FrontKulturVon der Schwierigkeit, sich zu verändern

Von der Schwierigkeit, sich zu verändern

Die Gesellschaft ist im permanenten Wandel. Wie gehen die verschiedenen Generationen damit um? Mit dieser Frage beschäftigt sich das «Theater an der Effingerstrasse» in «Das Haus», einer Komödie mit Eskalationspotential. Der Bezug zu den Corona-bedingten Veränderungen liegt ungewollt auf der Hand.

Ohne den neuen Gesundheitsstandard «3G» geht an den Theaterhäusern der Bundesstadt gar nichts mehr. Das entsprechende Covid-Zertifikat muss sowohl im «Theater an der Effingerstrasse» als auch bei «Bühnen Bern» zusammen mit einem amtlichen Ausweis vor dem Einlass vorgewiesen werden. Das «Effinger» bekam diese neue, angesichts der Hartnäckigkeit der Pandemie berechtigte Vorschrift anlässlich der Saisoneröffnung gleich zu spüren: Ungewohnterweise war der Theatersaal zur Premiere der schwarzhumorigen Komödie «Das Haus» des Amerikaners Brian Parks nicht ausverkauft. Offenbar sind etliche der bislang so treuen Abonnentinnen und Abonnenten nicht zu Veränderungen bereit.

Veränderungsbereitschaft indes ist heute in allen Lebenslagen eine wichtige Voraussetzung, um mit dem Tempo unserer Gesellschaft mitzuhalten: Am Arbeitsplatz wird permanent restrukturiert, die Unternehmenskulturen sind im Fluss. Im Privaten ändern sich Familienverhältnisse durch Trennung, Scheidung oder Wohnungswechsel häufiger als früher. Der Freizeitbereich lockt mit immer neuen und noch verrückteren Angeboten. Mit der zunehmenden Individualisierung gehen Experimente, Kehrtwendungen und Richtungswechsel einher. Naturgemäss führen Veränderungen zu zwischenmenschlichen Debatten, Irritationen und Turbulenzen.

Die «Herren der Schöpfung»: Zumindest zu Beginn noch in Harmonie. David Fuchs und Gilles Tschudi.

Genau dies ist Thema der Schweizer Erstaufführung am «Effinger»: Ein Ehepaar (gespielt von Gilles Tschudi und Wiltrud Schneider), in der zweiten Lebenshälfte angekommen, die Kinder sind ausgeflogen, das geliebte Heim zu gross geworden, entschliesst sich, das Familiendomizil an ein junges Ehepaar (gespielt von David Fuchs und Tülin Pektas) zu verkaufen. Bis zur Schlüsselübergabe herrscht eitle Harmonie. Die Protagonisten pflegen einen übertrieben flapsigen Small-Talk. Man klopft sich auf die Schultern, umarmt sich, schlägt pfauenartig das Rad und überbietet sich gegenseitig mit Witz, ja Sarkasmus. Dabei werden keine Fettnäpfchen ausgelassen. Peinlich berührt lenken die Paare das Gespräch jeweils in eine neue Richtung, um gleich in die nächste Falle zu treten. Je länger das gegenseitige Hochjubeln dauert, desto absurder wird es.

Eskalation total: Gegenseitige Tricks und Beschuldigungen. Tülin Pektas, Gilles Tschudi, Wiltrud Schreiner und David Fuchs.

Nach dreissig Minuten Spiel entgleist das Schlüssel-Treffen vollends. Die Ankündigung der jungen Ehefrau, Lilli Lindner, es sei eine Vergrösserung der Küche geplant und zudem sollen einige Wände rot gestrichen werden, wirkt auf die bisherigen Hausbesitzer, das Ehepaar Rotemund, wie ein Hammerschlag. Sie wollen und können nicht begreifen, dass die neuen Besitzer das Haus modernisieren, auf die eigenen Bedürfnisse ausrichten und umbauen möchten. Für die Rotemunds ist das fehlender Respekt vor dem Bewährten und Vertrauten. Sie haben in der Annahme verkauft, es würde alles so bleiben wie es immer war. Die Lindners dagegen pochen auf Freiheit, Toleranz und den unterschriebenen Vertrag.

Die Lindners: Wollen unter allen Umständen sofort umbauen und die Wände neu streichen.

Die gegenseitigen Irritationen werden immer grösser. Regisseurin Dora Schneider nutzt das gesamte Eskalationspotential: Zähne werden entwurzelt, «man» reisst sich gegenseitig Bilder aus der Hand, drückt sich aufs Sofa, wirft mit Wasser und Wein um sich, eine Hand wird verletzt, «frau» fesselt ihre Gegenspielerin symbolisch mit der Telefonschnur. Die beiden Paare sind gefangen in ihren Gewohnheiten und Abwehrhaltungen: die Alten stemmen sich mit aller Gewalt gegen einen Umbau. Die Jungen pochen auf ihr neues Eigentum und wollen «à tout prix» bewährte Strukturen verändern. Ein Kompromiss ist unmöglich. Plötzlich ist das Haus eine angebliche Asbest-Ruine, Wasserleitungen sind kaputt, das Dach soll undicht sein.

Nach siebzig Minuten gipfelt das Chaos auf der Bühne in einem Brand. Die Küche steht in Flammen. Die nicht mehr verkaufswillige Frau Rotemund hat hinterrücks Feuer gelegt, um die Übergabe der Liegenschaft in letzter Minute zu verhindern. Lieber zerstört sie ihr geliebtes Eigentum, als dass sie den neuen Käufern die Möglichkeit für eine Veränderung, einen Umbau gibt.

Wie aus einem einfachen Hausverkauf ein zwischenmenschlicher Vollbrand werden kann.

Die Dialoge, Handlungen, Kehrtwendungen der vier gleichwertig auftretenden Protagonisten (in dem Stück gibt es nur Hauptrollen) machen deutlich, dass es nicht klug ist, sich nach einer grösseren Lebensveränderung rückwärts zu wenden und die alten Verhältnisse als Massstab für Neues zu nehmen. Besser schaut man vorwärts und beginnt von vorne. In einem Interview im Programmheft bestätigt Autor Brian Parks die Aussage der Dramaturgin Christiane Wagner: Das Stück «Das Haus»  erzählt viel über unsere Lebensräume, über die Schwierigkeiten, loszulassen sowie die Gestaltungsmöglichkeiten nachfolgender Generationen anzuerkennen. Jedes Loslassen ist eine Herausforderung: im Privaten, in der Freizeit, im Beruf, in der Politik und – last but not least – auch in der Akzeptanz bundesrätlicher Corona-Massnahmen.

 Alle Fotos © Severin Nowacki 

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