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Klaviere in klirrender Kälte

Ein solcher Titel mag paradox klingen: «Sibiriens vergessene Klaviere». Oder schlicht logisch: Wenn schon einmal ein Klavier nach Sibirien gerät, kann es nur vergessen gehen. Die englische Autorin Sophy Roberts belehrt uns eines Besseren. Das Reisen kommt dabei nicht zu kurz.

Wer an Sibirien denkt, hat eine schier endlose Landschaft vor Augen, riesige Wälder, monatelange Kälte, kurze feuchtheisse Sommer und – in neuester Zeit – verheerende Waldbrände. Sibirien birgt Schätze aller Art: das Mammut für Paläontologen, für Geologen Erdöl und Erdgas, Gold und andere Bodenschätze; die Frühgeschichte des Menschen hat ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt: Das Grauen von Zwangslagern wie Gulag.

Diese unendliche Region mit seiner Grösse von ca. 13,1 Mio. km2 – zum Vergleich: Europa erstreckt sich über 10,5 Mio. km2 – lockte schon vor Jahrhunderten wissensdurstige und abenteuerlustige Reisende an. Der Drang der Zaren, ihre Herrschaft zu erweitern, trug ebenfalls zur Erkundung Sibiriens bei. Vielleicht haben Sie in Ihrer Jugend Romane über Entdecker und Abenteurer gelesen: Einer von ihnen war der Däne Vitus Jonassen Bering (Er starb 1741 auf Awatscha, der Beringinsel), Marineoffizier in russischen Diensten. Er leitete zwei Kamtschatka-Expeditionen und galt als «Kolumbus des Zaren». Er bewies, dass Asien und Nordamerika nicht miteinander verbunden sind.

Tundra im Gebiet der Nenzen (Nordwest-Sibirien) © Dr. Andreas Hugentobler

Sophy Roberts beschreibt in einem einleitenden Kapitel leicht verständlich, wie Sibirien nach und nach erobert und kolonisiert wurde, wie es nach dem Sturz der Zarenfamilie ein Rückzugsort wurde, im 2. Weltkrieg Schutz vor den Nazis bot und wie wir uns Sibirien als Verbannungsort vorstellen müssen. Mit dem Bau von Städten jenseits des Urals, Tomsk, Akademgorodok, Irkutsk oder Chabarowsk kamen Menschen, die Musik liebten oder selbst ausübten, ungeachtet der schwierigen klimatischen Bedingungen. Um Klavieren auf die Spur zu kommen, suchte die Autorin zuweilen nach Klavierstimmern. Die wussten am besten Bescheid über Instrumente, die sie betreuten.

Die Werkzeuge eines Klavierstimmers / commons.wikimedia.org

Die Familie Lomatschenko vereint drei Generationen von Klavierstimmern. – So stark ihr Interesse für Klaviere als Zeichen gelebter Kultur ist, so sehr liegen Sophy Roberts die Menschen und ihre Geschichten am Herzen. Wie ein roter Faden zieht sich ihre Suche nach einem geeigneten Klavier für Odgerel, eine junge mongolische Meisterpianistin, durch das Buch. Diese spielt in ihrer Jurte Bach und wünscht sich, ihre Kunst ihren mongolischen Musikfreunden nahezubringen. Igor Lomatschenko zeigt Sophy Roberts einen Grotian-Steinweg-Flügel aus den 1930er Jahren, ein besonderes Instrument für eine ungewöhnliche Frau. Die Autorin erinnert sich, was ein Freund ihr gesagt hatte: «Wenn Sie ein Klavier finden, das allen gefällt, dann fehlt etwas. Sie sollten eins finden, in das jemand leidenschaftlich verliebt ist.» Dieser Flügel ist es, am Ende des Buches gelangt er zu Odgerel.

Sophy Roberts  © Michael Turek

Die Autorin lebt in West Dorset (GB). Sie studierte unter anderem in Oxford und an der Columbia University NY. Sie arbeitete bisher als Reisejournalistin für Condé Nast Traveller, The Economist und Financial Times Weekend. Mit Sibiriens vergessene Klaviere veröffentlicht sie ihr erstes Buch. Es zeichnet sich aus durch die gelungene Kombination von historischen Ereignissen und packenden Erzählungen über persönliche Begegnungen mit Menschen, die nicht nur mit einem Klavier zu tun haben, immer jedoch geprägt vom grossen Respekt und vom Feingefühl der Autorin für ihre Gesprächspartner.

Die Geschichten der Lebenden und ihrer Familien sind von schmerzhaften Erfahrungen während des 2. Weltkriegs und während Stalins Schreckensherrschaft geprägt. Roberts zitiert Solschenizyn, aber u.a. auch Anton Tschechow, der nach Sachalin reiste und über die zehrende Kälte klagte. Zu Zarenzeiten konnten Verbannte ihre ganze Familie nach Sibirien mitnehmen. Auch aus diesem Grund kamen ein paar Klaviere ins unwirtliche Sibirien.

Roberts unternahm mehrere Reisen, um ihrem Thema, das sie je länger je mehr faszinierte, gerecht zu werden. Sie lernte Nenzen, sibirische Ureinwohner, kennen, hörte bei ihnen auf der Halbinsel Jamal ein Beethoven-Konzert in einem roten Zelt; sie folgte den Spuren Chopins und Liszts; sie unternahm sogar einen Abstecher ins heutige China, nach Harbin, das im Zarenreich zu Russland gehört hatte und «Moskau des Ostens» genannt wurde.

Ein Kapitel handelt von Musik im Gulag: In Magadan, der Hauptstadt der Provinz Kolyma, stand ein Musik- und Schauspielhaus, von Häftlingen erbaut. Roberts fand ein Foto aus den 1940er Jahren mit einem Flügel in einem leeren Saal, auf dem Häftlinge spielen mussten – vielleicht war es eher ein Spielen-Dürfen. Über dieses Klavier, das sie selbst sah und von dem sie bei Solschenizyn gelesen hatte, schreibt Sophy Roberts: «Es war etwas Rätselhaftes an ihm, wie eine schwarze Krähe, die zum Flug ansetzte aus dem Aufführungssaal in einer der gefürchtetsten Gulag-Zonen der UdSSR – ein Klavier, auf dem eine Reihe von freien Bürgern wie von verfolgten Musikern gespielt hatte.»

Humor fehlt nicht in Roberts Erzählungen. Sie erzählt, wie sie bei der Verlängerung ihres Visums in London nicht ernst genommen wurde, als sie ihr wahres Ziel nannte. Sie zitiert Swjatoslaw Richter, der einem Neugierigen einmal gesagt hatte: «Ich interessiere mich dafür, dort zu sein, wo ich noch nicht war.» Und sie räumt selbst ein: «Ich wusste, dass dieses Unterfangen von einem gewissen Mass an Verrücktheit durchsetzt war.» – Zu unserem Glück! Denn ein derart vielschichtiges Buch, spannend bis zur letzten Seite, ist ein Gewinn für alle, die es zur Hand nehmen. Im Buch sind historische Fotos abgedruckt und zur groben Orientierung Landkarten von Sibirien.

Sophy Roberts: Sibiriens vergessene Klaviere. Auf der Suche nach der Geschichte, die sie erzählen. Übersetzung aus dem Englischen von Brigitte Hilzensauer. Paul Zsolnay Verlag Wien 2020. 398 Seiten. ISBN 978-3-552-07205-3

Titelbild: Tafelklavier, Ignaz Bösendorfer, Mahagoni furniert, Wien 1828 (das älteste erhaltene Tafelklavier der Fa. Bösendorfer) © Foto: Andreas Praefcke / commons.wikimedia.org

Nachtrag:
Helen Stehli Pfister hat in ihrem neuesten Film einen jungen Musiker porträtiert und ihn auf seinem Weg von Sibirien, aus Jakutien, in die Schweiz begleitet.
Sergey Tanin – der Pianist, der aus der Kälte kam

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