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Andros, die Frühlingsinsel

Mit dem strahlenden Frühling kommt die Erinnerung an eine Insel, auf der die aufbrechende Natur besonders erlebbar ist. Schon Ende Januar zeigen sich die ersten Blumen und im April explodiert eine Farbenpracht wie ich sie noch kaum erlebt habe. Andros in den Kykladen ist ein Wanderparadies par excellence.

Kommt ihr nach Andros, um zu wandern?“, fragt uns der Taxichauffeur an der Mole des Hafenstädtchens Gavrion. „Hier auf der Insel gehen wir höchstens bis zum nächsten Kafeneion“, war seine belustigte Antwort. Ja, wir möchten die Insel als Wanderer erleben. Auf der etwa einstündigen, kurvenreichen Fahrt von der Fähranlegestelle auf die andere Inselseite nach Andros-Chora erzählt er, dass noch wenig los sei, Betrieb eigentlich nur im August herrsche, wenn viele Athener aus der Grossstadt die Ruhe der Insel suchten. Aber auch dann sei seine Insel nicht zu vergleichen mit dem benachbarten Mykonos.

Wandern durch Landschaften wie in einem Naturpark

In der Tat, das nördliche Viergespann der ostkykladischen Inseln ist sehr unterschiedlich: Mykonos, die Jet-Set- und Sonnenbade-Insel, das benachbarte Delos, das archäologisch interessantes Eiland, und nur wenige Seemeilen entfernt Tinos, Griechenlands „heilige“ Insel und eben Andros, Wandereldorado, auf der der Massentourismus noch kaum Fuss gefasst hat.

Wir nahmen das Flugzeug nach Athen. Statt nach Piräus mit seinem Riesenhafen zu fahren, wählten wir den kürzeren Weg nach Rafína. Man findet den Bus nach dem nordöstlich vom Airport gelegenen Hafenstädtchen ohne Probleme. Die Fahrt dauert etwa eine halbe Stunde.

Der Ausblick vom obersten Deck der Fähre in der Abendsonne erzeugt ein Hochgefühl. Der Rückblick auf die langsam verschwindende attische Küste und bald schon der der erste Anblick von Andros, wuchtige Gesteinsmassen, rau und kahl.

Im Wanderparadies mit Trockenmauern und Blumen. Der kykladische Haustyp, mit Flachdach und weiss gestrichen, ist zwar nicht typisch für Andros. Das Flachdach fängt ja den spärlichen Regen auf. Hier in den Bergen weiss man es aber zu nutzen.

Was man erst entdecken muss, sind die grünen Täler. Denn im Innern ist Andros eine der fruchtbarsten Inseln der gesamten Kykladen mit kräftigen Zypressen, manchmal fast wie ein Wald, mit Olivenhainen, Quellen, Brunnen und Wasserfällen. Der abrupte Wechsel von Schieferfelsen zur wuchernden Vegetation mit plätschernden Bachläufen überrascht immer wieder. Und der wahre Schatz – zumindest von März bis Mai – sind die Blumen am Wegrand, auf Feldern, einfach überall, wo man hinschaut.

Im Messaria-Tal führt der Fluss das ganze Jahr Wasser.

Die Natur strotzt vor grüner Kraft. Von den hellen Flaumeichen in den Flusstälern bis zum hellen Grün des Weinlaubes und den mannshohen Schäften des Riesenfenchels. Wir wandern bis zu einem Wasserfall mit Becken, in denen sich die Blätter alter Platanen spiegeln. Überall leuchten Blumen: Roter Mohn, violette und weisse Winden, gelber Ginster und weisse Kronenmargeriten schmücken den Weg.

Wo man hinschaut – nichts als Blumenwiesen. Hier Malven und Margeriten

In den Bergen ist die Vegetation bescheidener. Schieferplatten, geschichtet und aufgestellt, fassen die Wege ein. Dieses faszinierende Bauwerk halbhoher Steinmauern erstreckt sich über die gesamte Insel. Seine Funktionen sind vielfältig: Grenze zwischen den zahllosen kleinen und großen Landbesitzern, Schutz gegen die allgegenwärtigen Ziegen, Stützterrassen und Rückhalt der Erdschicht bei den starken Regenfällen des Winters.

Eine Grenzmauer kann auch zu einer bequemen Wanderroute werden.

Nun zu den Wandermöglichkeiten: Es gibt 18 markierte Wanderwege mit mehr als 100 km Länge. Andros wurde als Leading quality Trails – Best of Europe-Destination ausgezeichnet – eine der besten Wanderregionen in Europa. Im Internet gibt es viele Informationen und sehr zu empfehlen ist das Wanderbuch von Dieter Graf.

Panoramablick auf die kleine Hauptstadt Andros. Die Stadt hat eine fantastische Lage. Ein Felssporn, der wie ein Schiffswrack im Meer liegt mit der alten Festung voraus. Ein Besuch ist sehr empfehlenswert, würde aber den Umfang des Berichtes übersteigen.

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Taxi zu einem Hochsattel, von dem aus man links und rechts das Meer sieht. Durch eine terrassierte Landschaft mit stacheligem Macchiagesträuch geht es über alte Eselspfade zwischen Schichtsteinmauern durch eine baumleere und steinbesetzte Landschaft.

Vom üppigen Flusstal geht’s hinauf zur Inseldurchquerung. Hier trifft man grosse Villen – Sommersitze reicher Reederfamilien.

Phantastische Weitblicke und ein kühlender Wind bringen Schwung in die Wanderung. Im Laufe der Zeit entstand auf Andros ein schier endloses Mosaiknetz aus mörtellosen Mauern. „Xerolithies“ heissen diese Trockenmauern aus Bruchsteinen, und aufrecht stehenden großen, dekorativen Steinplatten aus Schiefer.

