FrontGesellschaftZum Israel-Palästina-Krieg 2021

Zum Israel-Palästina-Krieg 2021

Der auffällig kurze Israel-Palästina-Krieg vom 10. bis 21. Mai 2021 fordert bei mir einige zusammenfassende Überlegungen und ein paar subjektive und vorläufige Anmerkungen heraus.

Mein Text ist nicht bis ins letzte Detail abgesichert, kann vielleicht gerade deshalb Kommentare provozieren, die mich freuen würden. Endgültige und objektive Aussagen gibt es zu keinem der Kriege im sogenannten Heiligen Land; versuchen wir es mit subjektiven und vorläufigen. Meine Anmerkungen beruhen auf Informationen hiesiger Medien, Mails und Videos aus dem Land, Begegnungen mit Palästinenser*innen und Israelin*en, auf der Lektüre von über hundert Büchern zum Thema Palästina/Israel und sechs längeren Reisen durch die beiden Länder vor einigen Jahren. – Ich verbitte mir, das vor Kurzem in Israel/Palästina Geschehene als «Konflikt» zu bezeichnen, wie es gelegentlich gemacht wird; für mich war es ein «Krieg».

Warum gerade jetzt ein Krieg?

Seit einigen Wochen steckt Benjamin Netanyahu, wie schon oft, in einem Clinch. Erstens geht es nur schleppend voran mit der Regierungsbildung nach den vierten Wahlen innerhalb zweier Jahre. Auch diesmal gibt es keinen klaren Sieger, weshalb für die künftige Zusammensetzung des Kabinetts verschiedene Kleinparteien sich mit den widersprüchlichsten Programmen um eine Zusammenarbeit mit Netanyahus Likud streiten. Doch ein solcher Zustand passt einem Machtmenschen wie Netanjahu nicht. Ich erlaube mir, gestützt auf einen arte-Film, in dem auch die zum Teil gemeinsame Sozialisation von Netanyahu und Donald Trump analysiert wird, ihn so zu bezeichnen. – Aus diesem Grund, scheint mir, muss Netanyahu wohl etwas unternehmen.

Zweitens stehen Benjamin und Sara Netanyahu weiterhin in einer heissen Phase von Abklärungen ihrer kriminellen, staatschädigenden Handlungen; es gilt die Unschuldsvermutung. Der Noch-Ministerpräsident pendelt also zwischen Verhören beim Gericht und Regieren in der Knesset. Ein Zustand, der einem Politiker, der nichts anderes als seine Macht sichern will, kaum passen dürfte. – Auch deshalb muss wohl etwas geschehen, was ihn in der israelischen und der Welt-Öffentlichkeit in einem anderen Zustand zeigt.

Ein dritter, wenig bekannter Grund kommt hinzu: Netanyahu gilt als «Impf-Weltmeister». Auf der Website der Gesellschaft Schweiz-Palästina entdeckte ich den Film «Impf-Weltmeister in Gefahr: Mutationen aus Palästina?», der diese Behauptung mit Argumenten widerlegt. Verkürzt: Den 60 Prozent geimpfter Israeli stehen 97 Prozent ungeimpfter Palästinenser gegenüber. Die Tagesgastarbeiter werden zum Schutz der jüdischen Bevölkerung geimpft, doch gibt es eine beträchtliche Zahl palästinensischer Arbeiter in Israel, die illegal pendeln, von denen viele ungeimpft bleiben und Corona verbreiten können. Dabei hat, laut Menschenrecht, der Besatzer die die Pflicht, auch die Besetzten zu schützen.

(c) tagesspiegel.de

Wo sind die ersten Kriegsbilder geblieben?

Bei jedem Krieg stellt sich die Frage: Wer hat angegriffen? Wer verteidigt? Wo sind die Ursachen? Was die Folgen? Zu solchen Grundsatzfragen im Kleinen wie im Grossen hat der Philosoph und Psychotherapeut Paul Watzlawick mit seinem Standardwerk «Menschliche Kommunikation» seit 1967 weltweit die Diskussion beeinflusst. Er hat empirisch und theoretisch belegt, was heute als selbstverständlich gilt: Entscheidend sind bei solchen Abläufen die Reihenfolge und die Sequenzierung der Handlungen. Jetzt gilt es, die Sequenzierung der Aktionen des Mai-Krieges anzusehen.

