StartseiteMagazinLebensartDiskurs über Elternschafts-Modelle

Diskurs über Elternschafts-Modelle

In ihrem Dokumentarfilm «Menschenskind!» stellt sich Marina Belobrovaja als Solo-Mutter persönlich infrage und diskutiert mit Menschen in ähnlicher Situation – was unter die Haut geht und zum Denken anregt. – Ab 27. Mai im Kino

Ist Elternschaft die einzig logische Fortsetzung eines jeden Lebens? Hat das traditionelle Konzept der Kleinfamilie ausgedient? Die Filmemacherin Marina Belobrovaja hat als Solomutter einen Weg gewählt, über den viele Frauen in einer vergleichbaren Situation nachdenken, ihn aber doch nicht gehen. In «Menschenskind!» setzt sie sich, ausgehend von der Zeugungsgeschichte ihrer Tochter mit Hilfe eines Samenspenders, mit den bestehenden gesellschaftlichen Vorstellungen, Rollenmustern und Konventionen rund um Elternschaft und Familie auseinander.

Marina und Tochter mit Vater, Mutter und Grossmutter in Israel

Annäherung an schwierige Beziehungen

Marina, die Mutter von Nelly und Schöpferin des Films «Menschenskind! Ich mach’s allein», befragt sich als Frau, die von Noë den Samen für die Zeugung ihrer Tochter erhalten hat. Die Künstlerin macht das nicht privat, sondern öffentlich; denn die mit diesem Thema gestellten Fragen spielen heute, und morgen wohl noch vermehrt, eine Rolle in unserer Gesellschaft. Für deren Aufarbeitung suchte die Filmemacherin Frauen und Männer, die ähnliche Situationen erleben oder erlebt haben und bereit sind, darüber zu sprechen und sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Da ist Anne, selbst ein von einem Unbekannten erzeugtes Kind, heute Psychologin und Mitglied des Vereins Spenderkinder. Weiter Sven, ebenfalls ein unaufgeklärtes Spenderkind, wird schliesslich Vater der Tochter Mathilde, welche das lesbische Paar Cat und Dani als Eltern hat. Anders steht es in der Partnerschaft der künstlerisch engagierten Sandra und Anton, sie will kein Kind, er möchte eins, bis er schliesslich, durch sie vermittelt, mit ihren zwei Freundinnen Anna und Nika Vater einer Frieda wird, ohne seine erste Beziehung aufzugeben. Und zum Schluss Madeleine, die unaufgeklärt mit einem Mann und zwei Kindern die konventionelle Familienform als Ideal gelebt hat, aber erst im Alter als Single glücklich wird.

Den Diskurs mit den Frauen und Männern zeichnet ein aussergewöhnlich hohes Mass an Empathie und Kompetenz aus. Primär betrifft er psychologisch und zwischenmenschlich die Individuen, sekundär aber auch politische und religiöse Aspekte der Gesellschaft. Marina Belobrovaja überzeugt im ganzen Film mit ihrer Offenheit anderen Meinungen gegenüber und ihrem Mut, sich von ihren Gesprächspartner*innen infrage stellen zu lassen und dennoch authentisch zu bleiben. Die Kamera, der Schnitt und die Musik bieten Gelegenheiten, die inhaltlich zum Teil schweren Aussagen verarbeiten zu lassen. Ein Film, dessen Fragen und Antworten zu weiterführenden Auseinandersetzungen animieren.

Für Marina eine Standortbestimmung

Anmerkung der Regisseurin Marina Belobrovaja

Meine Geschichte ist keineswegs einzigartig. Im Gegenteil, ich habe einfach das durchgezogen, worüber viele in vergleichbarer Situation nachdenken, es aber nicht tun, beispielsweise aus Angst, ihren Kindern kein angemessenes Leben bieten zu können oder aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen zu werden. Doch wenn kinderlose Paare heute immer öfter Hilfe der Samenbanken beanspruchen – deren Zugänglichkeit lesbischen Familien allerdings nach wie vor verwehrt bleibt –, wenn sich immer mehr Familien mit zwei Müttern oder Vätern zu ihrer Lebensform bekennen und die Leihmutterschaft zwar noch nicht. Denn unabhängig davon, welchen Lebensentwurf jede*r von uns für sich beansprucht, sind sie alle Teil einer vielfältigen Wirklichkeit und sollen daher offen und legal gelebt werden können. Dass meine und unsere Geschichte nicht veränderbar ist, ist eine Tatsache. Nicht zuletzt deswegen besteht das Anliegen dieses Films in einer aufmerksamen Reflexion der vielen Fragen und Widersprüche, die sich sowohl in Hinblick auf meine Entscheidung, auf diese Weise Mutter zu werden, als auch im Zusammenhang mit dem Entschluss, unsere Geschichte filmisch zu verarbeiten, stellen.

