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Kleider machen Leute

St. Gallen rückt machtvolle Frauen ins Zentrum. In der Ausstellung «Robes politiques – Frauen Macht Mode» beleuchtet das Textilmuseum die Kleidung einflussreicher Frauen im Wandel von Gesellschaft, Politik und Mode.

«Kleider machen Leute» ist eine der bekanntesten Novellen von Gottfried Keller und ein geflügeltes Wort geworden: Wie auch immer man sich kleidet, man sendet immer ein Zeichen nach aussen. Dabei bleibt es nicht nur bei den Kleidern, sondern auch wie man sich darin verhält und bewegt. In der Ausstellung «Robes politiques – Frauen Macht Mode» wird der Einsatz von Mode und Kleidung einflussreicher Frauen in sechs Kapiteln vorgestellt. Kleider und Textilien von 1549 bis heute illustrieren das Spannungsfeld zwischen Weiblichkeit und Machtposition, Skandal und Idealisierung, Volksnähe und Repräsentation.

Violett und Rot waren seit der Antike die exklusiven Farben von Königshäusern und Kirche. Violettes Seidenkleid von Königin Victoria, 1862. Mit dem roten Kleid stahl Simonetta Sommaruga am WEF 2020 US-Präsident Trump die Show. Foto: rv.

Mode und Accessoires wurden zu allen Zeiten und von beiden Geschlechtern politisch-strategisch eingesetzt. Die Voraussetzungen haben sich jedoch im Laufe der Jahrhunderte erheblich geändert. Vor der Französischen Revolution galt die politische Macht als von Gott gegeben und stand nur der herrschenden Klasse zu, den Adeligen. Mit ihren prachtvollen Gewändern aus edlen Stoffen symbolisierten sie ihren Stand und inszenierten ihren Reichtum. Sogenannte Kleiderordnungen regelten die Verwendung von Kleidung, Material und Farbe.

Im Hintergrund Erzherzogin Isabella Clara Eugenia, 1586, im Glitzerkleid mit Goldstickereien, der steife Reifrock verlangte disziplinierte und gemessene Schritte. Im Vordergrund das Spitzenkleid der französischen Kaiserin Eugénie de Montijo, 1860, an welchem sechsunddreissig Arbeiterinnen während achtzehn Monaten arbeiteten. Foto: © Michael Schoch, Johannes Stieger.

Die Symbolkraft der Kleidung wurde von den Herrscherinnen bewusst genutzt. Auf einem Porträt von Königin Elizabeth I. um 1600 gemahnen Verzierungen mit Ohren und Augen auf dem Gewand an ihre absolute Kontrolle über das Reich, nichts sollte ihr verborgen bleiben. Doch wenn die Kleidung nicht der höfischen Etikette entsprach, konnte dies auch einen Skandal provozieren. So liess sich Marie Antoinette 1783 in einem damals modischen leichten Baumwollkleid porträtieren. Der Hof intervenierte und die Künstlerin Elisabeth Vigée Le Brun musste sie nochmal standesgemäss in höfischer Robe à la française malen.

Königin Victoria von England war Trendsetterin der neuzeitlichen Braut- und Trauermode. Bei ihrer Hochzeit im Jahr 1840 trug sie ein weisses Brautkleid aus Seidensatin (rechts), nach dem Tod ihres Gatten 1861 kleidete sie sich nur noch schwarz (links). Foto: rv.

Der Bruch mit den Konventionen wird auch heute noch gepflegt, insbesondere um Aufmerksamkeit zu erregen und Zeichen zu setzen. Die SP Politikerin Anita Fetz trug während der Debatte im Nationalrat zum Beitritt der Schweiz zur UNO absichtlich ein T-Shirt mit Schweizer Kreuz, um sich im Rat als linke Patriotin mit der Kernbotschaft zu outen, die Schweiz und ihre Symbole gehörten allen und nicht nur rechts-konservativen Kräften. Eher augenzwinkernd griff die damalige Bundespräsidentin Doris Leuthard bei der Einweihung des Gotthard-Basistunnels 2016 zum löchrigen Mantel. Die weisse Hülle und das Oberteil mit zahlreichen umstickten Löchern stammten aus dem St. Galler Modehaus Akris. Für diesen Grossanlass bewusst gewählt, funktionierte diese Kleidung als symbolischer Botschaftsträger.

Kleider und Accessoires von Schweizer Politikerinnen. Foto: © Michael Schoch, Johannes Stieger.

Die Anpassung an die männliche Mode mit Hosenanzügen oder Business-Kostümen als «Power Dressing» wird durch namhafte Designerinnen und Designer mit einem femininen Touch verfeinert. Margaret Thatcher, die «Iron Lady», schützte sich vor Anfeindungen der politischen Männerwelt mit fraulich-eleganten Kostümen, die wie ein Panzer wirkten. Angela Merkel entwickelte ihren unverkennbaren Stil mit schwarzer Hose und Blazerjacke in unzähligen Variationen.

Das elegante Deux-Pièce setzte sich seit den 1950er Jahren weltweit bei gutsituierten, berufstätigen Frauen durch. Foto: © Michael Schoch, Johannes Stieger.

Heutige Politikerinnen haben vielfältige Möglichkeiten, sich durch die gezielte Wahl der Garderobe auf der politischen Bühne zu positionieren, dennoch bleibt es ein Balanceakt. Als Stellvertreterinnen des Volkes sollten sie nicht allzu luxuriös auftreten, gleichzeitig haben sie Repräsentationsfunktionen im Dienst des Landes. Bundesrätinnen müssen sich nur bei wenigen Anlässen, wie bei Staatsempfängen, an Kleidervorschriften halten. Das Geschäftsreglement des Ständerats schreibt lediglich «schickliche Kleidung» vor. Der Nationalrat verzichtet ganz auf Bekleidungsvorschriften.

Titelbild: Ballkleid von Kaiserin Elisabeth «Sisi», um 1865. Foto: rv

Bis 6.2.2022
Robes politiques – Frauen Macht Mode, Textilmuseum, St. Gallen, mehr s. hier
Begleitheft zur Ausstellung

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