FrontKulturWortwaren – gesammelt von Kurt Marti

Wortwaren – gesammelt von Kurt Marti

Wortmagier, Theologe, Lyriker – einem der wichtigsten Autoren des Aufbruchs in den Sechziger und Siebziger Jahren widmet das Literaturmuseum Strauhof zum hundertsten Geburtstag die Ausstellung «Kurt Marti – Eros. Engagement. Endlichkeit».

Ein ganzes Lexikon auf Blättern an vier Zimmerwände angepinnt zum Lesen und Studieren: Der Wortwarenladen, eine Fleissarbeit, an der Kurt Marti (1921-2017) wohl ein halbes Leben immer wieder sass, wurde erst nach seinem Tod gefunden. Nun ist zum hundertsten Geburtsjahr des Autors und Pfarrers dieses Konvolut nicht nur ausgestellt, sondern als Taschenbuch erschienen. Fast zweieinhalbtausend Neologismen aus 350 Jahren deutscher Literatur hat Marti zusammengetragen, laufend ergänzt und immer wieder abgetippt, wie das Faksimile und die üppig korrigierten und ergänzten originalen Einzelblätter in der Vitrine mitten im Raum zeigen.

Der Wortwarenladen von Kurt Marti. Foto: Zeljko Gataric / Strauhof

Als leidenschaftlicher Leser und fleissiger Sammler hat Marti die in seinen Lektüren aufgespürten Neuschöpfungen notiert und thematisch geordnet. Innerhalb der einzelnen Wortfelder sind die Begriffe alphabetisch sortiert und zu unserer Freude mit dem Namen des Urhebers oder der Erfinderin vermerkt. Nein, der Wortwarenladen ist keine Dichtung, aber die akribische Sammlung eines sprachversessenen Dichters, grad recht, sich darin länger zu verweilen. Es versteht sich von selbst, dass Klassiker wie Goethe oder Jean Paul oft aufscheinen, aber wohl am häufigsten fand Marti die Neologismen bei Arno Schmidt und bei Friederike Mayröcker.

Ein kleiner Test: Während Goethe immer wieder mit Wörtern im Bereich der Landschaft, der Pflanzen oder der Wetterphänomene zitiert wird, wurde Marti für die Abteilung «Liebe Eros Sex» beim Dichter des Werther nicht fündig. Von Jean Paul indessen notierte Marti von abherzen bis Süssworte mehrere Neologismen, Mayröcker hat unter anderem lendenwegs oder sich unterhügeln und Venusmilch beigesteuert, und Arno Schmidt war erst recht kreativ, nur schon unter dem Buchstaben A sind es abgebuhlt, anäugeln, anbiegig, wobei seine Vorliebe für Assoziationen wie barfut oder walpurgisnackt den mitunter derben Sprachwitz dieses vergessenen Sprachschöpfers in Erinnerung ruft.

Aus: wär i ne didadichterich, Übersetzung eines Gedichts von Boris Vian, in: Die Tat, 3.1.1964gestaltet von Büro 146

Und subito suchen wir den Eros-Raum auf, den die Kuratoren für Kurt Marti eingerichtet haben, und lassen uns auf die ebenso zärtliche wie lustvolle Zweisamkeit mit Rösi ein: «ganz / von / dir / durchdut / rösi / ruht / sich / gut» ist die Nummer 16 von 24 Strophen des Gedichts o rösi du nuss. Oder wir hören uns ein Stück aus Martis Roman Die Riesin an – oder folgen der Spur der Liebe, die uns zu Martis theologischen Gedanken führt. Wir erfahren, dass Liebe ein zentraler Begriff in Martis Theologie ist. Ihm ist Gott Liebe, Zärtlichkeit eine Tugend. «Der Pfarrer und der Dichter sind eine Einheit,» sagt Klara Obermüller in dem Gespräch Vielleicht hat Gott sich den Dichter Kurt Marti gehalten, publiziert in der Zeitschrift Neue Wege 1/2.21, zu haben im Strauhof.

Geprägt von der Widerstandstheologie Karl Barths, hat sich Kurt Marti mit Worten und Taten gegen Atomwaffen, gegen den Vietnamkrieg der USA, gegen die saturierte Gesellschaft und deren fahrlässige Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen eingesetzt. Er war Mitbegründer der Erklärung von Bern und der Gruppe Olten, einer linken Schriftstellervereinigung. Martis Engagement ist der nächste Raum gewidmet. An der Wand das Gedicht 8 x vietbärn aus dem Mundart-Gedichtband rosa loui, einem Buch, das auch einem grossen Publikum damals zeigte, wie weit entfernt vom Heimattümelnden und nah an den aktuellen Zeitströmungen Lyrik sein kann. In dem politischen Gedichtzum Vietnamkrieg hält er den Finger für alle deutlich darauf, dass der Krieg im fernen Vietnam direkt etwas mit dem Leben in Bern zu tun hat, Stichworte sind Rüstungsfabriken, Napalm, Banken.