Die Berichterstattungen über die zehn Kriegstage, mit Ausnahme des ersten Tages, beginnen stets mit den Bildern der Hamas-Raketen, was die Hamas zu den Angreifern macht, und die Israeli zu den Verteidigern. Die Bilder der Erstürmung der Al-Axa-Moschee sind ab dem zweiten Tag aus der Berichterstattung verschwunden, also auch aus der Öffentlichkeit und damit der Argumentation. Dazu drängt sich mir der Verdacht auf, dass dies nicht zufällig geschehen ist, sondern dass es ein Werk des Mossad, des weltweit agierenden Geheimdienstes war. Es ist ein Verdacht, kein Beweis. – Doch eine solche Sequenzierung der Kriegshandlungen beeinflusst die Beurteilung in den Medien.

(c) zeit.de

Kriegsheld und Friedensstifter

Benjamin Netanyahu könnte mit diesem Krieg seinem Ziel, Israel auch in Zukunft zu regieren, näher kommen. Denn damit präsentiert er sich den Israeli und der Weltöffentlichkeit als der starke Kriegsheld, als potenzieller Kriegspräsident, und als der menschliche Friedensstifter, als potenzieller Friedenspräsident. Ob das neue Netanyahu-Bild in den nächsten Wochen die Koalitionsverhandlungen beeinflusst?

Die Staatsanwältin wirft Netanyahu vor, «seine grosse Macht zu persönlichen Zwecken missbraucht und zentralen Medien des Landes Vergünstigungen gewährt zu haben, unter anderem mit dem Ziel, wiedergewählt zu werden.» Doch wer wird nach dem Krieg sich noch solcher «Kleinigkeiten» erinnern? Und zu befürchten ist, dass die Justiz die neuen Wahrnehmungen der Öffentlichkeit in ihr Urteil einfliessen lässt. So kann letztlich das neue Israel/Palästina, den Plänen Netanyahus folgend, dem alten gleichen. Er war seit 2009 Ministerpräsident und wird es wohl weiter bleiben.

Zerstörte Häuser und Infrastrukturen, neue Corona-Opfer, Verwundete und Tote, gelten als Kollateralschäden auf dem Weg zur Machterhaltung. Das Rad der Zeit dreht weiter, die Ausweglosigkeit aus der verfahrenen Situation bleibt, ohne dass nur das allerkleinste Problem gelöst ist. Es ist ja kein Friede, bloss ein Waffenstillstand: Die Siedler siedeln weiter und beherrschen das Land; die Hamas und die Fatah bekämpfen sich weiter gegenseitig unter Israels Regime – und die Welt schaut, wie vor dem Krieg, wieder weg.

(c) sueddeutsche.de

Vom militärischen Bereitschafts- zum Handlungsmodus

Versetzen wir uns mal in die Rolle der Soldat*innen, die in Israel 24 respektive 30 Monate Militärdienst leisten, oder in die Rolle der Berufsmilitärs, die ihr Leben im militärischen Bereitschaftsmodus leben. Ich denke, jeder Soldat, jeder Offizier, jeder General – und dies auf der ganzen Welt – erlebt sich erst realiter als Soldat*in, Offizier*in oder General, wenn er oder sie im Krieg endlich das anwenden kann, was während Monaten und Jahren gelernt und eingeübt wurde. Jeder Eintritt in einen Krieg erlöst die Akteure aus dem Bereitschaftsmodus und versetzt sie für den Handlungsmodus, legitimiert ihr Töten, im Angriff und in der Verteidigung.

Mehr noch als in andern Ländern besitzt das Offizier-Sein in Israel ein sehr hohes Prestige und bietet Vorteile für das Privatleben in der Zeit nach dem Dienst. Und da der Kleinstaat Israel sich als Besitzer einer der besten Armeen der Welt rühmen kann, bietet die Armee dem Staat seine Dienste wohl noch so gerne an. – Alles zusammen, was hier abgehandelt wurde, ermöglicht Netanyahu mit dem Krieg von 2021 weiterhin seine persönlichen, egoistischen Machtgelüste auszuleben.

Dieser Text wurde am 31. Mai geschrieben, könnte durch die aktuellen Ereignisse in Israel eventuell zum Teil überholt sein.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel