FrontKulturEin Dorf wird belogen

Ein Dorf wird belogen

Wenn Behörden irren oder gar lügen, kann das für die Bevölkerung schlimme Folgen haben. Das zeigt eindrücklich und anteilnehmend der Film «Mitholz» von Theo Stich – und wird exemplarisch zu einem allgemeingültigen Dokument.

Mitholz, ein Dorf im Berner Oberland, wurde 1947 zerstört, als ein Munitionsdepot der Schweizer Armee explodierte. Neun Menschen starben. Das Dorf wurde wieder aufgebaut, die tragische Geschichte geriet in Vergessenheit. Nach Jahrzehnten der Geheimhaltung erfährt die Bevölkerung im Juni 2018, dass die Gefahr nicht gebannt sei. Die Munition, die damals nicht explodierte, liegt immer noch unter den zusammengestürzten Felsen. Die Behörden sind entschlossen, sie wegzuräumen, was für die Bewohnerinnen und Bewohner bedeutet, ihre Heimat verlassen zu müssen. Eine Geschichte von Vertrauensmissbrauch und Versäumnissen des Staates, für welche die Bevölkerung einen hohen Preis zu bezahlen hat.

Blick auf das Dorf Mitholz

Theo Stich, der Filmemacher, wurde 1960 in Stans geboren, studierte Geschichte, deutschen Literatur und Philosophie an der Universität Basel, wurde Mitarbeiter des Archivs für Zeitgeschichte der ETH und arbeitete als Redaktor und Realisator beim Schweizer Fernsehen. Seit 1996 ist er freischaffender Autor, Regisseur und Produzent zahlreicher Dokumentarfilme.

Mit dem Film «Mitholz» ist Theo Stich und seinem Team, vorab Severin Rüegg für die Recherchen, Peter Guyer die Kamera und Balz Bachmann die Musik, ein schönes, intensives und nachhaltiges Dokument gelungen, das ein Schweizer Ereignis untersucht, öffentlich macht und dabei Grundsätzliches zutage fördert, das noch lange die Zukunft beeinflussen wird.


«Fuss gefasst im Dorf habe ich erst jetzt, da wir gehen müssen.» Verena Zumkehr, Bewohnerin und Lehrerin von Mitholz

Die verschleierten Anfänge

«Den Leuten sagte man, da drin seien Teigwaren eingelagert, damit wir im Kriegsfall zu Essen hätten. Damit hat man uns abgespeist», meint Regina Trachsel, eine Bewohnerin von Mitholz. Der gleichnamige Dokumentarfilm erzählt vom Dorf und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern, die von einer alten Geschichte eingeholt werden. Während des Zweiten Weltkriegs baut die Schweizer Armee in der Fluh von Mitholz ein riesiges Munitionslager. Es soll den Nachschub für die Truppen, bei ihrem Rückzug ins Reduit, gewährleisten. Eine Strategie, die auf General Henri Guisan zurückgeht, der glaubte, damit die Schweiz am besten verteidigen zu können.

Tatsächlich bleibt die Schweiz, abgesehen von einigen Bombardierungen an der Grenze, vom Krieg verschont. Mehr Probleme als der Feind schafft der Armee die Lagerung ihrer Munition. Unmittelbar nach dem Krieg kommt es zu Explosionen in Munitionsdepots. Die grösste ereignet sich in der Festung Dailly bei Saint-Maurice. Zehn Arbeiter sterben. Die Armeeführung diskutiert Massnahmen, verzichtet aber darauf, die Vorschriften für die Lagerung der Munition zu verschärfen. Erst nach der Explosion von Mitholz entschliesst sie sich zum Schritt, fortan Munition und Sprengstoff getrennt zu lagern. Nichtsdestotrotz verzichtet der Untersuchungsrichter auf eine Anklage gegen die verantwortlichen Offiziere. Das Dorf Mitholz wird dank der Entschädigung durch den Bund wieder aufgebaut. Die tragische Geschichte aber gerät in Vergessenheit.

Die Armee hat das zerstörte Munitionsdepot zwar geräumt und Hunderte von Tonnen Munition gesprengt oder im Thunersee versenkt. Sie verschweigt der Bevölkerung aber, dass unter dem eingestürzten Felsen über 3000 Tonnen Munition verschüttet liegen. Erst 70 Jahre später, Ende Juni 2018, überbringen Vertreter des VBS, des Eidgenössische Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, den Bewohnerinnen und Bewohnern von Mitholz die Hiobsbotschaft.


Ein Fels mit dunkler Geschichte

Die dramatische Wende

Bis zu diesem Zeitpunkt haben Armee und Verantwortliche des EMD bzw. VBS die verschüttete Munition nicht als Gefahr betrachtet. Im Gegenteil: Nachdem das geräumte Munitionslager während Jahrzehnten leer stand, wird es in den 80er-Jahren ausgebaut, um Produktionsanlagen und Lagerräume der Armeeapotheke zu beherbergen. Selbst als das VBS ab 2010 anstelle der Armeeapotheke ein Rechenzentrum plant, ändert sich nichts an den Einschätzungen der Verantwortlichen. Erst als Munitionsfachleute und externe Sicherheitsexperten Anfang 2018 zum Schluss kommen, dass die verschüttete Munition immer noch gefährlich sei, kommt es zur dramatischen Wendung.

