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Realitätsverweigerung

Der Mensch ist im Unterschied zum Tier das Wesen, das gewisse Realitäten verleugnen kann, ohne dass er dafür bestraft wird. Pflanzen und Tiere hingegen sind dem Realismus unterworfen. Sie können den Bedingungen, die die Natur vorgibt, nicht ausweichen. Wenn es sehr trocken wird, sterben die Pflanzen ab. Haben die Tiere kein Futter, sind sie verloren und verenden. Der Mensch ist der Realität verpflichtet und von ihr abhängig. Aber er kann im Unterschied zu den Tieren ein nötiges Handeln aufschieben. Er kann gewisse unliebsame Realitäten in Distanz halten. In der Lücke des Aufschubs kann er die Realität verschleiern. Er dispensiert sich davor, ihr ins Gesicht zu schauen, und macht sich eigene Gedanken, Überlegungen und Theorien über die Wirklichkeit von Tatsachen. Er ist also fähig, die Natur und das, was sie fordert, für eine gewisse Zeit zu verdrängen, zu verleugnen, sogar den eigenen Tod während des Lebens lange auszuklammern.

In dieser Lücke hat die Phantastik ihren offenen Spielplatz. Der Mensch muss sich nicht unbedingt an die Tatsachen halten. Er kann eigene schaffen. In dieser Lücke entstehen Aberglaube, Verschwörungstheorien, aber auch Kultur, Wissenschaft und vieles andere mehr. Die Lücke erlaubt es ihm, eigensinnig zu leben. Er kann sich in ihr mit allerlei schönen Dingen und Wünschen einrichten. Die Zivilisation ist das gewaltige Produkt der Lücke. Sie schafft eine besondere Abhängigkeit.

Wie sich nun aber zeigt, muss der Mensch die Rahmenbedingungen der Realität trotz all seines Denkens anerkennen. Er kann sie nicht einfach durch Wünsche und Abschweifungen missachten, denn die Realität ist die Rahmenbedingung seiner Existenz. Daran gemahnen uns mit einer seltenen Dringlichkeit und Dramatik sowohl die Pandemie als auch die mächtigen Unwetter.

Nach dem Hochwasser erwachten die betroffenen Menschen aus der Schockstarre und überlegten sich, ob nicht vielleicht doch die Behörden versagt haben, weil sie nicht eindringlich genug gewarnt hätten. Es liegen aber genügend Beweise vor, dass die Warnungen breit gestreut worden waren. Allein aber in der besagten Lücke verharrend verpassten sie, daran zu denken, dass es sie so hart treffen könnte. «Schlechtes Wetter gab es immer. Es wird wohl nicht so schlimm kommen.»

Ähnlich melden sich grosse Gruppen, die die Warnung vor Covid-19 nicht ernst nehmen und sich erlauben, aggressiv gegen die Massnahmen der Behörden zu agieren. Diese Gruppen könnten aber doch erkennen, dass sie die Realität unterschätzt und verharmlost haben. Sind sie gar selbst betroffen, meldet sich auch bei ihnen die Realität, die schon Millionen ins Elend gestürzt hat. Der Mensch ist das Wesen, «das nicht zwangsläufig und aus Existenznot jederzeit realistisch sein muss, weil es alle Arten und Grade von Distanz zur Realität ausgebildet hat», sagt Hans Blumenberg. Wie selten bevor konnte in der Pandemie und dem schleichenden Daherkommen des Klimawandels diese Distanzierung klarer wahrgenommen werden. Unverständlich ist die Distanzierung schon deshalb, weil weit über einer Million Corona-Tote zu beklagen sind und noch weitere Millionen schwer erkrankter Menschen unter den Folgen der Ansteckung leiden. Hier also besteht kein Raum für Realitätsverweigerung.

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1 Kommentar

  1. Corona-Realität:
    Leider sind die veröffentlichten Daten eher verwirrend als Vertrauen stiftend.
    Da z.B. in den mir bekannten Statistiken nicht unterschieden wird ob jemand «mit» oder «an» Corona gestorben ist, frage ich Sie, woher Sie wissen, wieviele Menschen «an» Corona gestorben sind?
    Ein weiteres Beispiel: gemäss admin.ch-Statistik werden die Intensiv-Betten in letzter Zeit am Freitag Abend auf 1/3 runter geleert, am Montag wieder nachgefüllt??? Und ihre Gesamtzahl, die vor ca. 1 Jahr mit 1500 schweizweit angegeben wurde, sank bis Anfang 2021 auf 1000 und liegt heute bei ca. 840. https://www.covid19.admin.ch/de/hosp-capacity/icu

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