FrontKolumnenSahra Wagenknecht und der Liberalismus

Sahra Wagenknecht und der Liberalismus

Immer elegant und auserlesen gekleidet, aber nie übertrieben, farblich immer brillant abgestimmt, aber nie auffällig, immer sorgfältig, dezent geschminkt, was nie nach aussen spürbar wird. Mit der immer gleichen klassischen, aber perfekt sitzenden Frisur, sitzt sie meistens sehr beherrscht aufrecht auf einem Stuhl, wunderbar ausgeleuchtet, in den Studios der deutschsprachigen TV-Sender: Sahra Wagenknecht (51), heute die Grande Dame der deutschen Politik.

Immer ist sie höchst präsent, umfassend zum Thema informiert, eloquent, brillant in der Argumentation, um keine Antwort verlegen. Sie firmiert auf allen Listen der gefragten Leute der deutschsprachigen TV-Talks. Alle wollen sie haben, für alle Sendeverantwortlichen ist sie ein sicherer Wert. Und jetzt erst recht: Sie hat ein neues Buch* geschrieben, das aufhorchen lässt. Ein Buch, in dem sie sich mit den «Selbstgerechten» in der Politik, den Linksliberalen, auseinandersetzt. Denen sie auch einen neuen, eigenständigen Namen verleiht: die Lifestyle-Linken. Für Eckhard Jesse, den Rezensenten der NZZ, würden «die funkelnden Formulierungen die Lektüre des Buches zu einem Genuss machen». Und: «Welcher deutsche Politiker verstünde es, ein solches Buch zu schreiben?» So viel Lob von der Falkenstrasse in Zürich, wo ein ganz besonderer Liberalismus zu Hause ist, seit Erich Guyer, ein konservativer Wirtschaftsliberaler, den Ton in der Redaktion angibt. Ja, da muss was dran sein.

Es ist aber auch harte Arbeit, wenn man Sahra Wagenknecht im Buch auf die Spur kommen will. Aus welcher Haltung heraus hat sie das Buch geschrieben? Zur Erinnerung: 2001 lancierte sie innerhalb ihrer Partei, der «Partei des Demokratischen Sozialismus» PDS, wie damals «Die Linke», die Nachfolgepartei der DDR-SED, hiess, die «Kommunistische Plattform». 2018 gründete sie die Bewegung «Aufbruch», erfolglos: von ihr ist nicht mehr die Rede.

Sie verzichtete nach einem Burnout auf das Fraktionspräsidium der Linken, kandidiert jetzt aber wieder bei der «Linken» für den Bundestag, obwohl sie in der Partei zur Aussenseiterin geworden und deshalb zunehmend isoliert ist. Ist sie zur Opportunistin mutiert, die keine Heimat mehr in der deutschen Parteienlandschaft findet? Verständlicher wird ihre Rolle, wenn man sich um die Definitionen bemüht, die sie für Linksliberale findet. Früher hätten linke Parteien, ob Sozialdemokraten, Sozialisten oder auch Kommunisten in den westeuropäischen Ländern, nicht die Eliten, sondern die Unterprivilegierten vertreten. Ihr Ziel sei gewesen, deren Lebensumstände zu verbessern. Ihre Aktivisten seien damals überwiegend aus dem gleichen Milieu hervorgegangen. Damals seien die Linksliberalen noch echte Linksliberale gewesen. Sie seien sozial und gesellschaftskritisch gewesen. Sie erinnert an die FDP-Politiker, die sich um Karl Hermann Flach sammelten, der 1971 das Freiburger Programm der FDP formuliert hatte und die sich damit um eine Koalition mit dem Sozialdemokraten Willy Brandt beworben hatten. Und dann auch eingingen zur Sozialliberalen Koalition.

Die heutigen Linksliberalen, nach Wagenknecht Lifestyle-Linke genannt, kämen eben selbst aus linksliberalen Kreisen, aus gutsituierten Familien. Sie verachteten die Unterprivilegierten, seien sich selbst gut genug und würden sich nicht um die prekären Lebensumstände kümmern, in denen viele Menschen heute leben müssten. Im Gegenteil. Sie bildeten eine eigene Community, die sich gar abschotten würde. Sie überliessen die Menschen den Verführungen der Rechten, der AfD in Deutschland, der PiS in Polen um Kaczynski, der Fidesz in Ungarn um Orban, die nicht zuletzt den Unterprivilegierten Zugeständnisse machten, um sie für sich zu gewinnen.

