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Ein Dorf im Kino

Die Bewohner von Mitholz BE müssen ihre Häuser verlassen, weil das Munitionsdepot der Armee entsorgt werden muss. Die tragische Geschichte ist jetzt im Kino zu sehen.

Im Jahr 1947 wurde das Munitionsdepot der Schweizer Armee in Mitholz BE durch die Explosion zerstört. Rund 3000 der eingelagerten 7000 Tonnen Munition flogen durch die Luft. Über 40 Häuser wurden beschädigt, davon mussten 20 neu gebaut werden. Schätzungen zufolge betrug der gesamte Schaden rund 100 Millionen Franken.


Die Open-Air-Aufführung fand grossen Anklang

Nach Jahrzehnten der Geheimhaltung erfährt die Bevölkerung erst 2018, dass die Gefahr nicht gebannt ist. Die noch im Fels lagernde Munition muss entsorgt werden. Und es geht nicht anders:  Die Bevölkerung muss das Dorf verlassen, frühestens ab 2031.

Filmer Theo Stich

Auf diese Geschichte ist der in Luzern lebende Historiker und Filmemacher Theo Stich gestossen. In jahrelanger Vorarbeit hat er nun diesen 80-minütigen Film erstellt, der jetzt in die Kinos kommt. Der Film erzählt, wie die Explosion 9 Menschen das Leben gekostet hat. Und er lässt Leute vom Dorf zu Wort kommen. Sie erzählen, wie es ist, aus dem eigenen Haus wegzuziehen, jetzt wo Jahre nach der Explosion die Situation noch gefährlich ist.


Paul Trachsel und Regina Trachsel gehören zu den Protagonisten

Im Juli dieses Jahres im Openair-Kino in Spiez am Thunersee. Paul Trachsel (86) hält die Hand seiner Frau Regina (83). Zusammen mit 250 Zuschauern schauen sie die Erstaufführung des Films an. Das Ehepaar kommt im Film öfters vor, sie erzählen von ihrer Verzweiflung, als sie erfuhren, dass alle Bewohner das Dorf verlassen müssen.


Die Festung

Der Film hat die Zuschauer aufgewühlt. Regina Trachsel erklärte nach der Premiere: «Ich erwarte, dass die Leute vom Film aufgerüttelt werden und nicht nur das Zeug lesen, das im lokalen Blättli kommt. Meine Enkelinnen haben Unterschriften gesammelt und der Bundesrätin einen Brief geschrieben. Die Reaktionen waren ablehnend. Schon bei unseren Vorfahren wurde nichts gesagt. Wenn man etwas wissen wollte, hiess es, wir sagen nichts. Es war ein grosser Schock für uns. Wir bleiben da, so lange es geht. Wir gehen nicht weg.»

Ein Mann sagte: «Wir sind froh, gibt es diesen Film. So lange man uns nicht vergisst, leben wir.»


Das Ehepaar Trachsel wird bei der Filmpremiere befragt:»Wir sind wütend!»

Die umfangreichen Recherchen waren für Theo Stich sehr mühsam. Das VBS weigerte sich anfänglich, die Dreherlaubnis zu erteilen. Im Bundesarchiv waren gewisse Dokumente mit einer Sperrfrist von 80 Jahren belegt. Erst im Oktober 2018 konnte der Filmer die ersten Aufnahmen bei einer Infoveranstaltung in der Turnhalle in Mitholz realisieren, als man die Bevölkerung erstmals umfassend über die Gefahren und die Folgen informierte.

Ins Innere der Anlage durfte die Film-Crew, als die bisher unbekannte Armee-Apotheke neben dem Munitionslager geräumt wurde. Mit Material von der Filmwochenschau und vom Armeefilmdienst wurden weitere Zeitdokumente für den Film verwendet. «Von da an konnte ich mit dem VBS gut zusammen arbeiten. Sie haben mir die nötigen Bewilligungen erteilt», erzählte der Filmemacher.

Jetzt hoffen die Bewohner, dass es doch noch eine Lösung gibt.

Frau Trachsel: «Wir haben eine Wut und wir hoffen, es hilft uns jemand. Es ist nicht mit ehrlichen Dingen zugegangen. Wir können uns keinen Anwalt leisten.»

Der Gemeindepräsident Roman Lanz und der Filmer Theo Stich finden, dass man die Probleme jetzt angehen und nicht der nächsten Generation überlassen sollte.

Fotos: Josef Ritler, ZVG

Siehe auch Filmbesprechung «Ein Dorf wird belogen» von Hanspeter Stalder

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