FrontLebensartUff, ich habe die Velofahrerin von links übersehen

Uff, ich habe die Velofahrerin von links übersehen

Machen wir uns nichts vor: Der Strassenverkehr beweist, dass wir älter werden. Sollen wir das Billett abgeben? Der Fahrsicherheits-Check der BFU zeigt unsere Defizite. Allerdings: Der Test liefert nur Infos und präsentiert niemandem die rote Karte. Ein Selbsttest.

Erinnern wir uns an die Fahrpüfung. Die Lernstunden waren schweineteuer. Als wir in den Sechzigern und Siebzigern die Prüfung bestanden, fühlten wir uns aufgenommen im exklusiven Club der Herren und Damen Fahrkünstler. Der Schreibende outet sich. Er brauchte zwei Anläufe, um den gestrengen Experten zu überzeugen. Wenig später wackelte er mit dem Occasions-Döschwo (800 Franken) um die Kurven.

Und jetzt, mehr als eine halbes Jahrhundert später? Soll ich mich vom Lenkrad verabschieden? Machen wir uns nichts vor: Die Sehstärke und die Reaktionsfähigkeit haben abgenommen. Doch, und  jetzt folgt Outing Nummer zwei: Ich fahre gerne Auto. Die Trennung von der zwar verteufelten, aber dennoch heissgeliebten Blechkarosse würde weh tun.

Erleichterte Abnabelung

Immerhin gibt es ein Instrument, das auf die Abnabelung vorbereitet, indem es die Zweifel (hoffentlich) beseitigt. Oder dann halt (leider) verstärkt. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) hat vor mehr als zwei Jahren einen Selbsttest ins Netz gestellt. Der Fahrsicherheits-Check hat monatlich etwa 30’000 Seitenaufrufe. Etwa die Hälfte davon stammen von Seniorinnen und Senioren. Die Teilnehmer bleiben anonym.

Zu schnell, zu grell: Scheinwerferlicht irritiert uns Senioren mehr als einst.

Der Test ist in sechs Abschnitte unterteilt, vom „Sehvermögen“ über „Fitness“ zu „Medikamente und Alkohol“. Insgesamt sind 30 Fragen zu beantworten. Ein Bespiel: „Empfinden Sie es als stressig, nachts zu fahren?“. Ich muss mich für vier Antworten entscheiden. Fühle ich mich „überhaupt nicht“ oder „nicht besonders“ unter Druck, färbt sich der Button grün. Muss ich eingestehen, dass ich nachts „etwas“ oder gar „sehr“ gestresst bin, warnt er mit roter Farbe.

Mal grün, mal rot

Ob mich der Check mit grün lobt oder mit rot kritisiert: Der  Test bietet mir auf jeden Fall Hintergrundinformationen. Bei unserem Beispiel erläutert er, wie ich Stress vermeiden oder besser mit ihm umgehen kann.

30 Fragen also gesamthaft. Meine Resultate: 26 Mal entschied ich mich, dass meine Fahrkünste „überhaupt nicht“ oder „nicht besonders“ eingeschränkt seien. Der Test belohnte dies mit grünen Buttons. Bei 4 Fragen räumte ich ein, dass mein Verkehrsverhalten „etwas“ oder gar „sehr“ beeinträchtigt sei. Ich erntete dafür eine rote Schaltfläche.

Der Test setzt keine Stoppschilder

Jetzt bekenne ich mich zu meinem dritten Outing. Auf die entsprechende Frage antwortete ich, dass ich auch mal mit Alkohol an Steuer sitze. Bitte schön: selten und innerhalb der Promillegrenzen. Die BFU empfiehlt: „Achten Sie auf Ihren Alkoholkonsum.“ Ja, ja, schon gut. Haben mir andere auch schon gesagt. Mehr fährt mir die Warnung ein, dass Alkohol im Alter stärker wirkt und damit meine Fahrfähigkeit über Gebühr strapaziert.

