegen die Regierungen, gegen seine eigene Firma und gegen die Corona-Massnahmen zu hetzen, ist der Aktualitätsbezug unüberhörbar.

Realität oder Fake-News? Das Ensemble übt sich in Schattenspielen.

Die Quote steigt weiter, der Profit ebenso. Die Verantwortlichen belassen Beale trotz dessen zweifelhaften Botschaften im Amt und geben ihm den Auftrag, für den globalen Kapitalismus einzustehen, was die Geldflüsse anheizt und die Demokratie marginalisiert. Gedankenlosigkeit, Unsinn, Gewalt machen sich via TV breit. Die Glotze wird zum Evangelium. Eindrücklich wechseln sich auf der Videowand Live-Bilder und eingespielte Sequenzen ab. Fakten bleiben auf der Strecke, es geht nur noch um Stimmungen, Meinungen und die Interaktion mit dem Wutbürgertum. Die Aufführung endet in einem medialen Inferno, in der News-Apokalypse.

Wer manipuliert wen?

Gewiss: das Theaterstück ist eine überspitzte Vision einer unerwünschten, aber möglichen Entwicklung, die uns von den Sozialen Medien bestens bekannt ist. Sie zeigt das Wechselspiel zwischen einem geordneten und einem chaotischen Mediensystem. Wer steuert wen? Das TV-Network das Publikum? Die Wutbürger das Programm des Fernsehsenders? Welche Rolle spielt die Politik im Chaos? Aus der aktuellen Corona-Diskussion wissen wir, dass die Öffentlichkeit via Medien Druck auf Regierende erzeugen kann. TV-Sendungen ihrerseits verändern die Wahrnehmung und das Handeln der Menschen. In der Mediensatire «Network» werden Menschenmassen mobilisiert und instrumentalisiert.

Von der Rolle: Das Fernsehpersonal übernimmt den Slogan des ausgeflippten Anchorman.

Mit der Schweizer Erstaufführung hat Regisseur Johannes Lepper den Stoff eines mehrfach oscargekrönten Films (Drehbuch: Paddy Chayefsky, Regie: Sidney Lumet) aus dem Jahr 1976 auf die Bühne gebracht. Der Wert der Berner Aufführung (Bühnenfassung: Lee Hall) besteht, darin, dass das Stück nicht in den 50er Jahren verharrt, sondern von Lepper aktualisiert wurde. Trotz ihrer Länge von 160 Minuten wirkt die Bühnenversion brillant, scharfsinnig, entlarvend, schockierend. Als aufgerüttelter Theaterbesucher verfolgt man Infotainment-Sendungen, Reality-TV oder die grossen News-Shows der amerikanischen Networks künftig noch ein bisschen kritischer als bisher.

Das Mediensystem implodiert: Nachrichtenchef Max Schuhmacher (links) und sein Sprecher, Howard Beale, mit welken Topfpflanzen im Studio.

Titelbild: «Alles Bullshit»: Nachrichtensprecher Howard Beale ruft als TV-Prediger zum Widerstand auf. Alle Fotos: Annette Boutellier.


NETWORK. Schauspiel. Nach dem Film von Paddy Chayefsky, Schweizer Erstaufführung.
Video, Podcast und Aufführungsdaten auf der Webseite von Konzert Theater Bern

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