Grenzmauern und Unterstände aus den allgegenwärtigen Schieferplatten

Weiter unten kommen wir durch Dörfer mit viel Hundegebell. Offensichtlich gibt es auf diesen Wegen nur wenige Wandernde und wir sind für sie eine Abwechslung. Der Pfad führt uns weiter hinauf zum mehr als tausendjährigen Kloster Panachrantu. Eine Kapelle mit einer in Marmor gefassten Quelle unter einer gossen Platane empfängt uns. Es ist heiss, Mittag, und wir geniessen die Kühlung.

Wie eine Festung thront das Kloster Panachrantou hoch über dem Tal.

Durch einen weissen Torbogen steigt man in den Klosterhof ab. Heute leben noch zwei Mönche dort – früher waren es bis zu 400. Offensichtlich ist heute ein besonderer Tag. Eine Gruppe von Griechen ist zu Besuch – mit Autos hochgefahren. Wir aber können so ohne zu stören die Kirche und weitere Räume des Klosters besuchen.

Wildblumen, hier sind es rosarote Winden, ziehen sich entlang vieler Mauern.

Es ist nun anfangs Mai schon recht heiss. Den im Führer beschriebenen Weg haben wir verloren und ein Hinweisschild zu einer Bar gibt uns neue Kräfte. In der vollen Hitze des Nachmittags denken wir an eine gastfreundliche Andriotin, die uns ein Bier bringen wird. Obwohl wir das Dorf vor- und rückwärts erkunden – da gibt es kein angeschriebenes Haus. Bis mein Freund – reflexartig – ins Halbdunkel einer halboffenen Tür schaut: Tische, Stühle und ein Kühlregal voller Getränke. Doch der Wirt wehrt ab – die Bar sei geschlossen. Da sitzen aber doch noch zwei Gäste – das ist unser Glück. Das Portrait einer interessanten Frau hängt im abgedunkelten Raum.

Die geheimnisvolle Schönheit aus Andros

In Ermangelung einer Serviererin mache ich ein Foto davon. Ein älterer Gast, der offensichtlich schon einige Biere getrunken hat, antwortet auf meine Frage: „She is my wife!“ Er lacht dazu und alle stimmen in seine Heiterkeit ein. Ich gratuliere ihm und er umarmt mich mit Bruderkuss. Und lädt uns zum Besuch seines prächtigen Dorfes ein. Er vermutet in mir einen Türken. Was ich passenderweise mit einem türkischen Gruss erwidere. Die ganze Runde lacht und Themistokles, so sein Name, hat seine Sonntagsfreude.

Fotos: Justin Koller

Allgemeine Reiseinformationen:
Das Wanderbuch von Dieter Graf
Reiseinformation: Reisen in Andros
Und eine Alternative, genannt Geheimtipp
Bus vom Flughafen zum Fährhafen Rafína
Fähre von Rafína nach Andros (Gavrion)

3 Kommentare

  1. man kriegt gleich lust loszuwandern! die frühlings-blumenpracht kenne ich auch aus chios, und vermutlich ist sie auf allen inseln so um diese zeit.
    herzlichste grüße an justin koller aus innsbruck von c. h. huber! wir haben uns vor vielen jahren bei einem schreibseminar in ibk. kennengelernt,
    christine

  2. Schöner Bericht.
    Wir waren im Sommer dort und haben uns vorwiegend per Taxi und zu Fuss (Anastasi Wanderkarte) vorwärts bewegt. Mit Anastasi-Karten sind Wanderungen auf den meisten Inseln möglich, sowohl auf den Westkykladen (insbesondere Kithnos, Sifnos, Serifos, Sikinos, Kimolos) als auch auf Paros, Naxos und den Kleinen Kykladen (und selbstverständlich in Anafi, Kreta, Karpathos, Astypalea, Rhodos, Tinos, Symi, Leros, Patmos, Samos, Chios, Lesbos, Ay Strathi, Lemnos, Thassos……..).
    Mindestens einmal wöchentlich kann man von Andros mit direkter Fähre die ebenfalls nicht überlaufenen Inseln Syros und Kythnos erreichen. Von Kythnos gibt es täglich Verbindungen auf alle westlichen Kykladen. Der grösste Umsteige-Hub ist allerdings Mykonos, das ab CH direkt angeflogen werden kann.

    Slow ferry Fans können zur Zeit von Thessaloniki einmal wöchentlich über alle ostägäischen Inseln in 23 Stunden nach Mykonos (Turlos) fahren, dort übernachten und am folgenden Morgen nach Andros weiterreisen.

  3. Für alle Griechenland Aficionados (wie u.a. mich..) morgen 6.4.2021 wird Griechenland (endlich und zu spät) von der Risikoliste des BAG entfernt und eine Rückkehr aus Griechenland ist wieder ohne 10 tägige Quarantäne möglich. Die Fotos von Andros im Frühling erinnern mich an eine Wanderreise vor 3 Jahren – über das griechische Osterfest – in Kea. Ich habe mittlerweile über die letzten 25 Jahre fast alle Kykladen Inseln besucht und mehr als ein Jahr in diesem wundervollen Land verbracht. Ich kann meinen Mitmenschen in der dritten oder vierten Lebenshälfte, die griechischen Inseln nur von Herzen empfehlen! Das Licht, die vorherrschenden Farben blau, weiss und die reduzierte aber nicht weniger interessante Natur, ergeben eine wohltuende Harmonie für Sinne und Seele. Καλος ιρθατε στην Ελλαδα!

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