Miese Strassenverhältnisse: So was hat uns doch früher viel weniger belastet.

Alle diese Tipps sind gewiss sinnreich. Aber sie bleiben Empfehlungen und damit im Weichspühl-Modus. Der Test bewertet nicht, setzt den Gefährdern und Gefährdeten, nämlich uns,  keine Stoppschilder. Wir fragen BFU-Mitarbeiter Marc Kipfer: Warum reagiert der Check bloss mit unverbindlichen Empfehlungen und zeigt nicht die rote Karte, wenn ein Limit überschritten wird? Seine Antwort: Die wissenschaftlichen Meinungen würden auseinandergehen. „Uns sind nur vereinzelte solche Selbstbeurteilungs-Instrumente bekannt, die tatsächlich eine individuelle Empfehlung abgeben.“

Weisse Ritter, schwarze Schafe

Ich nähere mich dem  Outing Nummer vier.  Beim Durchlesen meiner Antworten habe ich gemerkt, dass ich meine Defizite manchmal ein bisschen heruntergeschummelt habe. Nicht prinzipiell, aber im Zweifelsfall sehe ich mich gerne etwas zu positiv. Kipfer räumt ein, dass es bei Selbstauskünften solche Verzerrungen gebe. Tut gut: Ich bin also nicht der einzige, der sich in einem zu hellen Licht sieht.

Auszug aus dem Fahrsicherheits-Check der BFU des Schreibenden. Er kommt nicht ungeschoren davon. Bilder: BFU, Screenshots, zvg

Zum Schluss frage ich den Fachmann, welche Leute sich für den BFU-Test an den Compi setzen? Sind es nur die weissen Ritter, die mutig mehr über ihre Fahrdefizite erfahren möchten?  Oder hat es auch sture schwarze Schafe, die gar nicht wissen wollen, was ihnen fehlt? Kipfer: „Bei freiwilligen Angeboten nehmen generell diejenigen eher teil, die über ein gewisses Sicherheitsbewusstsein verfügen.“

Wir schliessen etwas resigniert ab: Gefahrenmuffel verlassen sich lieber auf ihre abbröckelnden Fahrkünste, als dass sie in einem Test vor sich selber die Hosen herunterlassen.

Nun sind Sie dran, wenn Sie wollen: Hier geht es zum bfu-Fahrsicherheitscheck

2 Kommentare

  1. Lieber Peter Steiger

    Noch zwei Jahre älter als du, habe ich meinen Führerschein mit 75 abgegeben, als kleinen persönlichen Beitrag an die allgemeine Verkehrssicherheit.
    Bei allen Möglichkeiten plädiere ich für Abgabe mit Alter 75 und ernte dabei stets ungläubiges Kopfschütteln, Gelächter, aber vor allem die klare Ansage: «Ich weiss selbst, wenn es Zeit ist, mit Autofahren aufzuhören!». Und natürlich haben die alle ihre Gründe für ein Weiterfahren: Freie Fahrt für freie Bürger, schlechte OeV-Verbindungen, ungünstige Wohnlage, Einkaufen sonst unmöglich, Verwandtenbesuche usw.
    Vielleicht hilft ja dein Hinweis auf den bfu-Test, der unsere Altersgenossen und sogar etwas Jüngere dazu führen könnte, ihre Fahrtüchtigkeit kritisch zu überprüfen und das «Billett» lieber früher als später abzugeben.
    Danke für deinen wertvollen Hinweis und
    herzliche Grüsse
    Werner Hübscher

  2. Lieber Werner Huebscher
    vielen dank fuer deine bedenkenswerten zeilen. Ich kann dazu eigentlich nicht mehr sagen, als dass Verzicht halt weh tut. Jeder hat seine entschuldigungen. ich auch, ergaenzt durch den rollstuhl meiner partnerin.
    herzliche gruesse

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