FrontKolumnenGegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

Was der Nationalsozialismus angerichtet hat, darf nicht in Vergessenheit geraten. Eine breit abgestützte Allianz aus allen Parteien fordert den Bundesrat auf, dafür einen offiziellen Gedenkort zu schaffen. Am 8. Juni kommt die Motion in den Ständerat und wird hoffentlich angenommen.

«Auch künftige Generationen müssen wissen, was damals geschah, und ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie fragil Demokratie und Rechtsstaat sind und wozu Rassismus und Diskriminierung führen können» begründen die beiden Initianten Daniel Jositsch (Ständerat ZH) und Alfred Heer (Nationalrat ZH) ihr Anliegen.

Wenngleich der Nationalsozialismus und die Katastrophe, die er in Europa angerichtet hat, in erster Linie ein Phänomen der deutschen Geschichte ist, war die Schweiz doch auch in mehrfacher Beziehung davon betroffen:

  • Unter den Millionen von Opfern des Naziterrors befanden sich rund tausend Schweizerinnen und Schweizer, von welchen fast die Hälfte den Holocaust nicht überlebt haben.
  • Viele der Verfolgten, die in der neutralen Schweiz hätten Zuflucht finden können, wurden von den Behörden abgewiesen und damit ihren Verfolgern ausgeliefert.
  • Nachrichten über den Genozid an Juden wurden schon in den Kriegsjahren bekannt. Doch es erhoben sich nur wenige Stimmen gegen diesen Völkermord – und die wenigen, die es gab, wurden oft nicht gehört oder die Berichte als Gräuelmärchen abgetan.

Das Schweizer Mahnmal soll im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus an all das erinnern.

Es ist nicht das erste Mal, dass dieses Anliegen ins Parlament getragen wird. Schon vor mehr als 25 Jahren hat der ehemalige SP-Nationalrat Andreas Gross leider vergeblich verlangt, dass der Bund offiziell mit einer Gedenkstätte an die Zurückweisung von jüdischen Flüchtlingen in den Jahren des Zweiten Weltkriegs erinnert. Für Aufsehen sorgte auch die Skulptur «Shoah», die der Solothurner Künstler Schang Hutter 1998 anlässlich der Feierlichkeiten zum 200. Jahrestag der Helvetischen Revolution vor das Parlamentsgebäude in Bern stellen liess.

Ein Schweizer Gedenkort soll uns bewusst machen, dass auch die Schweiz vor Antisemitismus nicht gefeit war und es auch heute nicht ist. Vor allem in den sozialen Medien flackert dieser Ungeist immer wieder auf, was die Dringlichkeit der Aufklärung und der Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Kapitel der Schweizer Geschichte zusätzlich unterstreicht.

Dabei sollten wir uns auch an all die Schweizerinnen und Schweizer erinnern, die sich in jenen äusserst schwierigen Zeiten für Flüchtlinge eingesetzt und ihnen Hilfe geboten haben. Das Beispiel der „Flüchtlingsmutter“ Gertrud Kurz und vieler anderer bekannten und unbekannten Fluchthelfenden speziell in den Grenzregionen der Schweiz soll uns Heutige zur Solidarität und Zivilcourage zugunsten von Verfolgten und Vertriebenen unserer Tage aufrufen.

Daher unterstützt die VASOS die Bestrebungen zur Schaffung eines offiziellen Schweizer Gedenkorts für die Opfer des Nationalsozialismus.


Bea Heim, Präsidentin der VASOS, der Vereinigung aktiver Seniorinnen- und Seniorenorganisationen

1 Kommentar

  1. Zu diesem Thema findet am Sonntag, 20. Juni, eine sehr empfehlenswerte Veranstaltung statt:
    ENDE DER ERINNERUNG? Dokumentarfilm von Peter Scheiner
    Am Weltflüchtlingstag wird Lukas Bärfuss anschliessend an die Filmpräsentation sprechen.

    20. Juni 2021 im Kino Kosmos Zürich 20:00 Uhr Ticketreservation: http://www.kosmos.ch/veranstaltungen

    Protagonisten sind Holocaustüberlebende, die in der Schweiz vor den Nazis Schutz suchten und solche, die später aus Osteuropa kamen, als Flüchtlinge 1956 (Ungarn) und ab 1968 (Tschechoslowakei). Im Film erzählen sie, wie es ihnen in der Schweiz ergangen ist und manches erinnert auch an heutige Situationen. In den 1940er-Jahren wurden jüdische Flüchtlinge aufgenommen, aber unter der Bedingung, dass sie, sobald wie möglich, das Land wieder verlassen würden. Jugendlichen wurde zudem verwehrt, einen Beruf zu erlernen. Dies um nur zwei Schikanen zu nennen.
    Die Veranstaltung wird im Kino (Kosmos) und online stattfinden.

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