Wenn ich mich heute frage, was meine Tochter in absehbarer Zukunft von ihrer Herkunft, aber auch von diesem Film halten wird, kann ich das nur so weit beantworten, dass ich als Mutter dem Alter und der Reife meiner Tochter entsprechend offen mit unserer Familiengeschichte umgehe und dass ich als Filmemacherin diesen Film nicht zuletzt auch deswegen machen musste, um meiner Verantwortung ihr gegenüber gerecht zu werden.


Mutter und Tochter unterwegs

Auszug aus einem Interview von Jean Perret mit Regisseurin Marina Belobrovaja

Sie haben sich entschieden, ein Kind zu bekommen und gleichzeitig einen Film darüber zu machen: Brauchten diese beiden Projekte einander, um zu Ende geführt zu werden?

Nun ja, während das eine Projekt nach fünf Jahren abgeschlossen ist, werde ich mich mit dem anderen wohl das ganze restliche Leben beschäftigen! (lacht) In meiner Arbeit als Künstlerin und Filmemacherin gehe ich stets von einer persönlichen Involviertheit aus. Als Mutter wiederum bin nicht darauf angewiesen, einen künstlerischen Ausdruck für meine Elternschaft zu finden. Nichtsdestotrotz hat mir das Filmprojekt erlaubt, meinen Weg zur Mutterschaft nicht nur als eine persönliche Situation, sondern als ein gesellschaftliches Anliegen zu begreifen. Und diese gesellschaftspolitische Dimension hat in der Tat Auswirkungen darauf, mit welchem Selbstverständnis unsere Familie ihren Alltag lebt.

Sie sind die Hauptfigur im Film, allein mit ihrer Tochter und in Interaktion mit mehreren Personen: Wieso haben Sie sich für diese Konstellation entschieden und beziehen auch Ihre Familie in Israel immer wieder mit ein?

Es war mir ein Anliegen, von der eigenen Situation ausgehend andere Lebens-Elternschaftsmodelle zu befragen. Die Geschichten der Protagonist*innen im Film unterscheiden sich also ganz bewusst von meiner Situation ebenso wie voneinander. Im Verlauf der Arbeit habe ich allerdings feststellen müssen, dass mich unsere Differenzen deutlich weniger irritierten als die Empathie und die Identifikation mit der jeweils anderen Situation, die sich mit der zunehmenden Auseinandersetzung einstellten: Ihre Zweifel wurden zu meinen eigenen Zweifeln. Die polemische Haltung, die zu Anfang notwendig war, um diesen Weg als Mutter und als Filmemacherin zu beginnen, wurde uneindeutiger, komplexer. Aus heutiger Sicht hat diese Verunsicherung wesentlich zur Umsetzung des Films beigetragen. Was das Einbeziehen meiner Eltern betrifft, so war das eine logische Konsequenz unseres sich über Tausende von Kilometern erstreckenden und doch so nahen und selbstverständlichen Familienalltags: Ohne ihre Unterstützung hätte ich weder für die Mutterschaft noch für diesen Film den nötigen Mut und die Ausdauer.

Inwieweit haben Sie die Zuschauer*innen berücksichtigt, damit sie der Geschichte von «Menschenskind!» über Ihre Person hinaus folgen können?

Im Grunde sind alle Menschen von diesem Thema so sehr betroffen wie von keinem anderen: Wir alle sind irgendwann im Leben mit der Frage konfrontiert, ob und auf welche Art und Weise wir uns reproduzieren können und wollen. Meine Geschichte steht dabei lediglich exemplarisch für eine der unzähligen Möglichkeiten, mit dieser so grundlegenden wie komplexen Frage umzugehen.

Interview von Jean Perret mit der Regisseurin und Hauptdarstellerin Marina Belobrovaja

Titelbild: Marina Belobrovaja mit Tochter Nelly

Regie: Marina Belobrovaja, Produktion: 2020, Länge: 82 min., Verleih: Filmbüro

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