FrontKolumnenBundesrat Philipp Etter

Bundesrat Philipp Etter

Seit dem Erscheinen der 768-seitigen Biographie über Philipp Etter (1891-1977), der 25 Jahre lang Bundesrat war, im Volksmund auch als «Etternell» genannt, ist ein heftiger Historikerstreit ausgebrochen. Etter «steht für quasi alle moralischen Fehler, die der Schweiz während und nach dem Krieg angelastet werden, vom Antisemitismus bis zur Flüchtlingspolitik».* Die Historiker Georg Kreis, Jakob Tanner und Jo Lang glauben, das «gültige Bild» über Etter in ihren Büchern festgelegt zu haben. Sie stützten sich auf die damals zugänglichen Quellen. Thomas Zaugg war für seine Dissertation nun aber auch das Privatarchiv Etters zugänglich. Wer sich die Mühe macht, das umfassende Werk zu lesen, erhält einen tiefen Blick in das Denken und Handeln des Magistraten, der während des Zweiten Weltkriegs mit seinen Kollegen um den angemessenen Weg durch die sich möglicherweise anbahnende Katastrophe rang. Die vielen Briefe, Entwürfe und weitere Dokumente erlauben einen tiefen Blick in Etters Denken. Dadurch löst sich das bisher von den Historikern starr gezeichnete Bild auf und erhält zahlreiche neue Konturen.

Was kümmert die breite Öffentlichkeit dieser Gelehrtenstreit, der äusserst heftig ausgefochten wurde und immer noch andauert? Zaugg korrigiert, gestützt auf neue Quellen, das eingefrorene Bild und revidiert frühere Aussagen, was nichts als selbstverständlich ist, wenn ein Geschichtsforscher auf neue Quellen stösst. Noch bis heute ist das Bild der Schlacht am Morgarten nicht definitiv festgelegt und es hat sich seit meiner Kindheit, in der uns der Lehrer die Vorgänge am Ägerisee mit begeisterten Worte darstellte, sehr verändert. In meinen Augen war diese Schlacht so heldenhaft wie sie am Rathaus von Schwyz dargestellt wird.

Man behauptet gerne, aus der Geschichte könne man nichts lernen. Das scheint zutreffend zu sein. Dennoch kann ich dem Verhalten des Bundesrats in der Krise des Zweiten Weltkriegs einige allgemeingültige Dinge abgewinnen, auf die mich das Werk von Thomas Zaugg gebracht hat. Erstens, es ist falsch und historisch nicht der Situation entsprechend, dass Etter quasi massgebend für die Fehler des Bundesrats im Zweiten Weltkrieg schuldig sein soll. Entschieden hat in den wichtigsten Fällen der gesamte Bundesrat. Er trug die Verantwortung. Die Neigung, Fehler zu personalisieren, ist heute modern, und auch Historiker können dieser Neigung unterliegen. Fest steht, wie genauso in der heutigen Krise der Pandemie, dass der Bundesrat immer den Weg suchte und sucht, der das Volk möglichst optimal durch eine Krise führt.

Ein zweiter Punkt: Die gewaltige Bedrohung durch Hitler löste grosse Unsicherheit aus. Sie führte zu einer zögerlichen Haltung des Bundesrats, welche im Volk ein Unbehagen auslöste. Nachträglich gesehen war dieses Zögern, man könnte es auch Lavieren nennen, im Interesse des Volkes und verhinderte eine Besetzung durch die deutsche Soldateska. Dies war im grossen Ganzen gesehen ein Glück für das Schweizer Volk, obwohl die spätere Aufarbeitung durch die Bergierkommission die Ehre der Schweiz stark tangiert und einen Schatten über das Land wirft.

Drittens lehrt mich Zauggs Werk, dass die zögerliche Haltung des Bundesrates kompensiert wurde durch das Auftreten des Generals, der geradestand für die wehrhafte Haltung der Eidgenossenschaft. Die Aufgabe war demnach auf zwei Schultern verteilt. Einerseits auf das Vor- und Nachgeben des Bundesrates und andererseits auf die bestimmte Haltung des Generals. Die beiden Elemente waren wichtig, damit die Schweiz nicht in einen Defaitismus verfiel.

Zögern in schwieriger Situation kann klug sein, wenn zugleich ein fester Anker vorhanden ist. Wir stellen jetzt gerade in der Pandemie fest, dass ein abwägendes Verhalten sich nicht schlecht macht. Der Bundesrat muss für diese Haltung viel Kritik einstecken. In der Pandemie, die die Schweiz recht gut bewältigt, hat sich die zögerliche Haltung gut bewährt. Niemand wird dem viel gescholtenen Bundesrat Alain Berset, der stets in der Wir-Formulierung spricht, abschlagen wollen, der Bundesrat versuche nicht das Beste für die Bevölkerung zu erreichen. Ähnliches gilt für das Verhalten in der Beziehung zur EU. Aus der Geschichte könnte man lernen, dass Zögern manchmal mehr erreicht als das Pochen auf einen festen Standpunkt.

* Tagesanzeiger, Rico Bandle, 25. April 2021

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