Während das VBS die Armeeapotheke im Herbst 2018 aus Sicherheitsgründen räumen lässt, hält es Sofortmassnahmen für die Bevölkerung immer noch nicht für angezeigt. Im Fall einer neuen Explosion sind vorerst nur zeitlich beschränkte Evakuationen vorgesehen. Für die Bewohnerinnen und Bewohner von Mitholz beginnt eine Zeit der Unsicherheiht und Ungewissheit. Kommt es zu einer Räumung der Munition? Und wäre dann ein Leben in Mitholz weiter möglich? Schliesslich legt das VBS im Februar 2020 anlässlich einer Informationsveranstaltung die Karten auf den Tisch. Es will die Munition definitiv räumen. Nach einer Vorbereitungszeit von zehn Jahren müssen die Bewohnerinnen und Bewohner das Dorf verlassen, spätestens 2030. Frühestens nach zehn Jahren können sie wieder zurückkehren.

Die Konsequenzen sind ein Schock für die Bevölkerung. Die meisten Familien leben seit Generationen in Mitholz und sind hier verwurzelt. Die Aussicht, die Heimat wohl für immer zu verlassen, lastet schwer auf vielen. Einige können dies akzeptieren, weil damit die Gefahr der verschütteten Munition für künftige Generationen aus der Welt geschafft würde; andere sind nicht bereit, ihr Zuhause aufzugeben. Ein offener Brief an Bundesrätin Amherd, von einem Drittel der Bevölkerung unterzeichnet, macht Ohnmacht und Unmut deutlich. Der Bundesrat stellt sich im Dezember 2020 hinter die Strategie des VBS. Damit ist das Schicksal der Bevölkerung von Mitholz besiegelt. Weil Schutzbauten für Bahn und Strasse notwendig sind, müssen die ersten Bewohnerinnen und Bewohner das Dorf bereits 2025 verlassen. «Man weiss etwas mehr und trotzdem nichts.» Dieser Satz nach dem Infoabend umschreibt die Stimmung der Menschen in Mitholz.


«Das Dorf Mitholz könnte 2040 eine richtige Perle innerhalb der Region werden. Das ist meine Vision.» Roman Lanz, Gemeindepräsident von Kandergrund

«Vertrauen ist gut, Kontrolle besser»

Der bekannte Satz, der Lenin zugeschrieben wird, ist mir in den Sinn gekommen, nachdem ich die Mitholz-Geschichte im Film kennengelernt habe. Zugegeben, weltweit gibt es grössere Tragödien als die von Mitholz. Doch stecken dahinter Abläufe, zeigt sich Grundsätzliches, das zudem noch weit in die Zukunft wirken dürfte, was die Geschichte so wichtig macht.

Einmal ist es der blinde Glaube an die Reduit-Ideologie, auf welcher damals das Prinzip der Abschreckung beruhte, dem kritisch nachzufragen heute wohl erlaubt sein müsste. Denn wer hätte damit eigentlich geschützt werden sollen?

Dass in diesem Zusammenhang allmählich und mit Fug und Recht gefragt werden darf, warum noch heute da und dort in den Stuben der Nachkriegsgeneration Bilder von General Guisan aufgehängt sind.

Auch herrscht noch immer in vielen Köpfen die Meinung, dass die Soldaten an der Grenze Hitler von der Schweiz abgehalten habe, nicht die Taktiker und die Kollaborateure wie Emil Georg Bührle mit seiner Munitionsfabrik.

Grundsätzlich könnten bei den Diskussionen um Mitholz der letzten Jahrzehnte da und dort leise oder laute Zweifel an der Kompetenz der hochdekorierten Armee-Elite, damals wie heute, angebracht sein.

Weiter müssten wohl endlich die Hindernisse für eine wirkliche Aufklärung, die «internen» Untersuchungen und die bis 80-jährigen Sperrfristen abgeschafft werden und durch transparente Verfahren ersetzt werden.

Abschliessend und grundsätzlich möchte ich jedoch festhalten, dass diese Kritiken nicht der Film vorträgt. Er beschreibt neutral, anteilnehmend und so objektiv wie möglich, wie alles ablief. Diese Anmerkungen sind Ergebnisse meines persönlichen Weiterdenkens, die bei andern auch anders hätten ausfallen können.

Titelbild: Menschen in Mitholz mit ungewisser Zukunft

Kurze Chronologie der Ereignisse – Motivation des Regisseur Theo Stich PDF

Regie: Theo Stich, Produktion: 2021, Länge: 89 min, Verleih: Frenetic


Siehe auch Beitrag «Ein Dorf im Kino» von Josef Ritler

2 Kommentare

  1. Merci à Theo Stich, Regisseur, pour ce film documentaire consacré à Mitholz. Le déracinement pour ces générations «verwurzelt» est très lourd à envisager… Sous le titre «Un avenir incertain», ce documentaire devrait absolument passer à la TV Suisse en version française (Übersetzung).
    André Durussel, Autor A*dS.

  2. Wo war hier die Korrekturperson?

    Sprengstoff ghttps://seniorweb.ch/2021/08/25/ein-dorf-im-kino/etrennt zu lagern.

    Schock für die Bevhttps://seniorweb.ch/2021/08/25/ein-dorf-im-kino/ölkerung.

    eine Zeit der Unsicherheihttps://seniorweb.ch/2021/08/25/ein-dorf-im-kino/t und Ungewissheit.

    Ist das Einfügen von Links so schwierig?

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