Aber seine radikale Haltung verbaute ihm auch die Karriere als Professor. Der hochbegabte Formulierer und Prediger erhielt eine Berufung der Universität Bern, aber der Berner Regierungsrat als übergeordnete Behörde lehnte den links stehenden Pfarrer Marti einfach ab. Dafür bekam er von der Uni den Ehrendoktor, dazu hatten die Regierer nichts zu sagen. Ein Filmausschnitt von Richard Dindos Dialog von 1971 erlaubt es, Marti beim Argumentieren mit dem schmählich verfolgten kommunistischen Denker und Kunsthistoriker Konrad Farner zuzuhören.

30 Wort-Bilder aus Marti-Texten als Kontrapunkt zum Wortwarenladen. Foto: Zeljko Gataric / Strauhof

Es gibt nebst einer Diaschau zu Leben und Werk auch Bilder in der Ausstellung, beispielsweise die 30 Wort-Bilder, welche die Kuratoren aus Martis Schriften destilliert haben: Seine Wortschöpfungen können sich durchaus neben jenen in seinem Wortwarenladen sehen lassen: Matriot, Ohrgie oder Automobilmachung, dazu Dreifel und Tiernis beispielsweise, oder auch Hanni. Hanni Morgenthaler hat er 1950 nach einem Jahr als Kriegsgefangenenseelsorger in Paris geheiratet. Sie hatten drei Söhne und eine Tochter und blieben ein liebendes Paar bis Hanni 2007 starb. Bis zur Pensionierung übte er den Beruf des Pfarrers aus, beliebt, geschätzt und auch heftig kritisiert. Als Witwer veröffentlichte er sein essayistisches Werk Notizen und Details, das letzte Buch ist Heilige Vergänglichkeit. Spätsätze.

Hanni & Kurt Marti (1977) |Fotograf unbekannt, © Kurt Marti Stiftung

Als er 1970 seinen Nachruf «Nach Penndels Rezept» für den Sammelband Vorletzte Worte – Schriftsteller schreiben ihren eigenen Nachruf, entstand eine geistreiche Ich-Darstellung – beginnend mit Fakten wie Körpergrösse, Heimatort usw., endend mit Daten zur Familie, dazwischen gesammelte Kommentare, die heute ebensogut Hass-Tweets sein könnten, denen er versöhnlich entgegnet: «Leute, die auf mich böse sind, sind deshalb keine bösen Leute (…).

Ein weiteres Buch hängt im ersten Geschoss des Strauhof Seite für Seite an der Wand: die Leichenreden von 1969. Das Papier-Band führt auf Augenhöhe in den Raum der Endlichkeit. Abdankungsgottesdienste gehörten zu seinem Beruf, in den Leichenreden schreibt er über den Tod, der alle irgendwann trifft – haben sie nun glücklich und erfüllt, oder ohne jede Lebenslust oder in Erwartung des Jenseits, das ein «menschlicher Wunschtraum» bleibe, gelebt. Da ist jener, der aufs Eigenheim spart und schuftet und dem schliesslich die Urne dazu wird, oder die gute Ehe, die mit dem Tod endet.

Aus den Leichenreden der Nachruf auf «eine gute ehe»

Zur Ausstellung sind mehrere Veranstaltungen geplant, aber vor allem heisst es, hingehen und lesen, lesen, lesen, wie aktuell die Worte des Dichters und Aktivisten geblieben sind. Seine Lyrik zeitgenössisch und musikalisch umgesetzt gibt es über Kopfhörer, nämlich Kei Angscht von Rapperin Steffe la Cheffe und Argumänt von Lo & Leduc.

Titelbild: Kurt Marti 2013. Fotograf unbekannt, © Kurt Marti Stiftung
Bis 21. November
Hier finden Sie Informationen zum Strauhof zur Ausstellung und zu den Veranstaltungen.
Kurt Marti: Wortwarenladen. hg von Muriel Fischer, Rémi Jaccard, Andreas Mauz und Philip Sippel. Verlag Urs Engeler 2021. ISBN 9-783-906050-84-3

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