Selbst die jungen Menschen um «Fridays for Future», die für eine lebenswerte Zukunft kämpfen und die von der Politik eine radikale Umweltpolitik fordern, sind Sahra Wagenknecht suspekt. Sie kämen fast ausschliesslich aus den gehobenen Klassen, es seien kaum Lehrlinge, junge Menschen aus prekären Verhältnissen darunter. Wagenknecht fordert ein neues, erneuertes Gemeinschaftsgefühl: Ohne Wir-Gefühl und ohne eine gemeinsame Identität würden Demokratie und Sozialstaat ihr wichtigstes Fundament verlieren. Sie glaubt auch an den Nationalstaat, was ihr bei den Freunden in ihrer Partei arge Kopfschmerzen verursacht. «Wie weit ist Wagenknecht nach rechts gerutscht?», fragen sie sich und wenden sich von ihr ab. Ja, sie ist wertkonservativer, liberaler geworden, aber wirtschaftspolitisch ganz links geblieben. So passt sie eigentlich in keine bestehende Partei mehr, bleiben will sie dennoch. Sie erinnert mich an Gottlieb Duttweiler, der sich nie einordnen liess, dennoch eine eigene Partei gründete, die aber nie zu einer echten Partei geworden ist. Wie würde er heute über Sahra Wagenknecht denken?

Einen Trost hat Wagenknecht am Schluss ihres Buches dennoch parat. Sie schreibt: «Wenn auch die linksliberalen Akademiker einsehen werden, dass sie kein Recht haben, ihren Lebensentwurf zum Massstab progressiven Lebens zu machen und auf die herabzuschauen, die andere Werte verfolgen und eine andere Sicht auf die Welt haben, wäre viel gewonnen.» Fürwahr. Es bleibt mir nur noch anzumerken: Das gilt nicht nur für linksliberale Akademiker, eigentlich für uns alle.

*Sahra Wagenknecht «Die Selbstgerechten / Mein Gegenprogramm – für mehr  Gemeinsinn und Zusammenhalt», erschienen Verlag Campus

5 Kommentare

  1. Es ist nur zu hoffen, dass diese Stasi-Altkommunisten endlich aus dem Bundestag fliegen. Leider sind die Altstasis in der exDDR noch nicht alle ausgestorben und trauern ihrer sozialistischen Diktatur immer noch nach. Die sind kein Deut besser als die Altnazis! Dass ältere Herren dem Charme der adrett-eloquenten Wagenknecht erliegen, ist verständlich. Da ist ja Lafontaine nicht der erste… Glaubwürdig sind diese Salon-Sozialisten mit drei Wohnsitzen mit einem Keller voller teurer Bordeaux Weine null! Wasser und Umverteilung predigen und selber überzahlte Staatsrenten beziehen und teuren Wein saufen… opportunistisches «Pack» ist das… die dann auch noch die Chuzpe haben mit gestrecktem Finger auf die noch paar übriggebliebenen Liberalen zu zeigen, die den heutigen Wohlstand erschaffen haben.

  2. Zu den Formulierungen von Herrn Herren:
    Wer ist da Wem auf den Schwanz getreten? Ertönt da Frust- und Neidgebell, weil jemand seine Gedanken klar und druckreif formulieren kann und zudem noch eine Frau ist, die sich nicht verstecken will?
    Mich beeindruckt Sahra Wagenknecht, weil ich sie in Diskussionssendungen am TV als gute Zuhörerin erlebe, die bei ihrer Argumentation sachlich und gegenüber den andern Teilnehmer*innen respektvoll bleibt.
    Nachahmenswert!

    • Ganz Ihrer Meinung ! Eine durch und durch intelligente Frau und : Sie hat auch das Herz „auf dem rechten Fleck“! Ja, das kann auch Neid erwecken. Leider.

  3. Schön, dass das neue Buch von Sahra Wagenknecht im Seniorweb vorgestellt wird. Ich habe zwar erst ihr Buch «Freiheit statt Kapitalismus» aus dem Jahre 2012 gelesen. Doch nach allem, was ich von ihr gehört, gesehen und gelesen habe, ist sie eine der klügsten, ehrlichsten und zudem selbstkritischen Autor*innen zum Thema Wirtschaft, Finanzwirtschaft und jetzt auch Parteienpolitik. Nach meiner Meinung ersetzen ihre Bücher die verlogenen Jahresberichte der Banken und die gekauften Artikel, die sich gelegentlich in die Zeitungen einschleichen und uns weismachen wollen, wie wunderbar der Kapitalismus doch sei – dessen Ende wir doch am Horizont zu sehen vermögen, wenn wir nur ehrlich hinschauen. Ich empfehle deshalb die Auseinandersetzung mit dieser Autorin von ganzem Herzen.

  4. Mich beeindruckt Sahra Wagenknecht, ja das tut Sie. Frage an alle…haben diese alten Parteien-Gebilde nicht ausgedient !? Mal ehrlich…die heutige Welt sprengt doch jeden Rahmen der heutigen Demokratien.
    Ein Covid – Virus, Klimasituation geht über alle Grenzen hinweg…also sollten wir anders uns organisieren und einbringen…es geht um den Planet Erde, der uns alle gratis und franko versorgt.
    Wir machen auf …Kleinkrieg untereinander, ohne je die Metaebene je anzugehen und zu verstehen, um was es wirklich geht. Jeder Mensch kommt nackt auf die Welt und geht wieder nackt von dieser Welt!

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